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Finanzmarkt : Strabag: Startschuss für Österreichs größten Börsengang

  • Aktualisiert am

Strabag baut eine Brücke Bild: Strabag

Strabag wagt einen zweiten Anlauf an die Wiener Börse. Das Unternehmen erwartet bei einem Kurs-Gewinnverhältnis von 20 (2008) bis zu 1,4 Milliarden Euro Emissionserlös. Die Aktie kommt sehr wahrscheinlich in den ATX.

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          Österreichs führender Baukonzern Strabag SE wagt einen zweiten Anlauf an die Wiener Börse. Der Vorstandsvorsitzende und Haupteigentümer Hans Peter Haselsteiner kündigte am Montag an, bis 18. Oktober würden 28,2 Millionen Aktien in der Preisspanne von 42 bis 48 Euro angeboten. Insgesamt werde ein Emissionserlös von 1,18 bis 1,35 Milliarden Euro angestrebt. Damit dürfte dies der größte Börsengang in der Geschichte der Wiener Börse werden - noch vor der Osteuropabank Raiffeisen International, die vor zwei Jahren an den österreichischen Kapitalmarkt gegangen war.

          Strabag hatte ursprünglich Ende April an die Börse gehen wollen. Der Baukonzern hatte den Börsengang aber kurzfristig verschoben, weil sich der russische Oligarch Oleg Deripaska in das Unternehmen einkaufte. Als erster Handelstag ist nun der 19. Oktober geplant. Das jetzige Angebot umfasst bis zu 16 Millionen neue Aktien aus einer Kapitalerhöhung. Überdies veräußern die Alteigentümer bis zu 9,2 Millionen Anteilscheine. Weitere 3 Millionen Aktien werden bei entsprechender Nachfrage im Rahmen einer Mehrzuteilung verkauft.

          Free Float wird bei 25 Prozent der Aktien liegen

          Entsprechend den Angaben werden die drei Altaktionäre des Unternehmens - die Finanzdienstleister Raiffeisen und Uniqa, die Familie Haselsteiner sowie der seit dem Frühjahr beteiligte russische Milliardär Oleg Deripaska - jeweils rund ein Viertel an dem Unternehmen halten, der Rest wird sich im Streubesitz befinden. Derzeit hält die Familie Haselsteiner 33,3 Prozent, Raiffeisen und Uniqa jeweils 18,2 Prozent, Deripaska 30 Prozent. Die Strabag-Aktien werden sofort mit dem zweiten Handelstag im Leitindex der Wiener Börse, dem ATX, notieren. Dafür hat Haselsteiner auf seine qualifizierte Mehrheit von 25 Prozent plus einer Aktie verzichtet, sagte er. Die Familie Haselsteiner hält künftig 25 Prozent minus drei Aktien.

          Tunnelbau bei Strabag

          Die Erlöse werden voraussichtlich vor allem für die Russland-Expansion verwendet. Daneben beabsichtigt der größte Baukonzern in Deutschland, Österreich und Ungarn, in den Straßenbau, lukrative Nischen wie den Tunnelbau und das Baustoffgeschäft zu investieren. Allein aus der Olympiade 2014 in Sotschi wird mit einem zusätzlichen Umsatzvolumen von wenigstens 1 Milliarde Euro gerechnet. Nach den Worten von Haselsteiner wächst der Bedarf in Russland sehr viel schneller, als es möglich ist, Kapazitäten aufzubauen. In Russland erwirtschaftete Strabag im vergangenen Jahr fast 2 Prozent der Bauleistung von insgesamt 10,4 Milliarden Euro und eine über den Konzernschnitt von 3 Prozent liegende operative Umsatzrendite. Mittelfristig rechnet Haselsteiner damit, dass Russland nach Deutschland und Österreich drittgrößter Einzelmarkt im Konzern wird mit einem Erlösanteil von 10 Prozent.

