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Gastkommentar : Brasilien vor der Schicksalsfrage zwischen Lula und Serra

  • -Aktualisiert am

Oliver Plein: „Krisensymptome auf Brasilien begrenzt” Bild: Dit

Wie brenzlig ist die Situation im fünftgrößten Land der Erde? Oliver Plein vom Dit fasst die ökonomische Lage zusammen.

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          Trotz des fünften Weltmeistertitels läuten die ökonomischen Alarmglocken im fünftgrößten Land der Erde. Die Zinsdifferenzen (Spreads) gegenüber amerikanischen Staatsanleihen sind von knapp 700 Basispunkten Mitte März dramatisch auf mehr als 1.700 Basispunkte Ende Juni gestiegen. Daneben haben auch die Kurse am brasilianischen Aktienmarkt deutlich an Boden verloren. Zwischen Mitte März und Ende Juni gaben sie rund 27 Prozent ab.

          Des Weiteren steht der Real unter großem Druck. Die Währung markierte Anfang Juli mit 2,9 Real pro US-Dollar ein Rekordtief seit ihrer Einführung 1994. Da sich die einzelnen Fundamentaldaten kaum verschlechtert haben, sich die realökonomische Lage sogar insgesamt leicht gebessert hat, müssen die Gründe für den plötzlichen Stimmungsumschwung auf andere Faktoren zurückzuführen sein.

          Negatives Marktumfeld...

          Die Nachwehen der geplatzten TMT-Spekulationsblase, die allgemeine Vertrauenskrise in Folge der Bilanzfälschungen sowie Sorgen über die Entwicklung der Konjunktur in den USA ließen die Risikoaversion der Marktteilnehmer zuletzt deutlich steigen. Besonders zu spüren ist dies in Brasilien, abzulesen an der Entwicklung des Spreads, des Aktienmarktes und des Wechselkurses.

          Bild: Bloomberg/Dit

          Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Investoren die Emerging Markets in Kollektivhaft genommen haben. Dort blieben im Großen und Ganzen die Wechselkurse stabil und auch die Geldmarktsätze kamen nicht unter Druck. Der Anstieg der Risikoprämie für die Gesamtheit der Schwellenländer, gemessen am EMBI+ von gut 250 Basispunkten ist auch im Wesentlichen auf das hohe Gewicht von Brasilien im Index zurückzuführen. Die Spreads fast aller anderen großen Emittenten bewegten sich kaum (vgl. Tabelle unten).

          ...und Präsidentschaftswahlen

          Das gestiegene Risikobewusstsein der Investoren gegenüber Brasilien ist jedoch nur zum kleineren Teil auf das eingetrübte Marktumfeld zurückzuführen. Weitaus bedeutsamer ist die innenpolitische Lage und der Schatten, den die im Oktober stattfindenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen bereits jetzt werfen. Vor allem der Ausgang der Präsidentschaftswahlen verunsichert die Investoren.

          Aus verfassungsrechtlichen Gründen darf der bisher amtierende Präsident Cardoso nicht wieder kandidieren. Entscheidend ist, ob die Politik der makroökonomischen Stabilisierung weiterverfolgt oder neuen wirtschaftspolitischen Leitlinien gefolgt wird. Besonders die zuletzt hohen Umfrageergebnisse für Lula, den Kandidaten der linksgerichteten Arbeiterpartei PT, beunruhigten die Finanzmärkte, da er für eine weniger stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik als die Vorgängerregierung steht.

          Lage der Nation

          Wie steht Brasilien gesamtwirtschaftlich da und was ist in den nächsten Monaten zu erwarten? Die Konjunktur hat die Talsohle durchschritten. Saisonbereinigt und gegenüber dem Vorquartal konnte das reale BIP im ersten Quartal 1,3 Prozent zulegen. Zwar wird die Konjunktur im Gesamtjahr aufgrund der hohen Realzinsen keine Bäume ausreißen. Mit rund zwei Prozent dürfte aber die Wachstumsrate des Vorjahres übertroffen werden. Mit Blick auf die Verschuldungsziffern und die fiskalische Lage braucht das Land aber höhere Wachstumsraten.

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