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Gastkommentar : Das Schlimmste steht Argentinien wohl noch bevor

  • -Aktualisiert am

Cry for me, Argentina Bild: AP

Die Erleichterung der Finanzmärkte war voreilig. Argentinien bleibt ein Pulverfass, meint Bloomberg-Kolumnist Tom Vogel.

          Von den Problemen Argentiniens geht eine Gefahr für die ganze Region aus, auch wenn es zumindest bisher nicht zu einer Ausbreitung der Finanzkrise gekommen ist. Sie bedrohen nämlich die Demokratie und die offenen Volkswirtschaften.

          Die Demokratie ist in Südamerika bereits schwer erschüttert. Die Absetzung des früheren peruanischen Präsidenten Alberto Fujimori im Jahr 2000 förderte einen Filz von Korruption und Menschenrechtsverletzungen zu Tage, in die unter anderem Vertreter des Militärs verwickelt waren. Der Präsident Venezuelas Hugo Chavez, ein Oberstleutnant a.D., der 1992 in einem blutigen Putschversuch vergeblich versuchte, die Regierung zu stürzen, sieht jetzt überall Verschwörungen. Und dann war da noch die kurze Intervention des Militärs in Ecuador während einer Wirtschaftskrise Anfang 2000.

          Die argentinische Krise birgt eine Menge sozialen Sprengstoff

          Anders als die Abwertung des mexikanischen Peso 1995, die Abwertung des brasilianischen Real 1999 und viele andere Abwertungen und Krisen in Lateinamerika im Laufe des letzten Jahrzehnts birgt die argentinische Finanzkrise eine Menge sozialen Sprengstoff. Die Straßen des Landes wurden bereits drei Mal von einer Welle der Gewalt heimgesucht, zuletzt als der argentinische Kongress am Dienstagabend Eduardo Duhalde zum neuen Präsidenten kürte

          Die Krise kann auch Anlass zu einer ernsthaften Neubewertung liberaler wirtschaftspolitischer Ansätze bieten, die darauf abzielen, die Einflussnahme des Staates zu verringern und die Volkswirtschaften einem stärkeren Wettbewerb zu öffnen.

          Duhalde favorisiert protektionistische Wirtschaftspolitik

          Der Kritiker einer freien Marktwirtschaft Duhalde, der als Fünfter innerhalb von weniger als zwei Wochen das Präsidentenamt angetreten hat, verdankt seinen politischen Aufstieg seinen Angriffen auf genau die Politik des freien Marktes und des ungehinderten Wettbewerbs, für die sein Vorgänger Fernando de la Rua und der frühere Wirtschaftsminister Domingo Cavallo eingetreten sind, die beide in der Woche vor Weihnachten zum Rücktritt gezwungen wurden. Offensichtlich favorisiert Duhalde eine protektionistischere und nationalistischere Wirtschaftspolitik.

          Duhalde hat es nicht bei seiner Kritik belassen, sondern seine Theorie auch in der Praxis erprobt. In den acht Jahren, in denen er die bevölkerungsreichste Provinz Argentiniens, Buenos Aires, regierte, erkaufte er sich mit einer ungebremsten Ausgabenpolitik Sympathien. Allerdings ist dadurch ein Schuldenproblem entstanden, das bis heute auf eine Lösung wartet. Nach der Amtszeit Duhaldes überstieg die Schuldenlast von Buenos Aires die aller anderen argentinischen Provinzen. Nun scheint er entschlossen, als Präsident Argentiniens bis 2003 nach demselben Muster zu verfahren.

          Die Argentinier sind wütend auf ihre politische Führung und befürchten, dass der Wert ihrer Ersparnisse durch eine Abwertung geschmälert werden könnte. Gleichzeitig ist eine Abwertung in der einen oder anderen Form aber unausweichlich. Um das Fass nicht erneut zum Überlaufen zu bringen, muss Duhalde also seinem Volk einen solchen Schritt versüßen. Dies bedeutet unter anderem höhere Staatsausgaben und Maßnahmen zum Schutz der angeschlagenen, nach wie vor nicht wettbewerbsfähigen nationalen Industrie. Allerdings befindet Duhalde sich in einer äußerst schwachen Ausgangsposition. Statt Neuwahlen anzuberaumen, die ihm die dringend benötigte Legitimität verschaffen könnten, hat der argentinische Kongress es vorgezogen, nur ein paar Tage nach dem erzwungenen Rücktritt des letzten Amtsträgers erneut einen Staatspräsidenten aus seinen Reihen zu wählen.

          Argentinien bleibt ein Pulverfass

          Die Argentinier haben die Wirtschaftskrise satt, aber ihnen steht noch Schlimmeres bevor. Die Abwertung wird Konkurse und ein weiterhin zögerliches Investitions- und Ausgabeverhalten nach sich ziehen. Um Argentinien jetzt zusammenzuhalten, bedarf es einer Führungspersönlichkeit, die über genügend Charisma verfügt, um die Menschen davon zu überzeugen, dass sie sich für mindestens ein paar Monate, wenn nicht noch länger, in ihr Leiden fügen müssen.

          Das ist eine schwierige Aufgabe. "Wenn diese Regierung scheitert, ist Argentinien verloren", warnt Diaz. Argentinien bleibt ein Pulverfass.

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