          Die Erlöse werden voraussichtlich vor allem für die Russland-Expansion verwendet

          Ein Übernahmeangebot für den Streubesitz der Kölner Strabag hat Haselsteiner in der nächsten Zeit ausgeschlossen. "Aus heutiger Sicht gehe ich davon aus, dass die Kölner Strabag AG spekulativ überbewertet ist", sagte der Industrielle. Nach dem Einstieg Deripaskas in den Mutterkonzern ist kein Pflichtangebot notwendig gewesen. Dies war von den deutschen Aufsichtsbehörden vor wenigen Wochen klargestellt worden.

          Aus den laufenden Ermittlungen in einer zu Jahresbeginn bekanntgewordenen Korruptionsaffäre in Chemnitz werden keine weiteren Risiken gesehen. In der Schadenswiedergutmachung gegenüber den Bauherren sei man "weit fortgeschritten", heißt es. Auch die laufende juristische Auseinandersetzung mit den Minderheitsaktionären der Tochtergesellschaft Züblin birgt nach Aussage Haselsteiners kein bedeutendes Risiko für den Konzern. "Eberhard Lenz will 100 Millionen mehr, als wir zu zahlen bereit sind", sagte Haselsteiner. Dies sei ein Vielfaches dessen, was die laufenden Prozesskosten der Strabag betragen würden. "Das Risiko für die Aktionäre wäre, wenn ich Lenz die 100 Millionen Euro mehr gäbe und die Aktionäre damit schädigte", erklärte der Unternehmer.

          Zur Bewertung der Aktie wollte Haselsteiner nicht direkt Stellung nehmen - ebenso wenig wie zu den Gewinnerwartungen für das laufende Jahr. Die Preisspanne entspreche, gemessen an den Analystenerwartungen, in etwa dem zwanzigfachen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Jahres 2008. "Wir werden eine krisensichere Mischung aus Substanz- und Ertragswert sein", sagte der Vorstandsvorsitzende.

          Gericht urteilt gegen das deutsche Bauunternehmen Strabag

          Die Strabag AG in Köln muss einen Sonderprüfer in ihre Bücher blicken lassen; außerdem sind die Beschlüsse der Hauptversammlung von 2006 ungültig. Dies entschied das Landgericht Köln auf eine Klage von Minderheitsaktionäre hin. „Wir prüfen, ob wir Rechtsmittel einlegen“, sagte eine Strabag-Sprecherin dieser Zeitung. Nach ihren Angaben erklärte das Gericht die Abstimmungen auf der Aktionärsversammlung nur aus formalen Gründen für rechtswidrig. Geklagt hatte unter anderem ein Verein namens „Verbraucherzentrale für Kapitalanleger“ (VzfK) aus Berlin; dessen Vorsitzender Martin Weimann vertrat zugleich als Anwalt einen der drei weiteren Kläger. Der Verein betreut nach eigenen Worten „viele Aktionäre der Strabag“. Ziel ist unter anderem die Einsetzung eines Sonderprüfers „zur Aufklärung der Auswirkungen der verschiedenen öffentlich diskutierten Betrugs-, Korruptions- und Parteispendenaffären im Zusammenhang mit der Gesellschaft und der Bauholding Beteiligungs AG, an der die Gesellschaft mit 35 Prozent beteiligt ist, sowie zur Ermittlung möglicher damit verbundener Pflichtverletzungen von Organmitgliedern“. Der Vorstand soll zudem gezwungen werden, einen Beherrschungsvertrag mit der österreichischen Strabag SE vorzubereiten. VzfK-Chef Weimann agiert hinter den Kulissen aber auch auf eigene Rechnung: So verkaufte er vor Jahren einer Aktiengesellschaft die Rücknahme einer Anfechtungsklage - unter dem Vorwand, dem Unternehmen im Gegenzug ein „Rechtsgutachten“ zu erstatten. Diese Zeitung konnte den Vertrag damals einsehen. (jja.)

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