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Börsen im ehemaligen Jugoslawien : „Langfristig gibt es noch sehr viel Luft nach oben“

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Joachim Waltl: „Eine Korrektur wäre nur gesund” Bild: Paul J. Trummer

Joachim Waltl, Fondsmanager bei Hypo Alpe Adria, über die haussierenden Aktienmärkte in den jugoslawischen Nachfolgestaaten und die Frage, welche Einzelwerte er favorisiert.

          5 Min.

          Die Börsen in den jugoslawischen Nachfolgestaaten haussieren. Der serbische Belex-15-Index hat in diesem Jahr schon um 67 Prozent zugelegt. Der kroatische Crobex-Index stieg seit Jahresbeginn um gut 50 Prozent. Ein Spezialist für diese Märkte ist Joachim Waltl, der als Fondsmanager für den Hypo South Eastern Opportunities aus dem Bankhaus Hypo Alpe Adria verantwortlich ist (Isin AT0000495908).

          Die Kurse an den Börsen im ehemaligen Jugoslawien scheinen nur noch den Weg nach oben zu kennen. Handelt es sich angesichts der starken Gewinne schon um eine Übertreibung?

          Anleger sollten immer bedenken, dass Kursentwicklungen nicht geradlinig verlaufen. Dies gilt besonders für die aktuelle Situation an den Börsen der jugoslawischen Nachfolgestaaten. Nach einem Anstieg von über 100 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten haben einige Titel bereits faire Bewertungsniveaus erreicht. Dennoch haben die Unternehmen weiterhin enormes Potential, da die Region noch immer einen sehr starken Nachholbedarf hat. Beispielsweise müssten Banken und Finanzdienstleister noch um einige tausend Prozent wachsen, um westeuropäisches Niveau zu erreichen. Langfristig gibt es also noch sehr viel Luft nach oben.

          Und kurzfristig?

          Eine Korrektur wäre unserer Meinung nach nur gesund. Bezüglich der derzeitigen Bewertungsniveaus sollten zwei Dinge nicht vergessen werden: Erstens wurden viele Aktien in der Vergangenheit weit unter den Bewertungen vergleichbarer Unternehmen in den neuen EU-Beitrittsländern gehandelt, so dass der Anstieg den Bewertungsunterschied bestenfalls teilweise ausgeglichen hat. Und zweitens steht den meisten Unternehmen in unserem Portfolio ein Großteil des Restrukturierungsprozesses noch bevor, der letztlich dafür sorgt, dass auch die Profitabilität des bereits bestehenden Geschäfts dramatisch zunehmen wird und so die heutigen Bewertungskennzahlen nicht das wahre Potential widerspiegeln.

          Wie beurteilen Sie die konjunkturellen Aussichten der Region?

          Die jugoslawischen Nachfolgestaaten werden auch in den nächsten Jahren ein merklich höheres Wirtschaftswachstum als das alte Europa aufweisen. Die Region gewinnt als Industriestandort rapide an Bedeutung wegen niedriger Löhne und teilweise geringerer Besteuerung. Zudem besteht wegen der erwarteten steigenden Kaufkraft ein Nachholbedarf bei fast allen Konsumgütern. Das Ziel des Beitritts zur EU dämpft auf mittlere Frist die Inflationsgefahr. Deshalb gehe ich auch weiterhin in allen Ländern von einem Realwachstum von 4 bis 6 Prozent aus.

          Wie wichtig ist die Aussicht auf einen EU-Beitritt?

          Die Aussicht auf einen EU-Beitritt ist vor allem für die jugoslawischen Nachfolgestaaten von besonderer Wichtigkeit. Als EU-Mitgliedsländer hätten sie die Möglichkeit, ihre Position aus einer besseren Perspektive darzustellen und ihren Meereszugang zusammen mit verbesserten Transportwegen als wichtige Wirtschaftsader in Südosteuropa zu präsentieren. Der grenzüberschreitende Austausch von Gütern und Dienstleistungen in Zentral- und Südosteuropa wäre daher einfacher gewährleistet und würde zu einer Besserung der Infrastruktur dieser Länder führen. Für den Erfolg der Region ist eine Angleichung des Wohlstandsniveaus Voraussetzung. Die bestehenden Unterschiede müssen abgebaut werden. Hierbei wird die EU eine wichtige Rolle spielen. Hilfreich wird zudem der Zufluss ausländischer Direktinvestitionen und EU-Subventionen in diese Region sein.

          Birgt der ungelöste Kosovo-Konflikt ein Risiko für die Aktienmärkte?

          Von der Lösung des Kosovo-Konflikts hängt in hohem Maße die Stabilität im Westbalkanraum ab. Damit diese gewahrt werden kann, müssen die offenen Fragen gelöst, die Wirtschaftsprojekte für den gesamten Balkanraum vorangetrieben und den jugoslawischen Nachfolgestaaten klare Perspektiven für eine EU-Mitgliedschaft aufgezeigt werden. Der Chef der UN-Mission, Joachim Rücker, meinte kürzlich: „Der Status quo ist einfach nicht haltbar.“ Auch Serbien ist im Prinzip klar, dass das Kosovo verloren ist. Innenpolitisch ist es jedoch notwendig, Position für einen Verbleib des Kosovo bei Serbien zu beziehen. Klar ist jedoch auch: Politische Börsen sind kurzlebig. Wir würden Irritationen wahrscheinlich als günstigen Einstiegszeitpunkt bewerten.

          Was hat sich in Ihrer Anlageregion in den vergangenen Jahren aus Investorensicht am meisten verändert?

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