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Versicherer im Dilemma : Geldanlage - wie sie niemand empfiehlt

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Der Parketthandel in New York. Die deutschen Versicherer scheuen weiter das Risiko und investieren nur 4 Prozent in Aktien. Bild: AFP

Versicherer investieren Kundengeld noch immer in kaum rentierliche Anleihen. Ein Umdenken innerhalb der Branche ist nur bei einzelnen zu erkennen.

          3 Min.

          Gut 1,5 Billionen Euro haben die Deutschen der Versicherungswirtschaft zur Geldanlage anvertraut. Das ist fast ein Drittel ihrer Ersparnisse. Aber gehen die Versicherer damit auch vernünftig um? Die Zweifel nehmen beim Blick auf die Daten des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zu. 80 Prozent des Geldes wird in Anleihen investiert. Das war früher eine sichere und verlässliche Größe mit einem Zinsertrag, der garantierte Renditen der Versicherungen von 4 Prozent gut abbilden konnte. Aber heute, bei Renditen von Bundesanleihen nahe oder unter null und Magerrenditen auch bei vielen anderen Anleihen?

          Die Versicherer scheuen weiter das Risiko. Nur gut 3 Prozent ihres Vermögens sind in Immobilien angelegt, nur gut 4 Prozent in Aktien. Das sind 66 Milliarden Euro Aktienanlage, verglichen mit mehr als 1,2 Billionen Euro in Anleihen. Beteiligungen und „sonstige“ Geldanlagen machen die übrigen 12 Prozent aus. Eine derart anleihelastige Aufteilung eines Portfolios würde wohl kein Vermögensverwalter seinen Kunden für die langfristige Geldanlage empfehlen.

          Ein wirkliches Umdenken der Versicherer ist jedoch nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Vor zehn Jahren steckten „nur“ 72 Prozent in Anleihen, aber noch 9 Prozent in Aktien. Früher war der Aktienanteil noch viel höher. Warum nun also die Zurückhaltung, zumal kaum ein Fachmann Anleihen eine glorreiche Zeit für die nächsten Jahre voraussagt?

          Die Versicherer scheuen weiter das Risiko

          „Die Anleihe als sichere Anlageklasse ist für unser Geschäftsmodell unverzichtbar“, sagt Andreas Lindner, Chefanleger der Allianz Leben, die etwa 240 Milliarden Euro Kundengelder verwaltet. Versicherer machen Zusagen an Kunden, die viele Jahre später eingelöst werden müssen. Das bedarf einer langfristigen Planung und einer sicheren Kalkulation. Es bietet aber auch die Möglichkeit, die Vorteile einer langfristigen Geldanlage zu nutzen. „Bei erneuerbaren Energien würden wir gerne mehr machen“, sagt Lindner.

          „Windparks, Solarparks, aber auch Stromtrassen mit langfristig kalkulierbaren Zahlungsströmen über 30, 40 Jahre passen hervorragend zu uns als Langfristinvestor.“ In deutsche Staatsanleihen hat die Allianz seit längerer Zeit kein neues Geld mehr angelegt. „Dafür ist das Renditeniveau zu gering.“ Bevorzugt werden am Anleihemarkt Unternehmenstitel, Hypothekenpapiere, aber auch Staatsanleihen aus der europäischen Peripherie.

          Aktien machen 10 Prozent am Portfolio aus. Das ist im Branchenvergleich einer der Spitzenwerte. „Wir fühlen uns mit unserer Aktienquote wohl“, sagt Lindner. „Die Regulierung verhindert nicht direkt höhere Aktienquoten, aber fordert eine entsprechende Kapitalausstattung, um Kursrisiken von Aktien abfedern zu können.“ Das wollen oder können sich offenbar viele Versicherer nicht leisten. Anleihen werden von der Regulierung deutlich bevorzugt. „Es ist schon fragwürdig, warum Staatsanleihen generell weiterhin als risikolos eingestuft werden und kein Kapital zu hinterlegen ist, während für Aktien 35 Prozent fällig werden“, sagt Lindner.

          Den Kunden werden vermehrt aktienorientiertere Altersvorsorgeprodukte angeboten. Die Nachfrage ist da. „Die Garantien in der klassischen Lebensversicherung stehen zu Recht in der Diskussion“, sagt Lindner. „Wir raten den Kunden davon ab, denn sie nehmen ihnen Ertragschancen.“ Nur noch 14 Prozent der Allianz-Kunden schließen derzeit neue Verträge ab, die ihnen eine jährliche Mindestverzinsung von aktuell 1,25 Prozent garantieren. In der gesamten Branche ist der Anteil auch rückläufig, nach Verbandsangaben machen klassische Versicherungen aber immer noch 59 Prozent aus.

          Nicht alle Anleger sind von höhren Aktienanteilen begeistert

          „Bei unserem Produkt Komfort Dynamik garantieren wir den Beitragserhalt am Laufzeitende. Eine jährliche Mindestverzinsung wie beim klassischen Produkt gibt es hier jedoch nicht“, beschreibt Lindner eine seit 2015 angebotene Alternative. „Das angesparte Kapital kann daher in einzelnen Jahren auch rückläufig sein. Diese Mechanik ermöglicht jedoch Aktienquoten von 30 Prozent und mehr und damit deutlich höhere Ertragschancen für den Kunden.“ In dem Produkt Invest-Flex kann der Kunde seinen Aktienanteil sogar frei wählen.

          Begeistert sind aber längst nicht alle Anleger von höheren Aktienanteilen: „Das Sicherheitsbedürfnis der Anleger wiegt oft stärker als die Ertragschancen.“ In früheren Jahren hatten die Versicherer weit höhere Aktienquoten. Im Jahr 2000 betrug der Aktienanteil der Allianz bis zu 30 Prozent. 1990 waren es immerhin 14 Prozent.

          Aber auch jenseits höherer Aktienanteile versucht die Allianz ihr Portfolio stärker zu diversifizieren und damit die Bedeutung der Anleihen zu reduzieren. „Wir legen verstärkt einen Fokus auf börslich nicht handelbare Vermögensklassen wie Infrastruktur, Gewerbeimmobilien, erneuerbare Energien, aber auch auf Mittelstandskredite in den Vereinigten Staaten“, sagt Andreas Lindner.

          „Bei Gewerbeimmobilien fokussieren wir uns auf großvolumige Objekte in 1a-Lagen mit Investitionsvolumina von 200 Millionen Euro und mehr wie beispielsweise beim Dublin Shopping-Center, wo wir 900 Millionen Euro investiert haben. Hier können wir unsere Größenvorteile ausspielen und dem intensiven Bieterwettkampf entgehen, den wir bei mittelgroßen Objekten sehen.“ Bei Infrastrukturprojekten gebe es für private Investoren noch viel zu wenig Angebote in Deutschland. Auch die Mittelstandsfinanzierung, aus der sich international viele Banken zurückziehen, ist eine Lücke, die der Versicherer gerne füllt.

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