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Finanzkrise : Das Ende der Aktienrückkauf-Programme

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Überall wurden eigene Aktien zurückgekauft - und die Rückkaufprogramme in der Krise wieder gestoppt Bild: DIETER RÜCHEL / F.A.Z.

Gleichgültig ob SAP, BASF oder Siemens: Deutsche Aktiengesellschaften trauern den Milliarden hinterher, die in den vergangenen Jahren zum Kauf eigener Aktien für die Kurspflege eingesetzt wurden, aber heute in der Kasse fehlen. In der Krise haben viele ihre Aktienrückkaufprogramme gestoppt. Zu spät?

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          Geld für den Kauf eigener Aktien wollen deutsche Aktiengesellschaften, gleichgültig ob SAP, BASF oder Siemens, in der Krise lieber nicht mehr ausgeben. Vielmehr trauert man den Milliarden Euro hinterher, die in den vergangenen Jahren zur eigenen Kurspflege eingesetzt wurden, die aber heute in der Kasse fehlen.

          Als Mittel zur Verteidigung gegen unerwünschte Übernahmen sind die Programme ohnehin unwichtiger geworden, da auch den möglichen Käufern in der Regel das Geld für einen Zukauf fehlt. Nicht zuletzt sind die Aktienkurse ohnehin stark gefallen, trotz aller Rückkaufprogramme der Vergangenheit. Verkehrte Welt: Heute freuen sich manchmal sogar ausländische Investoren über günstige Einstiegskurse – und werden von den Konzernen freudig begrüßt, weil sie nach frischem Geld dürsten.

          Das Beispiel Daimler

          Der Autokonzern Daimler zum Beispiel hat sich innerhalb von zwei Jahren zwei Aktienrückkaufprogramme genehmigen lassen und insgesamt 7,6 Milliarden Euro für eigene Aktien ausgegeben. Das hohe Eigenkapital drücke rechnerisch die Rendite eigenfinanzierter Investitionen, was sich als Bremse erweisen könnte, sagte Finanzvorstand Bodo Uebber noch Mitte Oktober 2008. Zehn Tage später freilich stoppte er das Aktienrückkaufprogramm, das im Juni gestartet worden war. 1,45 Milliarden Euro hatte Daimler bis dahin für den Rückkauf eigener Aktien ausgegeben und dafür im Durchschnitt einen Preis von 38,86 Euro bezahlt. Das ist beinahe das Doppelte dessen, was der neue Großaktionär von Daimler, die Aabar-Holding aus Abu Dhabi, Anfang dieser Woche bezahlt hat, nämlich 20,27 Euro je Daimler-Aktie.

          Bild: F.A.Z.

          Im Jahr zuvor hatte Daimler für die eigenen Aktien sogar fast das Dreifache bezahlt. Für einen Durchschnittspreis von 62,11 Euro kaufte Daimler zwischen August 2007 und März 2008 rund 10 Prozent des eigenen Aktienbestandes und zahlte dafür knapp 6,2 Milliarden Euro. Die Aktien wurden eingezogen, was theoretisch zu einem Wertzuwachs der übrigen Aktien führt. Tatsächlich sackte der Kurs seit Herbst 2007 kontinuierlich.

          Unternehmen haben mit Aktien-Rückkäufen viel Geld verloren

          Auch der Chemiekonzern BASF hat seit Beginn seiner Aktienrückkäufe 1999 rund 29 Prozent seiner ausstehenden Aktien erworben und eingezogen. Im vierten Quartal 2008 wurden die Rückkäufe aber im Zuge der Krisen gestoppt. Bis dahin wurden 2008 rund 37,9 Millionen eigene Aktien oder 3,9 Prozent vom Grundkapital zum Durchschnittspreis von 42,70 Euro je Stück zurückgekauft. Auch das war kein gutes Geschäft: Seit einigen Wochen pendelt der Kurs zwischen 20 und 25 Euro. Der Softwarekonzern SAP, sonst stets ein Freund von Aktienrückkäufen, hat ein solches Programm für 2009 nicht aufgelegt. Der Vorstand des Thyssen-Krupp-Konzerns hat sich zwar im Januar von der Hauptversammlung den Erwerb eigener Aktien von bis zu zehn Prozent des derzeitigen Grundkapitals genehmigen lassen. Dabei handelte es sich aber um einen reinen Vorratsbeschluss. Derzeit gebe es keine Pläne, davon Gebrauch zu machen, heißt es.

