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Chance nach Brexit : Frankfurt will Fintechs aus London anziehen

Frankfurt ist spät dran

Im 39. Stock eines Büroturms im Londoner Finanzviertel Canary Wharf liegt seit dreieinhalb Jahren das Fintech-Startup-Zentrum der Stadt. Mehr als 200 junge Unternehmen feilen dort mittlerweile an ihren Geschäftsmodellen. Das gibt es sonst nirgendwo in Europa. „Mit leuchtenden Augen“ habe man in Hessen die Erfolgsgeschichte von Level 39 verfolgt, räumte Al-Wazir in London offen ein.

Aufrüstung: Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir will Frankfurt gegenüber der Konkurrenz aus Kalifornien, London und Berlin fit machen.
Aufrüstung: Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir will Frankfurt gegenüber der Konkurrenz aus Kalifornien, London und Berlin fit machen. : Bild: Wolfgang Eilmes

Frankfurt ist mit seinem eigenen Fintech-Zentrum dagegen spät dran – und anders als in Frankfurt ist das Londoner Vorbild von vornherein eine private Gründung. Hinter Level 39 steht die Immobiliengesellschaft, der das Finanzviertel Canary Wharf gehört. Die London-Visite Al-Wazirs war eine Werbetour für den Finanzplatz Frankfurt. Ihm ging es dabei nicht zuletzt um die Fintech-Gründer. Zwei Tage klapperte er an der Themse Banken und andere Unternehmen aus der Branche ab, um für den heimischen Finanzplatz zu werben. Ähnlich wie andere europäische Finanzzentren hofft auch Frankfurt auf zusätzliche Arbeitsplätze, denn die Geldhäuser müssen wegen des Austritts Großbritanniens aus der EU womöglich Jobs aus London abziehen, um weiter freien Zugang zum kontinentaleuropäischen Finanzmarkt zu haben.

Brexit als Chance für Frankfurt

Bisher allerdings hat London nicht nur im traditionellen Bankgeschäft, sondern auch bei der Digitalisierung des Geldgeschäfts klar die Nase vorn. Vorzeige-Unternehmen der Fintech-Branche wie Transferwise und Funding Circle sind hier entstanden. Eine Studie der Unternehmensberatung EY im Auftrag der britischen Regierung schätzt, dass es in Großbritannien rund 61.000 Fintech-Arbeitsplätze gibt, in Deutschland dagegen nur 13.000. Die Branche erwirtschaftete demnach im vergangenen Jahr auf der Insel einen Umsatz von umgerechnet rund 7,6 Milliarden Euro. Die britische Regierung fördert die Gründer mit umfangreichen Steuerrabatten nach Kräften.

„Aber der Brexit ist eine Chance für Frankfurt, aufzuholen“, sagt Michael Mellinghoff, Partner des Fintech-Beratungshauses Techfluence in London. Die Unsicherheit, die der EU-Austritt mit sich bringe, sei auch für die britischen Fintech-Unternehmen ein Standortnachteil. Aus zwei Gründen macht der bevorstehende EU-Austritt der britischen Start-up-Szene Sorgen: Einerseits könnten auch manche Fintech-Unternehmen, ähnlich wie die großen Banken, mit dem Brexit den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen verlieren. Das sogenannte „financial passporting“ ist bedroht. Andererseits fürchten sie, dass es schwieriger wird, qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland ins Land zu holen, weil die Regierung in London nach dem Brexit die Einwanderung eindämmen will. „Klar gibt es Bedenken. Der Zugang zu guten Mitarbeitern muss weiter offen sein“, sagt Peter Cunnane, Manager der City of London Corporation, dem Lobbyverband der Geldbranche an der Themse. Nach Schätzung des britischen Fintech-Verbands Innovate Finance hat fast jeder dritte Mitarbeiter in der Branche keinen britischen Pass, die meisten Ausländer kommen aus der EU.

Am Montag in Frankfurt sagte Al-Wazir: „Das Wichtigste im Level 39 war die Cookie-Time jeden Tag um 15 Uhr. Da brauchen wir noch ein Frankfurter Äquivalent.“

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