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Finanzmärkte : Banken forcieren das Rohstoffgeschäft

  • Aktualisiert am

Rohstoffhalde in China Bild: AP

Einen erfolgreichen Rohstoffhändler kaufen zu können, kommt nicht alle Tage vor. Deswegen bemühten sich mehrere Banken, bei dem britischen Unternehmen RBS Sempra zum Zuge zu kommen. Die Krise zwingt sie zur Suche nach neuen Erträgen.

          Einen erfolgreichen Rohstoffhändler kaufen zu können kommt nicht alle Tage vor. Kein Wunder, dass sich gleich mehrere Banken bemühten, bei dem britischen Unternehmen RBS Sempra zum Zuge zu kommen. Um Sempra buhlte nicht nur die Deutsche Bank, sondern auch JP Morgan sowie die australische Bank Macquarie. Entschieden ist noch nichts, doch es heißt inzwischen, dass nur noch JP Morgan übrig sei.

          Das Interesse für den Rohstoffhändler aus Großbritannien ist verständlich, denn das Geschäft mit Rohöl, Weizen und Gold ist lukrativ und liegt im Trend. Rohstoffe haben in den vergangenen Monaten hohe Preisaufschläge verbuchen können (siehe Grafik). Die Renditen erfreuen Investoren und bescheren Finanzinstituten üppige Einnahmen.

          Immer mehr Geld fließt in die Rohstoffe ...

          Banken handeln schon lange mit Rohstoffen. Doch auch immer mehr Privatanleger zeigen Interesse. Sie kaufen Ölzertifikate oder wetten auf die Preisentwicklung von Mais. Die rasant gestiegenen Rohstoffpreise locken weitere Investoren an. Dieses Interesse führt dazu, dass immer mehr Geld in die Rohstoffe fließt. Zumal es sehr viel günstiges Geld gibt. Notenbanken haben zur Linderung der Finanzkrise für eine riesige Geldschwemme gesorgt. Dieses Geld will gewinnbringend angelegt werden. "Rohstoffe als Anlageklasse erfreuen sich großer Beliebtheit", sagt Analyst Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck. "Das ist auch für die Banken ein interessantes Feld, bringt es ihnen doch hohe Provisionen."

          Und so steigt die Anzahl der Rohstoffprodukte, die Banken auf den Markt bringen: Gerade erst hat die Deutsche Bank angekündigt, ins Geschäft mit börsengehandelten Rohstoffen einzusteigen. Dabei geht es um Exchange Traded Commodities (ETCs). Das sind Inhaberschuldverschreibungen, welche die Wertentwicklung von Rohstoffen wie Zertifikate abbilden. Zwar ist der ETC-Markt noch klein, aber er wächst stetig. Bis zum Jahresende will allein die Deutsche Bank rund 20 ETCs anbieten - für Gold und Silber, Öl und auch Industriemetalle.

          Aus Sicht von Branchenkennern wie Becker ist es eindeutig, warum Banken das Rohstoffgeschäft forcieren: "Zuletzt hat es in der Branche eine große Sause mit komplizierten Finanzinstrumenten wie forderungsbesicherten Wertpapieren gegeben", sagt er. Wegen der Finanzkrise ist dieses Geschäft jedoch fast zum Erliegen gekommen, jetzt sollen "Rohstoffgeschäfte dies ausgleichen". Dabei geht es Banken aber nicht nur darum, den Privatanlegern neue Produkte zu verkaufen. Sie handeln natürlich auch selbst mit den Rohstoffen. Führend darin sind Unternehmen wie Goldman Sachs, Morgan Stanley sowie Barclays Capital. Besonders interessant ist es für sie, ihren Einfluss im physischen Geschäft mit Rohstoffen auszubauen und nicht nur über Terminkontrakte zu agieren. Einflussreiche Spieler wie Morgan Stanley sind sogar an Unternehmen beteiligt, die Öltanker und Ölpipelines betreiben.

          Es geht nicht nur um Öl, auch Rohstoffe, die sonst weniger Beachtung finden, sind interessant: Zucker zum Beispiel ist so teuer wie seit 20 Jahren nicht mehr. Im Oktober meldete die Deutsche Bank eine Allianz mit dem britischen Zuckerhandelshaus Czarnikow. Das Unternehmen ist schon seit 1861 im Zuckerhandel tätig und bietet langjährige Kontakte zu Zuckerproduzenten. Bei der Zusammenarbeit geht es der Deutschen Bank wohl nicht nur um Zucker, auch das Geschäft mit Ethanol nimmt an Bedeutung zu. Ethanol wird als Biokraftstoff eingesetzt.

          ... und die Banken machen damit gute Geschäfte

          Die Deutsche Bank hatte in den vergangenen Jahren ihr Rohstoffgeschäft stetig erweitert. Die Bank hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie weiter wachsen will, um im Rohstoffgeschäft etwas zur Konkurrenz von Goldman Sachs, Morgan Stanley sowie Barclays Capital aufzuschließen. So gesehen hätte der geplante Einstieg bei RBS Sempra für die Deutsche Bank viel Sinn gemacht. Nun hat sie das Nachsehen. Auch wenn der Deal noch nicht abgeschlossen ist, den Zuschlag wird wohl JP Morgan erhalten.

          Die Royal Bank of Scotland muss sich von der lukrativen Rohstoffbeteiligung trennen, weil der britische Staat die RBS in der Finanzkrise gerettet und die EU-Kommission daraufhin den Verkauf der Rohstoffsparte gefordert hatte. RBS Sempra gehört zu 51 Prozent der RBS, der Rest gehört dem amerikanischen Unternehmen Sempra Energy. Rund 4 Milliarden Dollar soll der Rohstoffhändler-Anteil kosten. Die RBS hatte vor zwei Jahren knapp 2 Milliarden Dollar bezahlt.

          Das Interesse der Banken an Rohstoffthemen führt dazu, dass mehr Personal nötig ist. George Stein, Geschäftsführer der Personalberatung Commodity Talent in New York, sagt: "Meine Kunden an der Wall Street bauen ihre Rohstoffteams aus, dazu gehören Banken wie Citigroup, Bank of America Merrill Lynch und Barclays Capital." Zwar haben besonders die amerikanischen Banken im Zuge der Finanzkrise Zehntausende Mitarbeiter entlassen, doch keine der Banken will ins Hintertreffen geraten, wenn es um die Rekrutierung von Rohstoffspezialisten geht. Hoher Bedarf bestehe nicht nur in New York, sondern auch in Asien und Lateinamerika. "Gesucht sind Händler für Agrarrohstoffe, Edelmetalle und Öl", sagt Stein. Er prognostiziert, dass Banken innerhalb der nächsten drei Jahre ihre Rohstoffteams um 25 Prozent aufstocken werden.

          Wie lange sich der Preisanstieg vieler Rohstoffe fortsetzt, weiß niemand. Sicher ist: Das Geschäft ist sehr schwankungsanfällig. Mancher Banker, der bereits im Rohstoffgeschäft arbeitet, macht sich daher auch keine Illusionen, wie lange der Aufschwung andauert: "Solange das Geld so billig ist wie jetzt, ist es immer interessant, auf Rohstoffe zu setzen", sagt er. Wenn die Notenbanken aber anfangen, ihre Krisenhilfen zurückzufahren, und die Zinsen steigen, dann "werden wohl auch die Rohstoffpreise unter Druck geraten".

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