          Thyssen-Krupp hat in der Vergangenheit drei Aktienrückkaufprogramme aufgelegt. Heute käme man an alle diese Aktien deutlich günstiger heran. Der Energiekonzern Eon begann sein Aktienrückkaufprogramm im Juni 2007. Im Rahmen dieses Programms sollen eigene Aktien in der Größenordnung von 7 Milliarden Euro erworben werden. Um sich in der gegenwärtigen Finanzmarktkrise aber ein höchstmögliches Maß an Flexibilität zu bewahren, wurde inzwischen auch bei Eon der Aktienrückkauf unterbrochen. Auch hier liegt der aktuelle Aktienkurs unter dem im Rahmen des Programms gezahlten Durchschnitt (siehe Tabelle).

          Siemens hat sein eigentlich bis 2010 geplantes Aktienrückkaufprogramm über insgesamt 10 Milliarden Euro ebenfalls auf Eis gelegt. Weitere Aktionen werden vorerst nicht verfolgt. Dennoch ist viel Geld durch die Maßnahme verlorengegangen, die Ende 2007 beschlossen wurde. Denn im vergangenen Jahr hat Siemens in zwei Tranchen von jeweils 2 Milliarden Euro 52,8 Millionen Aktien teuer zurückgekauft. Eine verbesserte Kapitalstruktur und eine größere Werthaltigkeit der Aktie, wie es Ziel gewesen ist, wurden jedenfalls durch die Maßnahme nicht erreicht. Stattdessen wurde viel Geld ausgegeben. Denn der Durchschnittspreis, der für die zurückgekauften Titel gezahlt wurde, ist mit 75,78 Euro erheblich über dem aktuellen Kurs von 42,50 Euro. Mit anderen Worten: Statt der 4 Milliarden Euro hätte Siemens heute 2,25 Milliarden Euro zahlen müssen.

          Zielvorgabe Eigenkapitalrendite

          Auch die Deutsche Bank hat von Mitte 2002 bis Ende Mai 2008 insgesamt 223 Millionen Aktien für 14,8 Milliarden Euro erworben. Dabei wurden 118 Millionen Aktien im Wert von rund 7,2 Milliarden Euro eingezogen. Die Vernichtung der eigenen Aktien diente dazu, die seinerzeit als zu hoch empfundene Kapitalbasis auf ein als ausreichend definiertes Maß zu verringern. Durch das geringere Eigenkapital erhöhte sich die Eigenkapitalrendite. Diese wird berechnet, indem der Jahresüberschuss durch das Eigenkapital geteilt wird. Der geringere Nenner erhöht also die Rendite, selbst wenn der Gewinn konstant bleibt. Die Aktienrückkäufe erleichterten dem Vorstandsvorsitzendem Josef Ackermann, die Zielvorgabe einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent im Geschäftsjahr 2006 zu erreichen. An die magische Zielrendite dürften auch Boni gekoppelt gewesen sein. Doch für die Bank und damit ihre Aktionäre hat sich der Rückkauf nicht gerechnet.

          Zur Finanzierung der Postbank-Beteiligung begab die Deutsche Bank im zurückliegenden September 40 Millionen neue Aktien zu 55 Euro je Aktie. Von Ende 2005 bis Mai 2008 hatte die Deutsche Bank 40 Millionen eigene Aktien für etwa 3,7 Milliarden Euro erworben, um dann vier Monate später über die Plazierung neuer Aktien im gleichen Umfang nur noch 2,2 Milliarden Euro zu erlösen. Dazwischen liegen 1,5 Milliarden Euro. Der Fehlbetrag je Aktie beläuft sich auf 37,31 Euro. Das sind 6 Euro mehr, als die Deutsche-Bank-Aktie aktuell wert ist.

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