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Finanzmarkt : Merck setzt Börsen unter Druck

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Neue Sorgen über fragwürdige Bilanzen am Beispiel Merck haben die drastischen Kursgewinne vom Freitag wieder teilweise abschmelzen lassen.

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          Eigentlich sollte die an diesem Montag beginnende Berichtssaison den Börsenkursen zu mehr Stabilität verhelfen, hofften Analysten und Anleger. Erwartet wird, dass die Unternehmen solidere Gewinne vermelden als im vergangenen Quartal - was die Kurse stützen müsste.

          Doch gab es erste Enttäuschungen. So hatte der weltgrößte Aluminiumproduzent Alcoa im zweiten Quartal einen unerwartet niedrigen Gewinn verbucht und die Erwartungen der Analysten knapp verfehlt. Die Aktie gab rund 2,6 Prozent auf 32,50 Dollar nach. Nicht nur von dieser Seite wird die erhoffte Stütze wackelig, wenn die Anleger den offiziellen Zahlen nicht mehr trauen. Denn jetzt hat ein weiterer Fall von kreativer Buchführung das Misstrauen der Investoren vertieft.

          Nach Enron, Worldcom und Xerox soll auch der amerikanische Pharmariese Merck & Co. (nicht zu verwechseln mit der deutschen Merck KGaA) seine Bilanzen geschönt haben. Das drückt auf die Stimmung der Börsianer. An der Wall Street stehen nach den fulminanten Kursgewinnen vom Freitag die Kurse wieder unter Druck. Der Dow Jones ging mit einem Minus von 1,12 Prozent bei 9.275 Zählern aus dem Markt, die Nasdaq verlor sogag 2,95 Prozent auf 1.405 Zähler. Der Dax beschloß den Handel mit einem Minus von 0,91 Prozent bei 4.442 Punkten, der Nemax 50 gibt 1,24 Prozent auf 597 Zähler nach. Beobachter sagten, Merck habe die europäischen Börsen weniger stark gedrückt als vorbörslich angenommen.

          Mehr als zwölf Milliarden Dollar zuviel Umsatz verbucht

          Eröffnete die Merck-Aktie im deutschen Xetra-Handel mit einem Kurseinbruch von 17 Prozent, so verkürzt der sich im US-Handel auf gerade einmal auf ein Minus von 2,15 Prozent auf 47,81 Dollar. Stärkster Verlierer war dagegen die Aktie von Intel, die mit einem Minus von 5,32 Prozent bei 18,50 Dollar aus dem Handel ging.

          Nach Angaben des „Wall Street Journal“ hat Merck eingestanden, Zuzahlungen für Medikamente als Umsatz der Tochter Medco verbucht zu haben, obwohl diese die Beträge nie erhalten hat. Die Zuzahlungen verbleiben in voller Höhe bei den Apotheken. Medco verwaltet Pharmazie-Programme für Angestellte und Krankenversicherungen. Zwischen 1999 und 2001 soll das Unternehmen durch die Buchungen seine Umsätze um 12,4 Milliarden Dollar aufgebläht haben, das entspreche mehr als zehn Prozent des Gesamtumsatzes, hieß es. Merck habe die US-Börsenaufsicht SEC bereits im April über diese Praxis informiert.

          Regelkonformität schützt nicht vor Sanktionen

          Unternehmenssprecher sagten, die Vorgehensweise entspreche den Regeln. Sie habe keinen Einfluss auf den Nettogewinn, da die Zuzahlungen auf der anderen Bilanzseite wieder als Absatzkosten verbucht würden. Der Nachrichtenagentur vwd zufolge weisen zwei der vier größten Pharmazie-Programm-Manager der USA die umstrittenen Zuzahlungen in ihren Umsätzen aus und zwei nicht.

          In einem ähnlichen Fall hatte die SEC im Mai dem „Wall Street Journal“ zufolge erklärt, die technische Übereinstimmung mit den Bilanzierungsrichtlinien schütze ein Unternehmen nicht vor Sanktionen. Das Unternehmen müsse bekannt geben, dass ein wesentlicher Teil des Umsatzes aus nie erhaltenen Zahlungen bestehe. Allerdings gebe es bislang keine Anzeichen, dass die Börsenaufsicht mit einem Erlass auf Mercks Bilanzierungspraktiken reagieren wird.

          Nachricht gefährdet Erholung der Kurse

          Institutionelle Anleger erwarten, dass die Nachricht einer neuerlichen Bilanzmanipulation auch den breiten Markt weiter unter Druck setzt. „So lange wir alle zwei, drei Tage Nachrichten wie diese erhalten, wird sich der Markt nicht wirklich erholen“, sagt Michael Lengweiler, Vermögensverwalter bei der Bank Sarasin & Cie. „Es herrschen so viele Zweifel daran, was wirklich in den Unternehmen passiert, dass es die Leute von soliden Wachstumsdaten ablenkt“, meinte Tamzin Hobday, Chefaktienstratege bei West LB Panmure, gegenüber Bloomberg Television. „Der Markt konzentriert sich auf die negativen Nachrichten.“

          Der Verdacht der Bilanzmanipulation ist im Fall von Merck bereits seit vergangener Woche bekannt. Am Mittwoch hatten Aktionärs-Anwälte in den USA eine Massenklage gegen den Konzern eingereicht. Damals ging es allerdings „lediglich“ um 4,6 Milliarden Dollar zuviel Umsatz für das Jahr 2001. Die ebenfalls in der Klage erwähnten mutmaßlichen Fehlbuchungen der Jahre 1999 und 2000 wurden nicht beziffert.

          Gerieten die Börsen unter Druck, so konnte der Bondmarkt von der anhaltenden Unsicherheit der Aktienmärkte profitieren. Die 30-jährige Treasury legte 22/32 Stellen auf 98 17/32 zu. Dagegen zeigte der Dollar Schwäche und gab sowohl gegen den Yen als auch gegen den Euro marktant nach. So konnte der Euro gegen Dollar am Montag von 97,29 Cents im Tief auf 98,94 Cent zulegen. Der Yen bewegte sich gleichzeitig von 120,18 in der Spitze auf 118,44 Yen.

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