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Finanzkrise : Geschichte wiederholt sich nicht: 2011 ist nicht 2008

Bild: F.A.Z.

An den Finanzmärkten ziehen Teilnehmer Parallelen zum Jahr 2008. Damals waren die Märkte ähnlich nervös wie heute. Aber es existieren auch wesentliche Unterschiede. Die Abhängigkeiten der Weltkonjunktur haben sich geändert.

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          Die Spannungen an den Finanzmärkten lassen Erinnerungen an den Herbst 2008 aufkommen, als eine lange Phase großer Unsicherheit an den Märkten im Zusammenbruch von Lehman Brothers ihren Höhepunkt fand, an den sich schwere Erschütterungen an den Finanzmärkten und eine Rezession in der Wirtschaft anschlossen.

          In dieser Woche hat Josef Ackermann, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Parallelen zur Situation vor dem Untergang von Lehman Brothers gezogen, wenn auch mit Einschränkungen. Franz Fehrenbach, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Autozulieferers Bosch, klang im Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten ebenfalls beunruhigt: „Wir stehen kurz davor, dass die Börsen uns und die gesamte Realwirtschaft binnen weniger Jahre zum zweiten Mal in eine tiefe Krise stürzen.“ Auch aus anderen Industrieunternehmen sind schwere Klagen über die Finanzwirtschaft zu vernehmen, der man vorwirft, sie entferne sich von der realen Wirtschaft.

          Strukturen im Wandel

          Es existieren sehr wohl Parallelen zur Situation vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Aber es gibt auch Unterschiede. Der wichtigste ist, worauf Investmentbanker hinweisen, eine Gewichtsverschiebung innerhalb der Weltwirtschaft. Vor drei Jahren ließen sich rund zwei Drittel der Veränderung der Weltkonjunktur durch das Ausgabeverhalten der amerikanischen Konsumenten erklären. Die Weltkonjunktur hing damals vor allem an den Vereinigten Staaten. Heute erklären sich rund zwei Drittel der Veränderung der Weltkonjunktur mit den Entwicklungen in den drei großen Schwellenländern China, Indien und Brasilien. Die Weltkonjunktur ist heute sehr viel stärker von den Schwellenländern abhängig. Dort aber läuft die Wirtschaft nach Auskunft von Bankern wie Industriellen nach wie vor sehr gut.

          Auch die Finanzbranche sieht heute anders aus als vor drei Jahren. Zwar ist es richtig, dass die seitdem ausgebrochene Staatsschuldenkrise gerade in Europa eine Belastung für viele Banken darstellt. Die amerikanischen Großbanken haben, vielleicht mit Ausnahme der Bank of America, seit 2008 aber erhebliche Fortschritte in der Rückführung von Risiken und im Aufbau von Eigenkapital gemacht. Gleichzeitig halten viele Banken heute sehr viel mehr liquide Vermögensgegenstände, um für eine Krise besser gewappnet zu sein. So hat zum Beispiel die Investmentbank Morgan Stanley ihre liquiden Anlagen seit 2008 von 80 auf 180 Milliarden Dollar aufgestockt – bei einer deutlich geschrumpften Bilanzsumme. Wegen der größeren Zurückhaltung der Banken in der Kreditvergabe sind auch die Hedgefonds heute im Durchschnitt weitaus weniger verschuldet als im Sommer 2008. Zudem zwingen die neuen amerikanischen Regeln die Banken, sich im Eigenhandel zurückzuhalten.

          Neue sichere Häfen

          Positiv ist auch zu vermerken, dass in den Industrienationen, und hier nicht zuletzt in Deutschland, viele Unternehmen in den vergangenen Jahren nicht nur ihre Effizienz gesteigert, sondern auch ihre finanzielle Lage deutlich verbessert haben. Zahlreiche Unternehmen halten hohe Bestände an liquiden Mitteln. Anleihen von Unternehmen guter Bonität sind bei Anlegern sehr beliebt, da sie zunehmend als eine Art sicherer Hafen gesucht werden, seitdem das Vertrauen in Staatsanleihen als sicherer Hafen nachgelassen hat.

          Während im Vergleich zu 2008 eine Reihe von Fortschritten erkennbar ist, bleibt die Bilanz nicht ohne Passivposten. Hier ist in erster Linie die Staatsschuldenkrise zu nennen, unter der vor allem der Euroraum leidet – und damit auch die hiesigen Banken. Die Aktienkurse der europäischen Banken sind deutlich gefallen. Während die Banken weiterhin in der Lage sind, gut besicherte Schuldtitel wie Pfandbriefe zu begeben, fällt ihnen die Ausgabe unbesicherter Anleihen schwer. Das Misstrauen der Banken untereinander, von dem vor allem, aber nicht nur, südeuropäische Häuser betroffen sind, zwingt die Europäische Zentralbank zur Bereitstellung von außerordentlich viel Liquidität, um das Bankensystem flüssig zu halten.

          Europas Eigenkapitalproblem bleibt akut

          Während die meisten amerikanischen Großbanken ihr Eigenkapitalproblem in den vergangenen Jahren zumindest entschärft haben, bleibt es in Europa akut. Nach Schätzungen aus der Finanzbranche müssen den Banken in Europa neue Eigenmittel über 200 bis 250 Milliarden Euro zugeführt werden, um sie gegen die wachsenden Risiken abzusichern und sie in einer Verfassung zu erhalten, die ihnen die Ausführung ihrer Kerngeschäfte gestattet. In der Finanzbranche gilt es als unwahrscheinlich, dass diese Mittel alleine durch private Kapitalgeber aufgebracht werden können.

          Die größere Wucht der amerikanischen Banken zeigt sich auch in der Refinanzierung internationaler Geschäfte. Während die führenden amerikanischen Häuser neben Dollar auch leicht Euro aufnehmen können, fällt es einigen europäischen Banken zunehmend schwer, kurzfristig Dollar aufzunehmen. Die Kosten für Tauschgeschäfte (Swaps) am Devisenmarkt haben sich für die europäischen Banken zuletzt deutlich erhöht.

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