https://www.faz.net/-gv6-pk0n

Finanzmarkt : Wall Street setzt auf Pharma, Rüstung und Finanzdienstleister

  • Aktualisiert am

Für die Wall Street ist die lähmende Ungewißheit um den Ausgang der amerikanischen Präsidentenwahl vorbei. Der Republikaner George W. Bush wird eine zweite Amtszeit lang regieren. Die Börsianer setzen auf die „Bushwerte“

          2 Min.

          Für die Wall Street ist die lähmende Ungewißheit um den Ausgang der amerikanischen Präsidentenwahl vorbei. Der Republikaner George W. Bush wird eine zweite Amtszeit lang regieren. Anleger haben bereits am ersten Tag nach der Wahl ein Votum für die Branchen abgegeben, die hiervon profitieren sollten. Daher gehörten Pharma- und Rüstungsaktien zu den Gewinnern. Auch Energietitel und die Papiere der Finanzdienstleister legten zu.

          Für Pharmakonzerne wird es jetzt wahrscheinlicher, daß sie die von Bush-Herausforderer John Kerry geforderten behördlichen Preiskontrollen für Medikamente vermeiden können. Allerdings muß Bush nach Ansicht von Analysten möglicherweise bei den umstrittenen Reimporten von billigeren Medikamenten aus Kanada einlenken. Ein Modernisierungsgesetz für die staatliche Krankenversicherung Medicare vom vergangenen Dezember verbietet diese Reimporte bisher.

          Pharma- und Rüstungsbranchen als „Bushprofiteure“

          Die Medikamente sind beim nördlichen Nachbarn billiger, da die kanadische Regierung mit den Pharmaunternehmen Preisabschläge vereinbart hat. In Amerika herrscht dagegen ein freier Markt. "Reimporte könnten möglicherweise sogar unter Bush stattfinden", sagt Pharmaanalyst Tony Butler von der Investmentbank Lehman Brothers. Allerdings rechnet Butler trotzdem nicht mit gravierenden Auswirkungen für die Branche, da die nach Kanada exportierten Medikamente nur weniger als 10 Prozent der in Amerika verkauften Menge entsprechen.

          Die Rüstungsbranche gilt ebenfalls als Sieger. Die Ausgaben der Regierung für Technologie dürften sich unter Bush weiterhin auf Verteidigung und Heimatschutz konzentrieren. Während seiner ersten Amtszeit hatte die Regierung ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 50 Prozent angehoben. Mehr als die Hälfte des Budgets von insgesamt 126 Milliarden Dollar floß dabei in die Verteidigungsbranche, unter anderem zur Entwicklung eines Raketenabwehrsystems. Von den fortgesetzten Ausgaben dürften nach Ansicht von Analysten Unternehmen wie Boeing, Lockheed Martin, Raytheon oder Northrop Grumman profitieren.

          Der frühere Ölunternehmer Bush will auch die Abhängigkeit von ausländischen Ölimporten verringern. Die Energiebranche erhofft sich daher neue Initiativen, um in der Wildnis Alaskas nach Erdöl bohren zu können. Ein Gesetzesvorschlag, der privaten Energiekonzernen die Suche nach Öl auf dem in staatlichem Besitz befindlichen Land erlaubt hätte, war in der Vergangenheit im Kongreß gescheitert. Bush will es Mineralölkonzernen auch erleichtern, neue Raffinerien zu bauen. Die Branche hat in Amerika seit 28 Jahren keine Raffinerie mehr gebaut und beklagt sich über hohe Kosten für Umweltauflagen und starke Regulierung.

          Banken und Vermögensverwalter könnten von einer Privatisierung der Sozialversicherung profitieren

          Banken und Vermögensverwalter könnten nach Ansicht von Fachleuten von einer geplanten, zumindest teilweisen Privatisierung der Sozialversicherung profitieren. Da die Republikaner auch ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat gestärkt haben, wird die Verabschiedung einer Reform nun möglicherweise einfacher. Banken, Investmentfonds und Vermögensverwalter würden dann die Verwaltung einer privaten Rentenversicherung übernehmen. "Das sollte Anlegern einen Anreiz geben, sich Aktien von Finanzunternehmen anzusehen, die diese Anlagen verwalten", sagte Sam Stovall, Chef-Investmentstratege von der Kreditbewertungsagentur Standard & Poor's. Andere Analysten warnen jedoch vor den Auswirkungen des unter Bush angeschwollenen Haushaltsdefizits, das zu höheren Zinsen führen könnte. "Das würde die Rentenmärkte belasten und auch die Aktienmärkte herunterziehen", erläutert Val Colasanto, Fondsmanager beim Wertpapierhaus Appleton Partners.

          Nicht zuletzt rechnen Börsianer auch mit einem weiteren Kursaufschwung für Dividendentitel. Bush hatte in seiner ersten Amtszeit die Steuer auf Dividenden auf 15 Prozent gesenkt. Diese Steuersenkung läuft zwar im Jahr 2008 aus. Beobachter rechnen allerdings damit, daß Bush die Steuer längerfristig auf diesem Niveau festschreiben will. "Es ist kein Zufall, daß Unternehmen jetzt zunehmend ihre Dividenden anheben. Es ist das erste Mal, daß es aus steuerlicher Sicht Sinn macht", sagte Hans Olsen, Chefanleger beim Vermögensverwalter Bingham Legg Advisers.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Als verzichtbar wurde, was man unter „Struktur“ versteht: das Bauhaus-Viertel in Tel Aviv, heute Welterbe der Unesco.

          Architektur : Tut nicht so grün, es bleibt Konsumkapitalismus

          Das „Europäische Bauhaus“ will die Städte umweltfreundlicher machen. Leider ist der zyklische Ansatz völlig falsch gewählt. Wir brauchen einen viel grundlegenderen Neuanfang. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.