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Gastkommentar : Das Ebitda vernebelt den Blick auf das Unternehmensergebnis

  • -Aktualisiert am

Zugegeben, AOL Time Warner (AOL) und andere Unternehmen, die das Ebitda verwenden, weisen immer auch den Jahresüberschuss der Muttergesellschaft und andere essenzielle Größen aus, die von der Securities & Exchange Commission (SEC) verlangt werden. Nach Ansicht der Kritiker werde jedoch noch immer viel zu oft das Ebitda als das Maß aller Dinge hervorgehoben. So gebe AOL Time Warner seine Gewinnprognosen nur in Form des Ebitda heraus. Und auch die Leistungen jedes einzelnen Geschäftsbereichs werde nur mit Hilfe des Ebitda angegeben. Richard Parson, Chief Executive von AOL, verwendet das Akronym so häufig in seinen Gewinnmeldungen, dass er dafür bereits seine ganz individuelle Aussprache entwickelt hat: „Ibidda.“

Am 29. Januar werden die Anleger Parsons „Ibidda“ sehr häufig zu hören bekommen. Denn an diesem Tag wird AOL Time Warner die Ergebnisse des vierten Quartals bekannt geben. Das Ebitda 2002 soll rund 8,8 Milliarden Dollar betragen, eine Steigerung um fünf bis sechs Prozent. Das wurde bereits vorab angekündigt und klingt auch viel besser als ein Nettoverlust in Höhe von 53 Milliarden Dollar, gegenüber einem Vorjahresverlust von 4,9 Milliarden Dollar, den AOL wahrscheinlich vorzubringen hat.

Die hohe Verlustsumme für das Jahr 2002 wird Abschreibungen in Höhe von 54 Milliarden Dollar enthalten, und zwar für den Überschuss, den AOL für Vermögenswerte von Time Warner im Vergleich zu ihrem eigentlichen Wert gezahlt hat. Aber auch wenn man diese überdimensionalen nicht baren Kosten ausklammert, erzielte AOL nach Schätzungen des Analysten Michael Gallant von CIBC World Markets nur einen Ertrag in Höhe von rund 927 Millionen Dollar - oder weniger als zehn Prozent des Ebitda.

2003 wird AOL wahrscheinlich eine weitere Goodwill-Abschreibung vornehmen. Diese wird den geschmolzenen Wert von America Online widerspiegeln. Youssef Squali, Analyst bei First Albany, erwartet, dass diese zweite Abschreibung zehn Milliarden Dollar überschreiten wird. Aber sie wird natürlich nicht in AOLs Ebitda-Schätzung für 2003 auftauchen.

Die Frage nach den Zinszahlungen

Natürlich enthalte diese Ebitda-Berechnung nicht den großen Schuldenberg von AOL, merkt Robert Burgoyne, Finanzberater bei Ellicott City an. Mit langfristigen Krediten in Höhe von 28 Milliarden Dollar habe AOL im Jahr 2002 wahrscheinlich mehr als 1,7 Milliarden Dollar an Zinsen gezahlt. Die gleiche Summe dürfte wohl 2003 zu begleichen sein. Damit entsprächen die Zinszahlungen 20 Prozent des Ebitda. Die bevorzugte Methode zur Darstellung der Gewinne ignoriere jedoch einfach einen der größten Ausgabenblöcke.

Es ist natürlich nicht verboten, das Ebitda herauszuposaunen. Hunderte Unternehmen veröffentlichen ihr Ebitda und die meisten Investmentbanken erachten es immer noch als sinnvolle Kennzahl, um die Bonität eines Unternehmens zu beurteilen. „Letztlich ist es das Recht des Unternehmens auf die Redefreiheit,“ erklärt Professor Previts. So lange die Unternehmen in den Formularen für die Berichterstattung an die SEC all die geforderten Finanzdaten vorweisen würden, dürften sie in ihren Pressemitteilungen und Gewinnmeldungen ihre Zahlen auf jede beliebige Art und Weise veröffentlichen.

Das Problem im Fall AOL Time Warner sei, dass das Ebitda nicht das reflektiere, was wirklich passiert, meint Peter Cohan, ein unabhängiger Finanzberater in Malborough, Massachusetts. „Das Ebitda gehört zu den üblichen Weisheiten der Medienbranche, die jetzt noch weniger Sinn machen als je zuvor,“ bekräftigt er seine Aussage. AOL lehnte einen Kommentar ab, obwohl das Unternehmen das Ebitda in seinen Gewinnmeldungen als eine gültige Kennzahl für die Unternehmensleistung verteidigt.

Es steht AOL Time Warner frei, diese Position zu vertreten. Da aber die Kritik am Ebitda zunimmt, könnte allein die Tatsache, dass das Unternehmen diese Kennzahl verwendet, den ungewollten Effekt haben, dass nun die dunklen Seiten der Unternehmensbilanz noch genauer unter die Lupe genommen werden.

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