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Finanzkrise : Globales Finanzsystem im Stresstest

  • Aktualisiert am

Kursentwicklung der Finanzwerte am 15.9.08 Bild: FAZ.NET

Nach der Pleite von Lehman Brothers erlebt das internationale Finanzsystem einen Stresstest. Nouriel Robini prognostiziert das Aus für unabhängige Brokerhäuser. Die amerikanische Zentralbank gibt inzwischen Geld gegen Aktien.

          Mit massiven Kursverlusten reagieren am Montag die Finanzwerte weltweit auf die Nachricht, nach der die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Konkurs beantragt hat und dass Merrill Lynch von der Bank of America für 50 Milliarden Dollar übernommen werden wird.

          In Deutschland liegen die Papiere der Commerzbank, der Postbank, der Deutschen Bank und auch der Allianz mit Kursverlusten von mehr als sechs Prozent am Ende der Werte des Dax, der mehr als vier Prozent verliert. In der Schweiz verlieren die Aktien der UBS, der Swiss Re und der Credit Suisse zum Teil weit mehr als zehn Prozent.

          Massive Kursverluste bei den Finanzwerten

          Der Dow Jones Eurostoxx 50 wird ebenfalls von den Finanzwerten nach unten gezogen. Die stärksten Kursverluste zeigen sich bei der Credit Agricole mit einem Minus von 10,7 Prozent und bei der Axa, deren Papiere 10,1 Prozent verlieren.

          Die amerikanischen Finanzwerte stehen im europäischen Handel ebenfalls massiv unter Druck. Die Papiere von Lehman Brothers sind inzwischen nach einem Minus von mehr als 80 Prozent mit einem Kurs von gerade noch 40 Cents zu Penny-Stocks geworden. Die Aktien von Morgan Stanley verlieren knapp 15 Prozent, die Papiere von Goldman Sachs geben 8,4 Prozent nach. Die Anteilsscheine des amerikanischen Versicherungsriesen AIG liegt in Europa mit einem Kursverlust von 27 Prozent bei 6,68 Euro. Die Prämien, die für die Versicherung gegen die mögliche Zahlungsunfähigkeit des Unternehmen bezahlt werden müssen, waren am Freitag förmlich durch die Decke gegangen. Sie lagen für einen CDS mit einer Laufzeit von einem Jahr bei 1.750 Basispunkten.

          Kritische Ökonomen wie Nouriel Roubini, Professor an der New Yorker Stern School of Business, ziehen bei der Beurteilung der Lage richtig vor Leder. Im Moment werde das internationale Finanzsystem auf seine Widerstandskraft gegen Impulse eines systemischen Schocks getestet, erklärte er in einem Fernsehinterview. Das mag dramatisch klingen. Die Dramatik liegt jedoch darin, dass er in den vergangenen Monaten mit seinen skeptischen Prognosen recht hatte.

          „Unabhängige Broker werden vom Markt verschwinden“

          Nun erklärt er, alle bisher unabhängigen Brokerhäuser würden verschwinden. Goldman Sachs und Morgan Stanley sollten sich beeilen, Käufer oder Partner zu finden. Ihre Geschäftsmodelle, die im wesentlichen auf einer kurzfristigen Refinanzierung und hoher Verschuldung basierten, seien nicht tragfähig. Ohne stabile Anlegerbasis, ohne Zugang zum Sicherungssystem und ohne Zugang zur Liquiditätsversorgung der Zentralbank seien sie anfällig für einen so genannten Bankensturm. Vor einem Jahr musste die britische Hypothekenbank Northern Rock mit Steuermitteln aus einer solchen Notlage gerettet werden.

          In den vergangenen Monaten haben die Zentralbanken den Zugang zu Liquidität erleichtert. Sie geben Kredite selbst gegen die Hinterlegung von Wertpapieren mit zweifelhaftem Wert. Die amerikanische Zentralbank hat am Wochenende sogar angekündigt, zum ersten Mal in der 95-jährigen Geschichte Aktien als Sicherheiten zu akzeptieren (siehe: Fed nimmt Aktien als Sicherheit für Bankenkredite). Kritiker erklären, auf diese Weise gehe sie dazu über, die Börsen direkt zu manipulieren. Selbst der Federal Reserve Act Section 23A wird faktisch ignoriert, nach der kommerzielle Banken ihren Brokerage-Filialen Liquidität nur in eingeschränkter Form zur Verfügung stellen dürfen.

          Solche Maßnahmen sprechen für sich und gegen Argumente, wonach die Finanzkrise ihren Höhenpunkt schon überschritten haben dürfte. Die Realwirtschaft dürfte sich von den Turbulenzen kaum abkoppeln können. Denn die Refinanzierung wird nicht mehr so einfach werden, wie in den vergangenen Jahren der Liquiditätsschwemme.

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