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Finanzmärkte : Italien: Markt für informierte Kenner

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In Italien liegt das Konsumklima unter dem langjährigen Mittelwert und das Stimmungsbarometer des Mittelstands ist gesunken. Aber „wenn viele der Rentenkasse entfliehen, haben die Fonds bald viel Geld anzulegen“.

          Vom sonnigen Gemüt, das zum Stereotyp über den Südländer gehört, sind die Italiener an diesem Jahreswechsel ein großes Stück entfernt. Vor allem das dreimonatige Drama der Haushaltsberatungen mit immer neuen Ideen zur Steigerung der Staatseinnahmen hat für ein Stimmungstief gesorgt. Immerhin gab es Haushaltskorrekturen von fast 2,5 Prozent des Volkseinkommens, vor allem mit höheren Steuereinnahmen.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Nun steht den Italienern eine mühsame Debatte über Rentenreformen bevor, in der die Wirtschaft auf Einschnitten beharrt. Der kommunistische Koalitionspartner will jedoch neue Wohltaten verteilen. Kein Wunder, dass das Konsumklima unter dem langjährigen Mittelwert liegt und das Stimmungsbarometer des Mittelstands gesunken ist. Entsprechend pessimistisch zeigt sich der Unternehmerverband mit einer Wachstumsprognose von nur 1,4 Prozent für das Jahr 2007.

          Star des italienischen Börsenparketts: Jolly Hotels

          Damit hielt sich auch die Freude über die Börsendaten des gerade abgelaufenen Jahres in Grenzen. Der breite Marktindex Mibtel der Borsa Italiana schloss 19,1 Prozent höher als zu Jahresbeginn, der Index der Standardwerte S&P/Mib lag 16 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Diese Werte, mit denen sich Italien im europäischen Mittelfeld plazierte, entstanden allerdings als Durchschnitt von sehr heterogenen Tendenzen. Die Stammaktien der vor einem Jahr totgesagten Fiat gewannen nach immer neuen Anzeichen für eine Wende innerhalb eines Jahres fast 98 Prozent an Wert. Unter den Standardwerten folgen der Röhrenhersteller Tenaris (plus 94,7 Prozent) und der nach den Skandalen neu an die Börse gebrachte Nahrungsmittelkonzern Parmalat (plus 58,5 Prozent). Die Verfolgergruppe besteht aus Banken, die von Übernahmegerüchten umwittert waren - von der Capitalia (plus 45,7 Prozent) in Rom bis zu einigen großen Volksbanken.

          Star des gesamten Börsenparketts wurde ein jahrzehntelang unscheinbarer Titel, Jolly Hotels. Das Unternehmen verdankt seinen Kursanstieg von 187 Prozent der vielversprechenden Beteiligung einer spanischen Hotelkette. Diese Begebenheit verdeutlicht ein Merkmal des gesamten Börsenjahres: Kurswachstum und Kurssprünge waren weniger der allgemeinen Konjunktur zu verdanken oder der beständigen Analyse von Branchenaussichten, sondern weit mehr den Übernahmegerüchten, der italienischen Politik und außergewöhnlichen Ereignissen in einzelnen Unternehmen.

          Auch im gerade begonnenen Jahr bleibt Italiens Börse damit eine Sache für gut informierte Kenner von Unternehmensinterna. Kandidaten für neue Spekulationen sind die jahrelang defizitäre und konkursgefährdete Fluglinie Alitalia, für die nun ein privater Hauptaktionär gesucht wird. Bei der Versicherungsgruppe Generali, der drittgrößten Europas, ist der Hauptaktionär Mediobanca so klein und der übrige Aktionärskreis so wackelig, dass es immer Überraschungen geben kann. Und bei Telecom Italia, einem der Verlierer von 2006 (minus 6,9 Prozent), warten die Anleger noch auf eine überzeugende Umstrukturierung.

          Wenn viele der Rentenkasse entfliehen, haben die Fonds bald viel Geld anzulegen

          Bei der Frage nach übergeordneten Anlagethemen fehlt den italienischen Börsianern jedoch zur Zeit Phantasie und Optimismus. Die trübe Stimmung im Land lässt nicht gerade eine neue Konsumwelle der Italiener erwarten. Exportstarke Unternehmen wie Bulgari, Luxottica oder Tod's leben mit dem Damoklesschwert fallender Dollarkurse. Selbst die Ölbranche ist schon ausgereizt, mit den Kurssprüngen der Versorgungsunternehmen Tenaris und Saipem (plus 43,1 Prozent). Denen stand gegenüber ein unterdurchschnittliches Wachstum des Ölkonzerns Eni (plus 7,3 Prozent), der schon mit hohen Bewertungen ins Jahr 2006 ging, zudem eine Enttäuschung mit dem 2006 neu notierten Raffinerienbetreiber Saras, der mit einem Kursverlust von 32,5 Prozent den schlechtesten Neuzugang auf dem Börsenzettel darstellte.

          Bleibt nur noch als Hoffnungsschimmer, dass die Italiener von 2007 an über ihre Betriebsrenten entscheiden müssen. Beschäftigte in Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten müssen sich bis Juni einen privaten Fonds wählen, wenn ihre Rücklagen nicht im großen Topf der staatlichen Rentenversicherung verschwinden sollen. Wenn viele der Rentenkasse entfliehen, haben die Fonds bald viel Geld anzulegen.

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