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Finanzmärkte : Ende der Jahresendrally in Europa möglich

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Die Börsianer geben sich optimistisch. Fragt sich nur, ob sie fundierte Gründe dafür haben. "Die Erwartungen scheinen unrealistisch", sagen Skeptiker.

          Nach zweieinhalb Jahren Baisse waren Anleger schon viel gewohnt. Aber von September bis Anfang Oktober des Jahres 2002 sah es dann plötzlich so aus, als ob die Welt untergehen würde.

          Negative Meldungen über die konjunkturelle Entwicklung und Kriegsangst paarten sich mit satten Kursverlusten von 35 Prozent innerhalb von gerade einmal acht Wochen im Dax. Und das auf dem zuvor schon erreichten tiefen Niveau. Banken, Versicherungen und andere Finanzwerte, die große Wertpapierbestände in ihren Bilanzen stehen haben, mussten massive Abschreibungen hinnehmen.

          Dann drehte urplötzlich der Wind. Plötzlich nehmen die Anleger die Daten wieder positiv, blenden die nach wie vor bestehenden Risiken aus und sind bereit, wieder Risiken zu übernehmen. Der Dax legte auf Grund der eintreffenden Kauforders innerhalb von knapp zwei Monaten etwas 30 Prozent zu. Nichts scheint die Börsen nun auf dem Weg nach oben aufhalten zu können. Analysten prognostizieren markant steigende Unternehmensgewinne für die nähere Zukunft. Die Stimmung fühlt sich beinahe wieder so an, wie während der besten Hausse-Zeiten.

          "Die Erwartungen scheinen unrealistisch"

          Dafür könnte es allerdings zu früh sein. Denn die Gewinne europäischer Unternehmen müssten 2003 so kräftig wachsen, wie seit mindestens 15 Jahren nicht mehr, um die Prognosen der Analysten zu erreichen. Und das macht einige Anleger skeptisch. Auf Grund der verhaltenen Wirtschaftsentwicklung sind nachhaltige Gewinnsteigerungen nicht im prognostizierten Rahmen möglich, denken sie.

          "Die Erwartungen scheinen unrealistisch", formuliert James Sandison von Edinburgh Fund Managers Group seine Bedenken. "Der Markt sieht teuer aus", nachdem der Dow Jones Stoxx 600 Index seit seinem Fünf-Jahres-Tief im Oktober 18 Prozent zugelegt hat. Bei den 624 Unternehmen, die im FTSE All-World Europe Index zusammengefasst sind, sollen die Gewinne im nächsten Jahr durchschnittlich um 31 Prozent steigen. Das ergab eine Umfrage von Thomson Financial unter Analysten. Ein solches Gewinnwachstum hat es allerdings seit 1987 nicht mehr gegeben.

          "Es ist einfach nicht realistisch, eine Gewinn-Rally zu erwarten", führt Hugh Hendry, Fondsmanager des CF Odey European Trust in London aus. "Ich glaube nicht, dass wir im nächsten Jahr Wachstum sehen werden." Hendrys Fonds ist in den vergangenen drei Jahren bis zum insgesamt um 33 Prozent gestiegen, im laufenden Jahr zog er fünf Prozent an. Damit erzielte er die beste Performance der 110 Fonds, die von Standard & Poor's verfolgt werden.

          Analysten sind "ein optimistischer Haufen"

          Es sei typisch für Analysten, sich beim Gewinnwachstum erst zu überschätzen und die Prognosen dann zu reduzieren, meint Ozan Akcin von Thomson Financial. Sie sind "ein optimistischer Haufen", fügt der Stratege hinzu. Zurzeit rechnen Analysten mit einem Gewinnanstieg im Jahr 2002 von zwei Prozent, nachdem sie zu Jahresbeginn noch von 24 Prozent ausgegangen waren. Innerhalb der vergangenen drei Monate sind die Gewinnprognosen für 2003 schon um durchschnittlich zwölf Prozent gefallen.

          Einige Investoren befürchten, dass es zum Jahresende wieder zu einer "Bullenfalle" kommen könnte, wie schon im Jahr 2001. Damals hatte der Stoxx 600 zwölf Prozent zulegen können, da Marktteilnehmer in der Überzeugung Aktien kauften, dass die Unternehmensgewinne im Jahr 2002 steigen würden. Seit Jahresbeginn ist der Index aber um 25 Prozent gefallen. "Nach der Narren-Rally vom vergangenen Jahr sieht es jetzt wieder genauso aus", meint Sandison von Edinburgh Fond.

          "Es reicht nicht aus, nur die Kosten zu reduzieren“

          Manche argumentieren zwar mit der zunehmenden Kosteneffizienz der Unternehmen. Aber dabei dürfte es sich oft um Einmaleffekte handeln. "Es reicht nicht aus, nur die Kosten zu reduzieren, damit der Aktienkurs nächstes Jahr steigt", betont beispielsweise Michael Stam, Vermögensverwalter bei Fortis Investment Management in Paris. "Was die Leute sehen wollen, sind steigende Gewinne in 2003 und eine Erholung der Wirtschaft, von der die Unternehmen profitieren können."

          Auf Grund dieser Argumente und der Erfahrung der „Narren-Rally“ vom vergangenen Jahr sollten Anleger für einen denkbaren Rückschlag gewappnet sein. Stopp-Loss-Orders dürften ratsam sein.

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