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Finanzmärkte : „Unterirdischste“ Börsenrally der Geschichte

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Die amerikanischen Börsen sind im Boom. Aber er wird nicht nachhaltig sein, denkt Investmentstratege Jeremy Grantham. Denn er habe eine geringe Qualität, da er künstlich erzeugt sei.

          Die Stimmung an den Börsen ist gut, der Optimismus ist groß, die mittelfristigen Trends zeigen nach oben und lassen weitere Kursgewinne erwarten. Viele Analysten und sonstige „Experten“ reden von einer zyklischen Erholung der Wirtschaft und rechnen mit in der Zukunft deutlich steigenden Unternehmensgewinnen und damit mit weiter steigenden Kursen.

          Denn die positiven Effekte des schon seit langem auf hohem Niveau verharrende Konsums werde zunehmend ergänzt oder abgelöst von einsetzenden Investitionsausgaben der Unternehmen. Sobald dieser Kreislauf in Gang gesetzt sei, werde er sich selbst verstärken und für steigende Umsätze sorgen. Um diese abarbeiten zu können, müssten Unternehmen auch wieder mehr Leute einstellen, was wiederum dem Konsum zugute käme. Insgesamt also eine nachhaltige Entwicklung, die Anleger positiv und optimistisch in die Zukunft blicken lassen könne.

          „Präsidentschaftszyklus“ führt zu Börsenboom ...

          Ein Bild, das beinahe zu schön zu sein scheint, um wahr zu sein. Tatsächlich gibt es auch einige, die an diesem Bild kräftig kratzen. Unter anderem Investmentstratege Jeremy Grantham von der Vermögensverwaltung GMO in Boston. Er bezeichnet das, was gegenwärtig an den Börsen vor sich geht als die „unterirdischste“ Rally der Geschichte.

          Er führt sie beinahe ausschließlich auf den „Präsidentschaftszyklus“ zurück. Danach nutzt ein frisch ins Amt gekommener Präsident in Amerika die ersten beiden Jahre seiner Amtszeit, um dem Land die in der Regel dringend nötigen „bitteren Pillen“ in Form von Strukturänderungen, Kostensenkungen et cetera zu verabreichen. Im dritten Jahr dagegen versucht er mit allen Mitteln, die Wirtschaft auf Vordermann zu bringen, um gute Argumente für die Wiederwahl zu haben.

          George Bush Junior scheint in dieser Beziehung von seinem Vater gelernt zu haben und hat zusammen mit Notenbankchef Alan Greenspan ein rekordverdächtiges „Stimulationspaket“ geschnürt. Neben extrem tiefen Zinsen enthält es massive Steuersenkungen und öffentliche Ausgaben, letztere vor allem im militärischen Bereich. Finanziert wird es vor allem durch massiv steigende Schulden, die Mittel kommen vor allem aus dem Ausland, das an das amerikanische „Wachstumswunder“ zu glauben scheint.

          Nach Grantham haben diese Stimuli höchstens einen bescheidenen Einfluß auf die amerikanische Wirtschaft, dagegen einen außerordentlichen auf die Börsen. Zu einem kleinen Teil sei er auf die geringen Zinsen zurückzuführen. Im wesentlichen sei er aber psychologisch. Er führe zu einem verbesserten Konsumentenvertrauen, was wiederum zu höheren Kurs-Gewinn-Verhältnissen verleite. Denn viele Anleger gingen davon aus, daß die Notenbank und Administration alles tun würden, um die Zinsen tief zu halten. Sie können folglich mit relativ geringen Risiken spekulieren.

          ... welcher eine schlechte Qualität aufweist

          Interessanterweise deckt sich das mit der Sektorbeobachtung. Auf Grund des zunehmenden Vertrauens entwickeln sich im Jahr drei Aktien kleiner Unternehmen, Wachstumswerte und Aktien mit geringer „Gewinnqualität“ - sofern sie überhaupt welchen erzielen - gut. Und das deckt sich mit dem Jahr 2003. So haben die 25 Prozent der Werte, die im vergangenen Jahr die heftigsten Kursverluste hinnehmen mußten, in diesem Jahr mehr als 45 Prozent zugelegt. Die beinahe 25 Prozent der Werte, die keine oder nur bescheine Gewinne erzielen, haben mehr als 40 Prozent zugelegt. Dagegen haben die „KGV-günstigen“ Werte gerade einmal zehn Prozent gewonnen.

          Der Effekt ist bemerkenswert: Seit dem Jahr 1932 lag die Börse in den ersten beiden Jahren einer Präsidentschaft im Durchschnitt 4,5 Prozent unter dem langfristigen Durchschnitt. Im dritten Jahr dagegen acht Prozent und im vierten Jahr noch ein Prozent über dem Schnitt.

          Insgesamt ist es nach Granthams Einschätzung denkbar, daß sich das Jahr 2004 noch positiv entwickeln wird. Sicher ist er allerdings nicht. Denn die Stimuli könnten schon weitgehend „abgearbeitet“ sein. Außerdem spiele im Jahr vier in der Regel die Bewertung wieder eine stärkere Rolle. Und die sei mit einem KGV von 24 jetzt schon hoch. Sollte der Markt mit der Dynamik der vergangenen Monate weitersteigen, könnte der bald wieder die „teure“ Marke von 30 erreichen. Spätestens in den Jahren 2005 oder 2006, wenn ein möglicherweise wiedergewählter Präsident Bush den ökonomischen Schaden aufräumen muß, den er angerichtet hat, sei eine massive Gegenbewegung überfällig.

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