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Deutsche Finanzunternehmen : Bitte keine Politik!

Nach unten Druck ausüben, nach oben hofieren: Der Allianz-Vorstandsvorsitzende Oliver Bäte Bild: Jan Roeder

Die Vorstandsvorsitzenden der großen deutschen Finanzunternehmen reden in diesem Jahr lieber über das Geschäft – und über Attacken aus dem Hinterhalt.

          Wie fühlt sich der Vorstandsvorsitzende eines deutschen Finanzunternehmens, das im vergangenen Jahr ein Betriebsergebnis von 10,8 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von fast 7 Milliarden Euro erzielt hat und in seiner Branche weltumspannend als Referenz gilt? Der Vorstandsvorsitzende müsste sich prächtig fühlen, aber tatsächlich wirkt Oliver Bäte an einem regnerischen Februarmorgen in der Münchener Königinstraße, als fühlte er sich eher unbehaglich. Bäte hat zur Jahresmedienkonferenz geladen, auf der er ansehnliche Zahlen vorlegt.

          Glücklich sieht er nicht aus. Fast zwei Jahre führt der ehemalige Unternehmensberater nun den Finanzkonzern Allianz, und vielleicht erstmals in seiner steilen Karriere spürt er Gegenwind, mit dem er lernen muss umzugehen. Zu ruppig im Umgang mit Mitarbeitern, zu viel Veränderungswille ohne klare strategische Konturen, zu viel modischer Schnickschnack wie das öffentliche Tragen roter Schuhe: das raunt man in München wie in Frankfurt. Die ersten Warnungen mögen intern vorgetragen worden sein, in Stil und Duktus so, wie man es sich in einem gediegenen Traditionshaus wie der Allianz vorstellt.

          Dann folgte die zweite Stufe: Daten über Bätes Gebrauch des Firmenjets wurden an die Öffentlichkeit gegeben mit Anspielungen auf einen exzessiven Gebrauch des Fluggeräts – was von einer internen Untersuchung aber nicht bestätigt wurde. Graue Kommunikationseminenzen verbreiten, Bäte sei dabei, in Ungnade zu fallen. Aber jenseits des Summens und Raunens und Bedenklich-den-Kopfe-Schüttelns wird versichert: Mehr als „Warnschüsse“ seien dies nicht. Bäte sei nicht wirklich gefährdet, weil die Zahlen der Allianz stimmten.

          Den Schwung dort mitnehmen, wo er zur Verfügung steht

          Der Gescholtene hat sich für seinen öffentlichen Auftritt vor Journalisten eine von Managern vielfach erprobte Strategie zurechtgelegt: Er übt nach unten Druck aus und hofiert nach oben. Verantwortlich für das Gerede seien Manager aus niederen Reihen, die als Folge notwendiger Veränderungen um ihren Job fürchten müssten, sagt Bäte. Gleichzeitig versichert er auffallend nachdrücklich, trotz Veränderungswillens – die Digitalisierung macht auch vor der Versicherungswirtschaft nicht halt – sehe er sich in der Tradition seines Vorgängers Michael Dieckmann. Der im öffentlichen Auftritt zurückhaltende Dieckmann hatte die Allianz lange erfolgreich geführt und Bäte als Nachfolger erkoren. Aber wichtiger noch: Nach einer „Abkühlperiode“ von zwei Jahren will Dieckmann nach der Hauptversammlung im Mai den Vorsitz des Aufsichtsrats übernehmen. Und dann wird der Westfale auch offiziell wieder zu einem Machtfaktor in der Allianz. Dessen scheint sich Bäte rechtzeitig zu erinnern.

          Doch: Wer fast 7 Milliarden Euro Gewinn ausweist, kann auch einmal rote Schuhe tragen, ohne um seinen Job fürchten zu müssen. In der Deutschen Bank kann John Cryan sogar den zweiten Milliardenverlust in Folge vorlegen, ohne um seinen Job fürchten zu müssen. Im Gegenteil: Mit dem nüchtern wirkenden Briten verbinden sich die Hoffnungen auf einen Wiederaufstieg der Bank, dem künftig mit den neuen Ko-Vorstandsvorsitzenden Marcus Schenck und Christian Sewing auch zwei Deutsche öffentlich ein Gesicht geben sollen.

          Die Deutsche Bank will dort den Schwung mitnehmen, wo er zur Verfügung steht. Nach der Einigung mit dem amerikanischen Justizministerium in einem milliardenteuren Konflikt bittet Cryan zunächst in der Öffentlichkeit artig um Entschuldigung für die zahlreichen Skandale aus der Vergangenheit der Bank. Danach lässt er wenige Wochen verstreichen, um intern lange vorbereitete Pläne zu einer weiteren Neuausrichtung vorzulegen in Verbindung mit einer Kapitalerhöhung über 8 Milliarden Euro, die in einer ersten Reaktion an der Börse nicht gut ankommt.

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