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Chinas lockere Geldpolitik : Nach der Party kommt die Angst

L. J., eine Frau Mitte dreißig und im Besitz einer kleinen Fabrik, war zu langsam: „Dreißig Minuten nach Marktöffnung sind alle meine Aktien bis zum Limit gefallen.“ Einer hat sich den Nutzernamen „Einsamkeit“ gegeben. Den vielen Buddhafotos und Buddhazitaten nach zu schließen könnte er Buddhist sein. Die Bilder zeigen den eigenen Bauernhof mit Pfirsichbäumen. Buddhismus und Bauernhöfe auf dem Land sind der letzte Schrei unter Chinas Neureichen. „Einsamkeit“ schreibt: „Ich habe mich gerade verstümmelt. Ich habe den Rückzug angetreten. Ich fühle mich, als wartete ich auf den Tod. Ich kann nicht mehr mitzocken. Ich fühle mich verraten. Es wird gefährlich.“

Nicht oft entgleitet der Partei die Kontrolle

Eine andere in der Gruppe spricht ihm Mut zu: „Ich habe gelesen, das ,Nationalteam‘ wird den Markt besiegen.“ Daran glaubt „Einsamkeit“ nicht: „Ich bin raus.“ Das Nationalteam droht zu verlieren. Bis Mitte Juni hatte der chinesische Staat seine Börsenkurse mit lockerer Geldpolitik und Propaganda in den Staatsmedien um 150 Prozent getrieben. Die Zukunft des Landes sei golden, hieß es: Kauft Aktien chinesischer Unternehmen, und ihr werdet reich. Die Unternehmen sollten auf diese Weise zu Geld kommen, plante die Regierung: Geld für Wachstum, Geld für den Wandel von Chinas Volkswirtschaft in eine moderne Ökonomie, in dem nicht mehr verkrustete Staatskonzerne Stahlrolle auf Stahlrolle ausstießen, die gar nicht verkäuflich waren, weil es zu viel davon gab. An ihrer Stelle sollten kleine, innovative Technikfirmen das Land konkurrenzfähig machen mit Deutschland und den Vereinigten Staaten. Aber dafür brauchte es zunächst das Geld der chinesischen Anleger.

Nationalteam, was für ein Begriff. Ende Juni, nach dem ersten Schock, dass die Kurse zu stürzen begannen, nach der Erkenntnis, dass es mit der Realität nichts zu tun hatte, wenn bei Firmen, von denen nicht ganz klar war, was sie überhaupt herstellten, das Verhältnis von Aktienkurs und erwartetem Jahresgewinn dreißig Mal so hoch lag - da schrieben Chinas Staatsmedien nicht, jetzt übernehme der Staat die Kontrolle über den Markt und werde die Kurse wieder nach oben pressen, egal wie. Die Zeitungen schrieben, jetzt trete das „Nationalteam“ an.

Das klang phantastisch. Beim Wort „Nationalteam“ musste jeder an die chinesische Olympiamannschaft denken, die bei den Olympischen Spielen vor drei Jahren in London 38 Goldmedaillen geholt hatte und auf Rang zwei des Medaillenspiegels hinter Amerika gelandet war. Das Börsenrettungsnationalteam hatte nicht so viel trainiert wie die chinesischen Pingpong-Spieler, aber die Schlagkraft von einer halben Billion Dollar, die es in den Markt leitete, bringe den sicheren Sieg, dachte man. Brachte es aber nicht. Die Kurse fielen weiter.

Es kommt nicht oft vor, dass der Kommunistischen Partei Chinas die Kontrolle entgleitet. Alles in diesem Land wird kontrolliert. Es ist 27 Mal so groß wie Deutschland, aber die chinesische Regierung hat es geschafft, seit den siebziger Jahren 330 Millionen Geburten zu verhindern. Wenn es in der Wirtschaft mal schlecht aussah wie nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Westen, pumpte die Regierung Milliarden in die Märkte, und der Wachstumsmotor brummte wieder. Peking ist der Ansicht, der Westen manipuliere seine Märkte genauso. Der Begriff „Quantitative Lockerung“ wurde schließlich nicht in China erfunden, sondern in Japan und kam zur Blüte in Amerika nach dem Fall der Lehman-Bank. Heute wird der Begriff in Europa gebraucht.

Chinas Staat muss das fallende Messer auffangen

In China allerdings entsendet das Nationalteam sogar seine Polizei zu manchen, die im Verdacht stehen, Aktien in großem Stil zu verkaufen. Die Kurse fallen trotzdem weiter. Und die Mitglieder von „Sonnige Aktien“ fragen sich: entsteht die nächste Weltfinanzkrise vielleicht in China? „Die Regierung soll mir das Geld zurückgeben“, schreibt einer.

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