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Aktienmarkt : Gefährliche Schwankungen

Reichlich unübersichtlich. Bild: F.A.S.

Die Aktienkurse schlagen aus wie wild. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Sind die Märkte jetzt völlig übergeschnappt?

          5 Min.

          Am Montag: leicht im Minus. Am Dienstag: klar im Plus. Am Mittwoch: fast drei Prozent im Minus, ein heftiger Absturz. Am Donnerstag: wieder zwei Prozent im Plus. Am Freitag: leichte Erholung, noch mal zwei Prozent im Plus. Und was kommt morgen?

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nach fünf wilden Börsentagen hat der Dax die vergangene Woche zwar insgesamt mit einem Gewinn abgeschlossen, aber angesichts des heftigen Auf und Abs der Kurse hat nicht wenige Anleger die Furcht gepackt: Was ist bloß in die Aktienmärkte gefahren?

          Seit Anfang des Jahres schwanken die Kurse an den wichtigsten Börsenplätzen dieser Welt mit selten erlebter Heftigkeit. Innerhalb eines einzelnen Tages geht es mal um 100 Punkte rauf, meist aber dann auch wieder um 200, 300 oder 400 Punkte runter. Mehrmals am Tag wechseln Dax, Dow Jones und Co. die Richtung, der normale Anleger kommt kaum mehr hinterher. Beim ängstlichen Blick ins eigene Depot offenbart sich dann aber, was dieses Börsenjahr bislang angerichtet hat – vor allem Verluste. Der Dax hat seit dem ersten Handelstag 2016 um neun Prozent nachgegeben. Es ist einer der schlechtesten Jahresstarts seiner Geschichte.

          Dazu macht in diesen Tagen unter Profianlegern ein Fremdwort die Runde. Wie so oft an den Finanzmärkten klingt es für den Laien unverständlich und darum auch viel harmloser als es ist: Volatilität. Nüchtern übersetzt bedeutet der Begriff lediglich „Schwankung“, doch an den Börsen klingt immer auch die Angst vor nahendem Unheil mit, wenn von Volatilität die Rede ist: Kursverluste, Konfusion, womöglich gar Panik.

          Volatilität kann sehr gefährlich werden

          Es sind drei bange Fragen, die sich die Anleger nun stellen: Wo zum Teufel kommen auf einmal diese heftigen Kursausschläge her? Wie gefährlich sind sie? Und werden sie in den kommenden Wochen und Monaten weiter so hoch bleiben? Die Antwort auf die letzte Frage lautet: Es sieht ganz danach aus. Die beiden anderen Fragen machen es einem dagegen nicht ganz so leicht. Denn Volatilität hat in ihrem Wesen etwas Widersprüchliches, fast Geheimnisvolles.

          Das macht es so schwierig, sie zu deuten. Sind die Kursschwankungen niedrig, heißt dies einerseits, dass die Lage an den Märkten ruhig und niemand nervös ist. Dies kann andererseits die Anleger aber dazu verleiten, sich in falscher Sicherheit zu wiegen und hohe, vielleicht zu hohe Risiken einzugehen. Ist die Volatilität dagegen hoch, bedeutet dies zwar, dass die Situation an den Märkten unruhig und die meisten Anleger sehr nervös sind. Diese Verunsicherung sorgt jedoch gleichzeitig in der Regel dafür, dass sich die Anleger der Risiken in ihren Depots besser bewusst werden und vorsichtiger handeln.

          Sind die aktuellen Kursschwankungen also gar eine gute Sache? Auch wenn viele Geldverwalter dies häufig behaupten („günstige Einstiegsgelegenheit“), spricht derzeit nichts dafür. Denn zum Wesen der Volatilität gehört auch, dass sie sehr gefährlich werden kann. Sie verfügt nämlich über die unangenehme Eigenschaft, sich selbst zu nähren. Klingt etwas märchenhaft, kann aber an der Börse beispielsweise in folgende unangenehme Kettenreaktion münden: Die Kurse fallen, das macht andere Marktteilnehmer nervös und sie verkaufen ebenfalls.

          „Gleichzeitigkeit all dieser ungelösten Fragen ist das Problem“

          Andere wiederum wollen von diesem Sog nicht mitgerissen werden, sie versuchen noch vor dem großen Absturz auszusteigen, was den Verfall der Kurse ironischerweise nur verstärkt. So kann es sein, dass aus anfänglicher leichter Unruhe am Ende ein veritabler Crash wird. Nicht ohne Grund sagt darum David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt der Deutschen Bank: „Volatilität ist kritisch zu sehen, denn sie kann sich selbst verstärken.“

          Folkerts-Landau gehört zu einer Gruppe renommierter Beobachter der Kapitalmärkte, denen die aktuelle Börsensituation große Sorgen macht: „Die Kursschwankungen, die wir derzeit erleben, sind außergewöhnlich.“ Zwar gab es in der Finanzgeschichte durchaus Zeiten, in denen die Kurse noch stärker ausschlugen (nach der Lehman-Pleite beispielsweise). Außergewöhnlich an der derzeitigen Lage ist aber das gleichzeitige Auftreten verschiedener, enormer Unsicherheiten.

          Wie schlecht geht es China? Wie stark steht Amerika wirklich da? Was ist mit Europa? Wie tief kann der Ölpreis noch fallen? Stürzt die Welt am Ende gar in die Rezession? So sagt auch Philipp Waldstein, der als Geschäftsführer der Munich-Re-Investmentgesellschaft Meag für den Rückversicherer mehr als 200 Milliarden Euro anlegt: „Die Gleichzeitigkeit all dieser ungelösten Fragen ist das Problem.“

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