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Finanzmärkte : Schwellenbörsen trotzen der Finanzkrise

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Aktien in den Schwellenländern schlagen sich in der Finanzkrise bestens. Starke Binnenwirtschaften machen sie bisher fast immun gegen Einflüsse von außen. Hohe Rohstoffpreise sorgen für Handelsüberschüsse und Inflationsdruck.

          Die Aktien in den Schwellenländern schlagen sich in der Finanzkrise bestens. Zwar fielen die Kurse an den Börsen in China, Indien und Brasilien unmittelbar nach dem Ausbruch der Hypothekenkrise in Amerika Mitte Juli stärker als an den etablierten Aktienmärkten. Inzwischen aber hat der Aktienindex MSCI Emerging Markets, der die Schwellenländer in der Welt zusammenfassend abbildet, ein neues Rekordhoch erreicht und hat damit die europäischen Aktienmärkte abgehängt.

          Für Oliver Stönner, Investmentstratege Emerging Markets der Fondsgesellschaft Cominvest, ist die schnelle Kurserholung an den als besonders risikoreich geltenden Schwellenbörsen ein neues Phänomen. "Ich gehe noch nicht so weit, zu sagen, dass die Emerging Markets gegen einen Wirtschaftsabschwung in den Vereinigten Staaten immun sind", sagt Stönner. "Aber viele Länder sind besser als in der Vergangenheit in der Lage, einer amerikanischen Schwächephase zu widerstehen." Dies liege daran, dass die Binnenwirtschaften stärkere Impulse lieferten. "Darauf setzen die Anleger", lautet Stönners Erklärung dafür, dass die in Deutschland allgegenwärtige Diskussion über Dämpfer für die Konjunktur in vielen Schwellenländern kaum geführt wird.

          Anhaltend hoher Wachstumsoptimismus om China, Indien und Russland

          Tatsächlich haben viele Analysten und auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ihre schon hohen Wachstumsprognosen kurz vor dem Ausbruch der Finanzmarktkrise noch einmal erhöht. Der IWF rechnet seit Anfang August mit einem Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr von 5,2 Prozent, der gleiche Wert wird für das Jahr 2008 unterstellt. Überdurchschnittliches Wachstum wird im Jahr 2008 von China (10,5 Prozent), Indien (8,4) und Russland (6,8) erwartet. Unterdurchschnittlich wachsen dürften dagegen Japan (2,0) und die Vereinigten Staaten (nach 2,0 in diesem Jahr 2,8 Prozent in 2008).

          Der hohe Anteil von 48 Prozent, den die Schwellenländer inzwischen am Welt-Bruttoinlandsprodukt ausmachen, spiegelt sich indes nicht in den Marktkapitalisierungen an den Börsen. Kaum mehr als 10 Prozent beträgt der Anteil der Schwellenländeraktien an der Marktkapitalisierung der globalen Aktienmärkte. Dies liegt wohl auch daran, dass viele Unternehmen in Entwicklungsländern in staatlicher Hand sind.

          Gleichwohl rechnen Fachleute mit einem Aufholprozess auch der Börsenwerte. "Die Schwellenländer sind die Gewinner der Globalisierung", bringt es Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, auf den Punkt. Die kräftig gekletterten Preise für Öl, aber auch für Agrarrohstoffe wie Mais oder Weizen haben zu gewaltigen Überschüssen in den Handelsbilanzen vieler Schwellenländer geführt. Die Überschüsse machen die Länder in der Finanzkrise unabhängiger. Die hohen Preise für Lebensmittel tragen aber auch dazu bei, dass die Notenbanken zur Bekämpfung der Inflation die meist hohen Leitzinsen aufrechterhalten müssen.

          Werten die Währungen weiter auf?

          Cominvest-Experte Stönner rechnet zum Beispiel für Brasilien mit maximal zwei Leitzinssenkungen in den nächsten Monaten, so dass das Zinsniveau mit mehr als 8 Prozent hoch genug bleibe, um Kapital anzulocken. Die brasilianische Währung Real dürfte daher aufwerten. Auch für die Credit Suisse gehört der Real zu den Favoriten. Aktienanleger in den Schwellenländern sollten die Entwicklung der lokalen Währungen auf jeden Fall im Blick halten.

          So sind die Meinungen zu Südafrika, dessen Minenproduzenten vom hohen Goldpreis profitieren sollten, geteilt. Während die Fachleute von der Raiffeisenzentralbank dem südafrikanischen Rand mit das höchste Aufwertungspotential zutrauen, raten die Analysten von ABN Amro von einem Engagement ab. Sie befürchten, dass eine Schwäche der südafrikanischen Währung mögliche Aktienkursgewinne für Euro-Anleger auffressen wird.

          Cominvest-Stratege Stönner setzt statt dessen bei Aktienanlagen auch auf die Türkei. Sie sei aus der Phase der politischen Unsicherheit herausgetreten. Stönner erwartet nach der ersten Leitzinssenkung vor wenigen Tagen weitere Zinssenkungen durch die Zentralbank im Jahr 2008, die seiner Ansicht nach der Wirtschaft Wachstumsimpulse geben sollten. Die nach wie vor sehr hohen Zinsen in der Türkei von rund 15 Prozent sollten jedoch dazu führen, dass die Kapitalzuflüsse hoch blieben und die türkische Lira trotz Zinssenkungen aufwerte.

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