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Finanzmärkte : Tiefe Verunsicherung an den Finanzmärkten

Bild: Bloomberg, Thomson Financial Datastream

Nach der Insolvenz von Lehman Brothers und dem Notverkauf von Merrill Lynch geht an den Börsen die Angst um. Die Anleger stoßen Bankaktien ab. Bundesanleihen hingegen profitieren von einer Flucht in die Sicherheit.

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          Nach der Insolvenz von Lehman Brothers und dem Notverkauf von Merrill Lynch haben die Anleger Aktien europäischer Banken reihenweise verkauft. Der Branchenindex Stoxx Banks verlor allein am Montag 8 Prozent. Seit Jahresbeginn ist der Index um 35 Prozent eingebrochen und seit Beginn der Finanzkrise im Juli 2007 um fast 50 Prozent.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Heute herrscht so etwas wie Panik", sagte ein Aktienhändler in Frankfurt und verwies darauf, dass bis zum Nachmittag mehr als doppelt so viele Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank gehandelt worden seien als üblich. "Das Finanzsystem ist so schwer erschüttert wie nie, das Vertrauen der Marktteilnehmer untereinander geht gegen Null und niemand weiß, wie es weitergeht", sagte der Aktienhändler, der nicht genannt werden will.

          Verschiedene Gründe führen zum Unbehagen der Anleger

          Neben der Insolvenz von Lehman Brothers wird das Unbehagen geschürt von neuen Spekulationen über einen weiteren Abschreibungsbedarf der Schweizer Großbank UBS, den am Dienstag bevorstehenden Quartalszahlen von Goldman Sachs und der am Aktienmarkt als sicher geltenden Vermutung, dass die übernommene Investmentbank Merrill Lynch der nächste Insolvenzfall gewesen wäre. Als nächste Wackelkandidaten gelten in Amerika die Sparbank Washington Mutual und die Bank Wachovia, deren Kreditbücher "voll mit Neutronenanleihen" seien, wie es in einem Marktkommentar der Hypovereinsbank heißt. Die Neutronenanleihen, eine freie Übersetzung von Option Adjustable Rate Mortgage, sind die nächsten Immobiliendarlehen, die im Zuge der Finanzkrise wegen ihres wachsenden Ausfallrisikos zweifelhafte Berühmtheit erlangen. Merrill-Lynch-Kreditanalyst Richard Bernstein erklärte am Montag, die Finanzkrise sei keineswegs zu Ende. Es gebe zu große Überkapazitäten im Finanzsystem, und diese müssten zunächst abgebaut werden. Merrill Lynch gehe davon aus, dass in den kommenden zwölf Monaten mehr als 250 Banken insolvent werden - in den kommenden Jahren dürfte sich die Zahl sogar auf mehrere Hundert erhöhen.

          Finanzkrise : Bankenkrise drückt Dax auf Zweijahres-Tief

          Am stärksten von allen europäischen Bankaktien brach am Montag der Kurs des britischen Immobilienfinanzierers HBOS ein. HBOS gilt als eng verwoben mit der insolventen Lehman Brothers und ist zudem stark vom Verfall der Preise am britischen Immobilienmarkt betroffen. Den gesamten Aktienmarkt in Deutschland erschütterten darüber hinaus automatisch einsetzende Verkäufe, als der Dax gegen Mittag unter 6000 Punkte fiel und erst bei 5942 Punkten und einem Abschlag von 4,7 Prozent zum Freitagsschlussstand Halt fand. Auch wenn der Dax sich bis zum Nachmittag auf 6010 Punkte etwas erholte, liegt der Index nun so tief wie seit Oktober 2006 nicht mehr. Der am Freitag anstehende große Verfalltermin, an dem zahlreiche Optionen und Terminkontrakten auslaufen, sorgt für weitere Unruhe.

          Risikoscheu der Anleger quer durch die Finanzmärkte spürbar

          Optimisten wie Bankaktienanalyst Andreas Weese von Unicredit, der die Aktie der Deutschen Bank am Montag mit einem von 90 auf 88 Euro leicht verringerten Kursziel zum Kauf empfahl, dringen derzeit mit ihrer positiven Sicht nicht durch. Der Kurs der Deutschen Bank hielt sich am Montag nur mühsam oberhalb von 50 Euro. "Innerhalb von zwei Tagen sind zwei der großen Investmentbanken verschwunden", stellt Aktienstratege Matthias Jörss von Sal. Oppenheim in Frankfurt. "Das ist eine gefährliche Lage und verstärkt die Unsicherheit. Ich rechne kurzfristig mit einer weiteren Abwärtsbewegung."

          Tatsächlich ist die Risikoscheu der Anleger quer durch die Finanzmärkte spürbar. Nur Gold, das als Krisenwährung gilt, konnte am Montag kaum davon profitieren. Als besonders anfällig geltende Währungen wie die türkische Lira werteten stark ab. Im Euro-Raum kletterte Tagesgeld auf Sätze um 4,50 Prozent nach 4,26 bis 4,28 Prozent am Freitag. Selbst ein 30 Milliarden Euro schwerer Schnelltender der Europäischen Zentralbank (EZB) wirkt nicht beruhigend. Vor allem angelsächsische Investmentbanken wie die Royal Bank of Scotland fordern von der EZB vielmehr eine Leitzinssenkung. Allerdings hat die EZB erst vor wenigen Wochen ihren Leitzins auf 4,25 Prozent angehoben. Die Rendite für Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit, die daraufhin Ende Juli auf 4,70 Prozent geklettert war, ist indes am Montag unter 4 Prozent gefallen. Marktbeobachter erklärten dies mit dem wachsenden Bedürfnis der Anleger nach sicheren Anlagen. Von der amerikanischen Notenbank erwarten viele Marktteilnehmer am Dienstag nun eine Zinssenkung um 50 Basispunkte.

          Mit Zinssenkungen, hoffen die Börsianer, könnten die Notenbanken die drohende Kette aus Schwäche der Banken, eingeschränkter Kreditvergabe, schwierigeren Investitionsbedingungen für die Unternehmen und damit einem schwächeren Wirtschaftswachstum brechen. Als Ausweis der höheren Finanzierungskosten für Investitionen sind am Montag, im Gegensatz zu den Renditen für Staatsanleihen, die Renditen für Unternehmensanleihen schon kräftig gestiegen. Dagegen ist der Ölpreis weiter auf dem Rückzug. Die sich abschwächende Weltkonjunktur, so die Erklärung von Analysten, dämpfe die Nachfrage. Zeitweise kosteten 159 Liter der Sorte WTI am Montag nur noch 94 Dollar - 35 Prozent weniger als vor zwei Monaten.

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