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Gastkommentar : Aktienanalysten sollten umdenken

  • -Aktualisiert am

Die Kaufempfehlungen von Analysten sind derzeit umstritten. Joe Mysak von Bloomberg zeigt einen Weg aus der Krise.

          2 Min.

          Aktienanalysten haben zurzeit ziemlich viel Ärger. Im Wesentlichen geht es darum, dass viele von ihnen angeblich geradezu Werbeschriften für Unternehmen verfasst haben, wenn ihre Arbeitgeber im Gegenzug dafür Investmentbankinggeschäfte erhielten.

          Ein beträchtlicher Teil der Bezahlung von Analysten war davon abhängig, wie viel Geschäft sie ihrer Firma einbrachten. Viele Beobachter, darunter der Generalstaatsanwalt von New York, Eliot Spitzer, fragen sich daher, wie die Researchberichte, die diese Analysten den Anlegern zuschickten, als objektiv gelten konnten.

          „Kaufen, kaufen, kaufen“

          Man wird sich später irgendwann daran erinnern, dass diese Zahlenschieber in einer kurzen Phase des Aktienbooms gegen Ende des 20. Jahrhunderts zu hoch bezahlten Stars wurden, die auf den Titelseiten von Zeitschriften und in Fernsehshows zu sehen waren und unentwegt „Kaufen, kaufen, kaufen“ riefen.

          Jetzt sieht die Zukunft nicht mehr so rosig für sie aus. Vielleicht sollten die Aktienanalysten darüber nachdenken, sich mehr wie die Analysten für Kommunalanleihen zu verhalten, die in dieser Woche in Portland, Oregon, zu ihrer 19. Jahreskonferenz zusammentreffen. Laut Konferenzbroschüre stehen auf der Tagesordnung Themen wie „Fluggesellschaften und Flughäfen nach dem 11. September“ oder, mein persönlicher Favorit, „Die Rollen von verschiedenen Beteiligten an einer Projektfinanzierung im Rückblick betrachtet“.

          Diese Analysten sind ernsthafte Leute, die sich mit nüchternen Fakten beschäftigen. Es ist kein Wunder, dass die meisten Amerikaner wahrscheinlich noch nie einen Analysten für Kommunalanleihen im Fernsehen gesehen haben. Denn sie sagen nicht „Kaufen, kaufen, kaufen“.

          Subtile Angelegenheit

          Stattdessen schreiben sie Researchberichte über Bundesstaaten und Gemeinden, Berichte mit Titeln wie „Überblick über Kommunalanleihen in Louisiana“ oder „Anlageführer für Anleihen auf Kongresszentren“. Das sind alles sehr nützliche Informationen. Sie sind aber auch absolut unspektakulär. Ich habe mich früher des öfteren geärgert, weil sich die Arbeit dieser Leute überhaupt nicht so mediengerecht aufbereiten ließ wie die Arbeit von Aktienanalysten. „Sie sagen nichts“, war meine Klage.

          Natürlich hatten auch die Berichte dieser Analysten etwas zu sagen, es war jedoch alles recht subtil und in sehr konservative Sprache verpackt. Die Berichte sind voll von Zahlen und Rankings und Schuldenlast pro Kopf und Dingen wie der „gesamten steuerlichen Vermögensbewertung im Verhältnis zu den gesamten gedeckten Kommunalobligationen“. Diese Berichte scheinen zu sagen: „Hier sind die Zahlen - entscheiden Sie selbst, ob Sie diese Anleihen kaufen wollen.“

          Das hat seinen Grund: Die Analysten für Kommunalanleihen messen die Zeit nicht mit einer Stoppuhr und auch nicht mit einer Sanduhr. Sie messen die Zeit mit einem Kalender. Die Leute kaufen keine Kommunalanleihen, um reich zu werden. Sie kaufen Kommunalanleihen, um reich zu bleiben.

          Selbstverantwortung

          Die Aktienanalysten könnten sich ein Beispiel an ihren Kollegen für Kommunalanleihen nehmen. Dieser Gedanke kam mir, als ich im Wall Street Journal einen Beitrag von Neil Barsky, einem Venture Capitalist, las. „Die Analysten sollten aufhören, Aktienempfehlungen abzugeben“, schrieb Barsky. „Wenn Aktienempfehlungen nicht mehr zu den Aufgaben der Analysten gehören würden, dann würden sich die Aufsichtsbehörden sehr viel weniger für die Investmentbanken interessieren und diese könnten sich ihre Unabhängigkeit bewahren.

          Ein solcher Schritt würde kreativere Branchen- und Unternehmensanalysen hervorbringen und die Analysten davon erlösen, Empfehlungen auszusprechen, auf die ohnehin fast niemand hört“, so Barsky. Seiner Meinung nach würden dadurch auch die Anleger gezwungen, mehr Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen.

          Die peinliche Wahrheit an der ganzen Aufregung um die Analysten ist jedoch, dass die Anleger gar keine kritischen Kommentare hören wollten. Sie wollten den ganzen Hype; sie wollten, dass Aktien zur „Aktie des Tages“ ausgerufen werden. Letztes Jahr noch mussten sich die Sprecher des US-Fernsehsenders CNBC ernsthaft bemühen, sich von negativen Nachrichten zu distanzieren, die sie melden mussten. Es wird eine Weile dauern, bis die Aktienanalysten wieder zu Finanzstars werden. Mein Rat? Aufhören oder einen Kalender kaufen.

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