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Chinas lockere Geldpolitik : Nach der Party kommt die Angst

Ein Mitglied postet die Grafik des fallenden Aktienkurses. Wie weit geht es noch weiter abwärts? Es brauche eben länger als gedacht, bis der Markt wieder anziehe, macht sie Mut. Da haben die anderen so ihre Zweifel. Immer wieder fällt ein Begriff: „Gerou.“ Das eigene Fleisch abschneiden. Im Westen heißt es: Nicht ins fallende Messer greifen. Noch mehr Aktien kaufen, obwohl die Kurse fallen. Das soll man nicht tun laut einer Börsenweisheit, weil man dann noch mehr verlieren könnte. Die Chinesen tun es auch nicht, sie verkaufen. Und die Kurse fallen weiter. Nur Chinas Staat greift ins fallende Messer und kauft, dass es blutet.

Ein Ehepaar in der Gruppe führt eine Fabrik, die Industrieklebstoff für den deutschen Henkel-Konzern herstellt. Das Geschäft ist schwierig, die Gewinnmargen werden kleiner. Als im Frühjahr die Kurse in Schanghai durch die Decke gingen, wollten sie eigentlich die Fabrik ganz verkaufen und den Erlös komplett in den Aktienmarkt investieren. Der Mann hatte dann aber doch Bedenken. Das Paar verkaufte das Geschäft nur zur Hälfte. Das Geld, mit dem es an der Börse einstieg, ist nun weg. In der Gruppe wissen alle, das war ein harter Schlag. Das Vertrauen in die Weisheit der Regierung ist weg. Noch mehr: Vertrauen in die Redlichkeit des Staats ist verlorengegangen. „Wir wurden betrogen.“ Dieser Satz fällt häufig in der Gruppe „Sonnige Aktien“.

Kritik an der eigenen Regierung wird lauter

Chinas Börse war schon immer ein Kasino, doch die Menschen in der Gruppe sind nicht einfach Zocker. Sie haben hart gearbeitet für ihren Wohlstand. „Pioniere“ werden sie in China genannt: ambitioniert, gradlinig. Immer auf Wachstum getrimmt. Chinas Elite. Sie sind daran gewöhnt, Kredite aufzunehmen, um mit dem Kredithebel den Gewinn des Geschäfts zu steigern. Warum soll so etwas im Börsengeschäft anders sein? Das Land habe eine goldene Zukunft, hat ihnen die Politik versprochen. Jetzt steigen eben auch an der Börse die Kurse. Für die „Pioniere“ machte das Sinn. Also haben sie gehebelt: den Einsatz per Kredit um das Vierfache erhöht. Millionen Kleinanleger haben verloren, Putzfrauen, Torwächter, Taxifahrer. Vor allem aber die Elite. Die Masse des chinesischen Aktienmarkts entfällt auf Menschen wie die in der Gruppe „Sonnige Aktien“. Jetzt ist ihr Geld weg. Der Traum von der Europareise ist weg.

Um Kritik an der eigenen Regierung zu lesen, brauchen sie allerdings nicht ins Ausland zu fliegen, denn diese bricht sich bereits in einigen heimischen Medien Bahn. Das Prinzip Pekings beschreibt ein Broker im besten Wirtschaftsmagazin des Landes, „Caixin“: Seitdem ein staatliches Organ im Geheimen jeden Tag bestimmte Aktien kaufe, um den Markt zu stützen, für eine Billion Yuan allein in der zweiten Juliwoche, gehe es für Chinas Anleger nur noch um die Frage, herauszufinden, welche Aktien der Staat als Nächstes kaufen oder vom Handel ausschließen wird, wenn der Kurs stark gefallen ist - und ein- oder aussteigen. Die Entscheidung, eine Aktie zu kaufen, weil man an das Unternehmen glaubt, sei nicht mehr möglich in China. „Stattdessen versucht jetzt jeder herauszufinden, was die Regierung tun wird.“

Chinas Aktienmarkt sei kaputt, schreiben sie in der Gruppe „Sonnige Aktien“ am Mittwochabend. Oder doch etwa nicht? Die Kurse sind an diesem Tag wieder etwas gestiegen. Die Gruppe entspannt sich. Einer postet Bilder seines Babys, das an diesem Mittwoch geboren wurde. Nenn es „Hausse“, schreibt einer. Ein anderer gesteht der Gruppe, er habe am Morgen wieder gekauft, nachdem er gerade erst die Hälfte seiner Ersparnisse verloren hat. Drei Millionen Yuan eigenes Vermögen hatte er eingesetzt, dazu noch mal die dreifache Summe per Kredit. „Du bist verrückt“, schreibt einer. Die Antwort eines anderen erzählt die Geschichte eines Landes, das sich gerade erst aus der Armut befreit hat: „Ich will einfach nicht wieder zurück.“

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