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Fusions-Spekulation : Mutige setzen auf Thyssen-Krupp

  • -Aktualisiert am

Im Stahlwerk von Thyssen-Krupp in Duisburg Bild: Reuters

Die Aktien von Thyssen-Krupp haben seit der Brexit-Entscheidung deutlich verloren. Dabei spricht Thyssen-Krupp weiter über eine Fusion mit dem indischen Stahlkonzern Tata. Lohnt es sich, jetzt zu kaufen?

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          Es sollte bald wieder steil bergauf gehen für Thyssen-Krupp, darin waren sich die allermeisten Analysten einig. Jedenfalls bis zum 23. Juni. Bis zu dem Tag, an dem die Briten für „leave“ stimmten, für den Austritt aus der Europäischen Union. Nun steht ein Fragezeichen hinter der weiteren Entwicklung des Traditionskonzerns. Wieso das Briten-Votum den Stahlriesen aus dem Ruhrpott trifft? Weil Thyssen-Krupp sich wohl bereits handelseinig mit dem indischen Stahlkonzern Tata war und der Zusammenschluss kurz bevorstand, so hört man. Mit dem Brexit ändert sich vielleicht alles. Immerhin haben beide Konzerne seit Freitagabend die Gespräche bestätigt.

          Beide Konzerne müssen sparen und Kräfte bündeln, um auf dem umkämpften Stahlmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben. Denn die Konkurrenz aus China ist stark, und die Stahlpreise sinken. Deswegen wollen Thyssen und Tata ihre deutschen und niederländischen Werke zusammenschließen. Und weil Tata um die Zukunft seines britischen Standorts Talbot ringt, sprechen die beiden Konzerne über die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens. Eine Lösung ist noch nicht absehbar, zumal Thyssen-Krupp nicht der einzige Konzern ist, mit dem Tata spricht. Klar ist, dass Tata höhere Kosten in Milliardenhöhe fürchtet beim künftigen Export von Großbritannien in die EU. Die neue britische Regierung könnte das durch Subventionen und Teilverstaatlichungen abfedern.

          THYSSENKRUPP

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          Aktuell krempelt Thyssen-Krupp seine Industriesparte um und damit rund ein Viertel seines Gesamtgeschäfts. Einige der 155.000 Arbeitsplätze werden wohl wegfallen. Der Rest der Neuordnung ist „ungewiss“, sagte Vorstandschef Heinrich Hiesinger jüngst. Analysten von Großbanken stuften die Aktie von Thyssen-Krupp daraufhin von Kaufen auf Halten herunter. Die Aktionäre reagierten prompt: Sie warfen massenhaft Aktien aus ihren Depots. Der Kurs sackte zur Wochenmitte auf 16 Euro ab, stand trotz eines starken Zugewinns am Freitag auf Wochensicht 5,7 Prozent im Minus. Und wie immer bei solchen Kursstürzen ist nun die Frage: Ist das ein Signal zum Einstieg? Oder sollte man sich vom Traditionskonzern verabschieden?

          80 Prozent der Analysten empfehlen die Thyssen-Krupp-Aktie

          Zum Wochenende überwogen diejenigen Analysten, die Thyssen-Aktien zum Kauf empfahlen, mit etwa 80 Prozent. Es gibt auch tatsächlich Hoffnung auf eine Erholung des Stahlmarktes und auf stabilere Preise im zweiten Halbjahr. Zudem vermeldete Thyssen neue Großaufträge. Und die Sparbemühungen laufen. Aber etliche Großkunden halten sich derzeit spürbar mit Aufträgen zurück. Unklar ist auch, inwiefern die Kartellamtsermittlungen wegen illegaler Preisabsprachen in der Autobranche den Stahlriesen betreffen könnten. Bisher sieht sich Thyssen-Krupp davon nicht berührt. Seit Ende Juni ermittelt die Staatsanwaltschaft außerdem wegen des Verdachts auf Schmiergeldzahlungen bei Waffengeschäften. Und: Seit Jahren drückt die hohe Schuldenlast den Konzern, 4,38 Milliarden Euro Schulden stehen 2,4 Milliarden Euro Gewinn gegenüber.

          All diese Unwägbarkeiten machen fraglich, ob die Aktie schnell zu alten Höhen zurückfinden wird. Im Jahr 2007 hatte sie noch bei 46 Euro notiert. In der Finanzkrise kam der große Einbruch, von dem sich der Kurs seitdem nicht erholt hat. Auch ein Aufschwung bis 35 Euro fand 2011 ein jähes Ende. Seitdem dümpelt die Aktie um die 20 Euro. Betrachtet man den Kurs seit Mitte der 90er Jahre, sieht man, dass dieser Preis eher die Regel als die Ausnahme sind.

          Name Kurs %
          THYSSENKRUPP MTN 15/25 -- --
          THYSSENKRUPP MTN 16/21 -- --

          Zwar hätte man innerhalb der vergangenen fünf Jahre 100 Prozent Gewinn mit der Aktie machen können, wenn man sie 2012 bei 12 Euro gekauft und 2015 bei 25 verkauft hätte. Ebenso gut hätte man aber auch fast 60 Prozent seines Einsatzes verlieren können, wenn man sie 2011 bei 32 Euro erworben und am Jahresanfang 2016 bei 14 Euro wieder abgestoßen hätte. Wer jetzt den Einstieg wagen will, der sollte zumindest einen langen Atem haben, um weitere Wellen auszusitzen.

          Auch Anleihen des Stahlkonzerns wirken derzeit interessant, sie locken mit Kuponzinsen von 2,5 bis 5,0 Prozent. Ihre Renditen sind jedoch niedriger wegen der hohen Kurse und liegen zwischen ein bis drei Prozent. Die beste Aussicht verspricht das 5-Prozent-Kupon-Papier, das bis 2022 läuft und 3,38 Prozent pro Jahr abwirft. Kürzere Laufzeiten sind mit Renditen um zwei Prozent uninteressanter. Aber: Das Rating von ThyssenKrupp liegt wegen der hohen Schulden nur im B-Bereich, ist also eher schlecht. Bei Moody’s zählen die Papiere nicht zum Investment-Grade-Bereich, sondern zu den Risikoanleihen mit hohem Ausfallrisiko. Die Papiere des Traditionskonzerns sind spekulative Investments.

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