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Finanzwerte : BIZ warnt Anleger vor „Bankeuphorie“

  • Aktualisiert am

Bild: BIZ

Viele Finanzwerte erholen sich von ihren Tiefs. Die Krise könne sich noch länger hinziehen und die Ertragserwartungen im Finanzbereich müssten herunterkommen, erklärt jedoch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

          Im Rahmen der allgemeinen Erholung der Börse in den vergangenen Wochen konnten auch die Finanzwerte deutliche Kursgewinne verzeichnen. Manche Papiere legten in den vergangenen Wochen um bis zu 440 Prozent zu. Zum Beispiel die Aktien des britischen Unternehmens Barclays Plc.

          Die Kursgewinne lassen sich verschieden erklären. Einmal als technische Reaktion, die die Folge vom Rückkauf der zuvor leer verkauften Papiere ist. Dazu kommen umfangreiche Garantien und Kapitaleinschüsse der verschiedenen Regierungen und nicht zuletzt die Erwartungen, Finanzunternehmen könnten wegen der beispiellosen fiskalischen und geldpolitischen Impulse wieder rasch wachsen und hohe Gewinne erzielen.

          BIZ: Krise kann sich noch länger hinziehen ...

          Genau solche Erwartungen sind jedoch mit der notwendigen Skepsis zu betrachten. Denn das Ausmaß und die Tiefe der aktuellen Krise lasse erwarten, dass sie sich noch lange hinziehen werde, erklärt zum Beispiel die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Als Zentralbank der Zentralbanken ist sie eine jener internationalen Institutionen, die am ehesten Ein- und Überblick über die Entwicklung im Finanzbereich haben dürften.

          Wie zügig es zu einer Erholung komme und wie dieser Prozess verlaufe, werde unter anderem davon abhängen, wie schnell die Schäden im Finanzsektor behoben und die Schwachstellen ausgemerzt werden könnten, die durch die Krise zutage getreten seien, erklärte sie am Montag in ihrem 79. Jahresbericht.

          Eine wichtige Voraussetzung für die Erholung nach Finanzkrisen sei in der Vergangenheit stets der Abbau der Überkapazitäten gewesen, die in Boomphasen vor Krisen zwangsläufig aufgebaut worden seien. Im Vorfeld der aktuellen Krise wiesen verschiedene Finanzkennzahlen - sei es das Bilanzvolumina, die Aktienmarktkapitalisierung, der Anteil am volkswirtschaftlichen Gesamtgewinn oder der Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt - auf starke Zuwächse im Finanzsektor der fortgeschrittenen Volkswirtschaften hin. Diese Zuwächse resultierten unter anderem aus der Erwartung einer dauerhaft hohen Profitabilität und wurden in späteren Phasen zum Teil durch eine Erhöhung der Verschuldung erreicht.

          Auf kurze Sicht dürften die Finanzinstitute ihre Aktivitäten nun einschränken müssen, weil sie weniger Kapital aufbringen könnten. In diesem Prozess müssten sie ihre Fremdkapitalquoten abbauen. Das stehe im Einklang mit dem Schrumpfungsprozess, ohne den die Unternehmen im gegenwärtigen Umfeld nicht überleben könnten. Zugleich hätten die Märkte und die Aufsichtsinstanzen die Richtwerte für eine adäquate Eigenkapitalunterlegung der Finanzinstitute hinaufgesetzt.

          ... Ertragserwartungen müssen im Finanzbereich herunterkommen

          Dies bedeute, dass die Erwartungen der Anleger und die Ertragsziele der Finanzinstitute auf weniger ambitionierte Niveaus heruntergeschraubt werden müssten. Eine nachhaltige Verbesserung der Ertragslage im Finanzsektor hänge nicht zuletzt vom Abbau der Überkapazitäten ab. Die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre hätten gezeigt, wie stark die Wechselwirkungen innerhalb des Finanzsystems sein könnten. Die komplementären Rollen der unterschiedlichen Akteure entlang der Verbriefungskette, die enge Verflechtung von Finanzmärkten und Finanzinstituten sowie die gegenseitige Abhängigkeit von Kapitalmarkt- und Refinanzierungsliquidität wurden in der Vergangenheit von den Marktteilnehmern und wohl auch von den Aufsichtsinstanzen unterschätzt, heißt es weiter.

          Die Wertberichtigungsquote bei australischen, französischen, schweizerischen und amerikanischen Banken verdoppelte sich im vergangenen Jahr, bei deutschen, niederländischen und schwedischen Kreditinstituten nahm sie sogar noch stärker zu. Tendenziell dürften die Kreditkosten weiter zunehmen, da die Schuldendienstfähigkeit des Privatsektors angesichts der sich abkühlenden Konjunktur wohl sinken werde, erklärt die BIZ. Auch die Ratingagenturen rechneten damit, dass die Ausfallraten für Unternehmenskredite erneut steigen würden. Zudem würden Ausfälle bei Krediten an private Haushalte davon abhängen, wie lange und wie stark deren Einkommen zurückgehen würden.

          Erste Anzeichen von Problemen bei Kreditkartenportfolios von amerikanische Banken zeigten, dass zwischen Arbeitslosigkeit und Zahlungsverzug bei Privatkundenkrediten mittlerweile ein engerer Zusammenhang bestehe als in der Vergangenheit. Die enge Wechselbeziehung zwischen der Ertragslage des Finanzsektors, dem Kreditangebot und der Schuldendienstfähigkeit der Kreditnehmer bedeute, dass die Geschäftsaussichten der Banken insgesamt schwerer abzuschätzen seien.

          Auf dieser Basis dürften kritische Anleger dazu tendieren, die Finanzwerte in ihrer Gesamtheit weiterhin mit der nötigen Skepsis zu betrachten und allenfalls selektiv und möglicherweise sogar opportunistisch zu investieren. Einzelne Banken, allen voran die großen Investmentbanken, mögen vom laufenden Refinanzierungsbedarf von Unternehmen und Staaten profitieren. Allerdings ist erstens offen, wie weit der tragen kann. Zudem wird die Entwicklung gekontert durch die anhaltend schwache wirtschaftliche Entwicklung und die zunehmenden Kreditrisiken von dieser Seite.

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