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Folgen der Finanzkrise : Banken reden ihren Eigenhandel klein

  • -Aktualisiert am

Ansichtssache: Was gehört alles zum Eigenhandel der Banken? Bild: dpa

Noch rätseln Banken darüber, welchen Teil ihres Eigenhandels die amerikanische Regierung im Visier hat. Vorsorglich stellen sie die Bedeutung der Spekulationsgeschäfte schon einmal als gering dar.

          Während sich in der Öffentlichkeit der Eindruck verfestigt, dass die Investmentabteilungen der großen Banken ein Hort der Spekulation sind, kommt Goldman Sachs zu einem völlig anderen Ergebnis. Der Eigenhandel im eigentlichen Sinn trage bei den Schweizer Banken UBS und Credit Suisse gerade einmal 1 bis 4 Prozent zu den Erträgen des Gesamtkonzerns und 2 bis 6 Prozent zum Ertrag der Investmentbank-Sparten bei. Bei der Deutschen Bank betrage der Anteil 2 Prozent beziehungsweise 4 Prozent im Investmentbanking.

          Der Eigenhandel, bei dem die Banken auf eigene Rechnung Transaktionen auf den Kapitalmärkten tätigen und dabei mitunter hohe Risiken eingehen, ist zum Politikum geworden. Die amerikanische Regierung will Banken, die mit Geld der Sparer umgehen, als systemrelevant gelten und deshalb im Krisenfall mit staatlicher Unterstützung rechnen dürfen, die Spekulation untersagen. Das gilt als Kampfansage an die Investmentbanker an der Wall Street und in aller Welt.

          Notenbanken schmunzeln

          Hält man die von Goldman Sachs - dem größten Spieler im Investmentbanking - veröffentlichten Zahlen Notenbankern vor, reagieren sie mit Heiterkeit. Wenn der Anteil wirklich so gering sei, dann dürfte es ja keinen Widerstand bei der Umsetzung der amerikanischen Pläne geben, heißt es im Umfeld der Bank von England.

          Die geringe Schätzung der Analysten von Goldman Sachs resultiert aus der Definition von Eigenhandel. Der genannte Ertragsanteil beziehe sich nur auf den reinen Eigenhandel (pure proprietary trading), heißt es in der Analyse. Damit sind Geschäfte gemeint, die die Banken im Auftrag der bankeigenen Hedge-Fonds oder eigener Beteiligungsgesellschaften tätigen. Davon unterschieden werden alle Eigenhandelsgeschäfte, die auf Transaktionen der Kundschaft zurückzuführen sind. Die Grenzen seien fließend.

          Obama lässt Interpretationsspielraum

          Bisher hat der amerikanische Präsident Barack Obama nicht definiert, welche Arten von Eigenhandel er den Banken untersagen will. Die Tür für eine weiche Definition ließ er offen, als er den Eigenhandel zum Nutzen der Kundschaft der Banken ausdrücklich als nützlich bezeichnete.

          Das lässt viel Interpretation zu. Die Händler der Banken reagieren auf die Nachfrage der Investoren nach Möglichkeit nicht erst, wenn eine Order eintrifft. Häufig versuchten sie sich vorab mit den Wertpapieren einzudecken, die mutmaßlich zu einem bestimmten Zeitpunkt gefragt sind, erläutert Ralf Burmeister, Banken-Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. Umgekehrt könne es auch vorkommen, dass Investoren Titel nachfragen, die nicht vorrätig sind. Die Händler der Banken nennen dann einen verbindlichen Preis und decken sich nachträglich ein. Bei Namenspfandbriefen zum Beispiel gibt es nur diese Form der Transaktion, weil sie nicht an der Börse gehandelt werden können. In beiden Konstellationen handeln die Banken auf Initiative der Kunden, gehen aber eigene Risiken ein, die zu Gewinnen oder Verlusten führen können.

          Bankengewinne könnten stark sinken

          Mutmaßlich zielen die amerikanischen Reformvorhaben nicht auf diese Formen von Eigenhandel. Die Banken gelten hier als Garant für einen liquiden Handel. Doch die Übergänge zu Spekulationen, die als inakzeptable Form des Eigenhandels gelten könnten, sind fließend. So können große Banken die Informationen, die sie aus dem massenhaften Eingang von Kundenaufträgen erhalten, nutzen und sich selbst mit bestimmten Wertpapieren eindecken oder andere verkaufen.

          Analysten der amerikanischen Bank J.P. Morgan haben für ihre Schätzungen deshalb eine im Vergleich zu Goldman Sachs etwas weitere Definition des Eigenhandels gewählt. Sie glauben, dass die Gewinne der im Investmentbanking tätigen Banken durch Obamas Reform um 11 (UBS) bis 20 Prozent (Goldman Sachs) fallen könnten. Rechne man die Regulierung des außerbörslichen Derivatehandels hinzu, könnten es auch 14 bis 27 Prozent sein.

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