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Finanzmarkt : Deutsche Börse in den USA auf der Flucht nach vorne

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Nach dem absehbaren Ende der Kooperation mit der CBoT ist der Aufbau einer eigenen US-Terminbörse durch die Eurex nur konsequent.

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          Die Deutsche Börse ist in Expansionsstimmung, das ist nicht neu. Schließlich wurde unter anderem die Umwandlung zur Aktiengesellschaft mit der dadurch erreichten höheren Flexibilität begründet. Aus diesem Grund dürfte die Ankündigung über Nacht wenig überraschen, dass die Tochter Eurex, die größte Terminhandelsbörse der Welt, in den USA eine eigene Börse aufziehen will.

          Zum Aufbau der neuen Börse zieht Eurex offenbar auch eine im Vorfeld in der Branche viel diskutierte Übernahme in den USA in Betracht. „Ein Kauf ist nicht ausgeschlossen. Es kommen alle Formate infrage", sagte Eurex-Vorstand Rudolf Ferscha in einem Interview. „Eurex wird Anfang 2004 allen Kunden weltweit die gesamte US-Produktpalette von Zinsprodukten über Aktienoptionen bis hin zu Indexprodukten anbieten.“ Spätestens Anfang 2004 solle es losgehen, fügte er hinzu. Die Gespräche mit den Aufsichtsbehörden und Marktteilnehmern zum Start der Börse seien bereits weit fortgeschritten.

          Entscheidung möglicherweise aus Not geboren

          Allerdings ist diese Entscheidung möglicherweise aus einer gewissen Not geboren. Denn schon in den vergangenen Monaten zeichnete sich immer mehr ab, dass es in der bisher bestehenden Allianz mit dem Chicago Board of Trade (CBoT) nicht mehr richtig rund läuft. Bislang betrieb die Eurex mit der CBoT die elektronische Plattform a/c/e, auf der die unterschiedlichen US- und europäischen Terminkontrakte wie Futures und Optionen mit zunehmendem Erfolg gehandelt werden können.

          Zuletzt hatte die CBoT allerdings mit der Eurex sowie dem Konkurrenten Euronext-Liffe über die Fortsetzung der a/c/e-Allianz oder den Einsatz der Liffe-Handelsplattform verhandelt. Und offensichtlich hat sich die CBoT für das System Liffe Connect entschieden. Damit gerät die Deutsche Börse zunächst ins Hintertreffen. Denn der internationalen Börsenallianz Euronext ist es unter der Führung der Börse in Paris in jüngster Zeit nicht nur gelungen, die Londoner Terminbörse Liffe zu übernehmen, sondern mit dem Deal mit der CBoT deutet sich ein glänzender Eintritt in den US-Markt an. Denn die CBoT ist bei wesentlichen Kontrakten absoluter Marktführer.

          Internationale Konkurrenz zwischen Handelsystemen nimmt zu

          Und diese Tatsache ist ein gigantischer Vorteil. Denn der Markt ist da, wo der Handel stattfindet. Um Händler und andere Marktteilnehmer an eine andere Börse oder auf ein anderes System zu locken, sind nicht nur gewaltige Anstrengungen, sondern auch deutliche Vorteile - kompetitive Handelsmodelle, hohe Handelsvolumina, günstige Preise - notwendig. Die Eurex ist nach Ferschas Worten zwar optimistisch, die mehr als 150 Teilnehmer von a/c/e übernehmen zu können und ihre Zahl deutlich zu steigern. Aber ob das auch der Fall sein wird, bleibt abzuwarten. Immerhin muss es gute Gründe dafür gegeben haben, dass sich die CBoT gegen die bisherige Kooperation mit der Eurex ausgesprochen hat.

          Insgesamt lässt diese Entwicklung auf einen harten Konkurrenzkampf mit engen Margen schließen. Nicht nur in Europa, bisher der eigentlichen Domäne der beiden Börsenunternehmen. Sondern auch in den USA. Dort dürften sie insgesamt allerdings gute Chancen haben, da viele der dortigen Handelsplätze bisher die technologische Entwicklung und den Trend zum elektronischen Handel weit gehend verschlafen haben. Der zunehmende Wettbewerb zwischen den verschiedenen Handelssystemen an sich mag gut sein für die Handelshäuser und Anleger. Weniger allerdings für die Börsen als Unternehmen selbst. Denn sie müssen nicht nur hohe Investionen tätigen, sondern stehen gleichzeitig unter Margendruck. Das dürfte die Aktionäre der Deutschen Börse und der Euronext zunächst nicht sonderlich begeistern.

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