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Gastkommentar : Vom Gespenst einer Deflation

  • -Aktualisiert am

Preisdruck made in China - keine erfeuliche Aussicht Bild: dpa

Kolumnist Christopher Farrel nennt ernst zu nehmende Gründe, warum Amerika möglicherweise doch mit sinkenden Preisen rechnen muss.

          Was wird das neue Jahr bringen? Nach der Lektüre einiger Rückblicke auf das Jahr 2001 und Prognosen für 2002 ist man in der Analystengemeinde der Wall Street für das kommende Jahr zu einem Ergebnis gekommen, das sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: „besser, aber nicht großartig“.

          Bis jetzt haben mich die Argumente für eine schnelle Rückkehr zu einem Boom wie Ende der Neunzigerjahre nicht wirklich überzeugt. Die Gefahr, dass die US-Konjunktur wie die japanische stagniert, ist real, scheint aber sehr unwahrscheinlich.

          Deflation verringert die Gewinnaussichten der Unternehmen

          Was hätte eine geringe Deflation für Auswirkungen? Zum einen hätte sie eine höhere Kaufkraft zur Folge, da für heute verdientes Geld in Zukunft mehr Güter und Dienstleistungen erworben werden könnten. Sie hätte aber auch weitreichende negative Auswirkungen.

          In einer wirtschaftlichen Situation, die eher von Preissenkungen als -erhöhungen bestimmt ist, leiden die Gewinne der Unternehmen. Eine Deflation ist durch einstelliges Wachstum und geringe Börsengewinne gekennzeichnet. Durch immer schwerere Schuldenlasten könnten Konkursfälle bei Unternehmen und Privatpersonen das jetzt schon hohe Niveau noch übertreffen. Die Regierung müsste mit starken Protesten der Unternehmen rechnen, die versuchen würden, Konkurrenz durch effizient produzierende Firmen aus Entwicklungsländern zu blockieren. Kluge Manager sollten so ein Szenario in ihre Planungen einbeziehen.

          Überkapazitäten i n der Weltwirtschaft

          Der Trend hin zu einer geringen Deflation ist jedoch nicht nur konjunkturell bedingt. Kräftige Verschiebungen in der wirtschaftlichen Struktur Amerikas werden die Preise auch bei einer langsamen Erholung weiter nach unten drücken. Zum einen fallen die Preise in der Technologiebranche weiterhin schnell - und Hightech macht einen immer größeren Teil der US-Konjunktur aus. Zum anderen neigt die Weltwirtschaft zu Überkapazitäten und einem zu großen Angebot an Gütern aller Art, besonders da die Schwellenländer immer mehr Ressourcen für den Aufbau ihrer Exportindustrien verwenden.

          Edward Yardeni, Chief Investment Strategist bei Deutsche Banc Alex. Brown, meint, dass China nach der formellen Aufnahme in die Welthandelsorganisation (WTO) am 11. Dezember als riesiger Billigproduzent enormen Druck auf die Preise ausüben wird.

          Bis zum Zweiten Weltkrieg war die US-Konjunktur immer durch eine deflationäre Entwicklung bestimmt. Der amerikanische Index der Großhandelspreise veränderte sich zwischen 1790 und 1945 kaum. Die grundsätzliche Entwicklung ging immer hin zu einer geringen Deflation, unterbrochen durch kurze Ausbrüche heftiger inflationärer Tendenzen (zumeist in Kriegsjahren) und lähmende Anfälle von starker Deflation (typischerweise während eines Abschwungs).

          Der "schwächste Abschwung in den vergangenen 50 Jahren"

          Ich möchte niemandem Angst einjagen. Eine Deflation ist eher unwahrscheinlich. Allgemein ist man der Ansicht, dass die Rezession irgendwann in der ersten Hälfte des Jahres enden wird, und es wird erwartet, dass die Experten im National Bureau of Economic Research sie als den schwächsten Abschwung in den letzten 50 Jahren bezeichnen werden.

          Der größte unbekannte Faktor in allen Wirtschaftsprognosen für 2002 ist die schreckliche Möglichkeit eines weiteren Terroranschlags auf Amerika. Sollte es jedoch in den nächsten Jahren eine größere wirtschaftliche Überraschung geben, dann wohl die, wie Amerika von der ein halbes Jahrhundert währenden Sorge über eine Inflation zu Strategien im Kampf gegen eine weit verbreitete Deflation übergeht.

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