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Finanzkrise : Argentiniens Pleite auf Raten

  • -Aktualisiert am

Zuspitzung der Finanzkrise in Buenos Aires Bild: AP

Der IWF stoppt die Auszahlung eines Kredits an Argentinien. Damit rückt einer der größten Zahlungsausfälle der Finanzgeschichte näher. Eine Analyse.

          3 Min.

          Argentinien steht einen Schritt näher am Abgrund, nachdem der Internationale Währungsfonds (IWF) die Auszahlung einer dringend benötigten Kredittranche an das praktisch bankrotte Land verweigert hat. Die Summe über 1,3 Milliarden Dollar könne nicht ausgezahlt werden, weil Argentinien die Haushaltsvorgaben nicht erfüllt habe, sagte ein IWF-Sprecher am Mittwochabend in Washington.

          Der wahre Grund liegt Insidern zufolge aber in der wachsenden Unzufriedenheit des IWF mit der Politik von Wirtschaftsminister Domingo Cavallo, der seine Entscheidungen ohne Rücksprache oder vorherige Information des IWF und anderer Interessenten treffe. Es sickerte außerdem durch, dass der IWF Argentinien bisher vergeblich drängte, die eins zu eins Bindung des Peso an den Dollar aufzugeben und sich für eine Abwertung oder Dollarisierung zu entscheiden.

          Zahlreiche Experten sind der Meinung, dass die starre Währungsbindung eine Wiederbelebung der Konjunktur und die Anpassung an externe Schocks wie etwa die Abwertung des brasilianischen Real verhindert. Die Regierung lehnte diese Alternativen bislang strikt ab und verhängte am Wochenende stattdessen Kapitalverkehrskontrollen, um angesichts der Panik der Sparer vor einer Entwertung des Peso das Ausbluten der Devisenreserven zu verhindern.

          Argentinen vor der Zahlungsunfähigkeit

          Nach der negativen Entscheidung des IWF stehe Argentinien auf "des Messers Schneide", befand die Dresdner Bank Lateinamerika. Denn die 1,3 Milliarden Dollar - Teil eines Hilfspakets über insgesamt 21 Milliarden Dollar - waren eigentlich zur Bedienung der im Dezember fälligen Zinsen auf Schuldscheine in Höhe von knapp einer Milliarde Dollar gedacht. Die Dresdner Bank geht davon aus, dass Argentinien dennoch alles dran setzen wird, um die Schulden zu bedienen und den derzeit laufenden Schuldenswap nicht zu gefährden. Notfalls mit den Zentralbankreserven oder durch Anleihen bei den Pensionsfonds.

          Auch andere Analysten warnen vor der Zahlungsunfähigkeit des Landes, die durch den Kreditstopp bedrohlich näher rücke. Joyce Chang von J.P. Morgan schätzt die Finanzierungslücke des Landes auf rund fünf Milliarden Dollar. “Ohne die IWF-Mittel wird es eng“, äußerte Tulio Vera von Merrill Lynch. Seiner Ansicht nach dürften rund drei Milliarden Dollar fehlen.

          Streit um den Wechselkurs

          Cavallo zeigte sich in einer Pressekonferenz am Mittwochabend gereizt angesichts des Drucks der internationalen Geldgeber. Die Ratingagenturen - die Argentinien bereits in die Kategorie "selektiver Default" eingestuft und die jüngsten Maßnahmen kritisiert hatten - hätten die Währungspolitik Argentiniens noch nie verstanden, sagte Cavallo. Sie irrten in ihrer Meinung, es handele sich um einen festen Wechselkurs. Standard & Poor's ist der Meinung, dass eine Dollarisierung des Bankensystems längst hätte stattfinden müssen, da die Investoren auf ein klares Signal warteten.

          Auch der Wirtschaftswissenschaftler Orlando Ferreres sprach sich für eine rasche Dollarisierung aus. Eine Abwertung lehnte er ab, da dies zu Inflation führe, die den Lohn- und Rentenempfänger schade und das Land letztlich weiter in die Rezession stürze. Da ein Großteil der Schulden in Dollar gezeichnet ist, wäre die Entlastung für den Staatshaushalt bei einer Abwertung zudem gering. Eine Dollarisierung ist nach Ansicht des Wirtschaftexperten Hector Valle jedoch technisch nicht durchführbar, da die Dollarreserven der Zentralbank dafür nicht ausreichten. Außerdem werde damit die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit nicht gelöst.

          Rezession und Generalstreik

          Das Szenario hat sich in den letzten Wochen deutlich verdüstert. Der Konsum fiel um 20 Prozent, die Importe um 32 Prozent, die Steuereinnahmen um elf Prozent, während die Arbeitlosigkeit auf knapp 20 Prozent anstieg. Ein Ausweg aus der seit mehr als drei Jahren anhaltenden Rezession ist nicht in Sicht. Bislang legte die Regierung noch keinen Haushalt vor, und ab dem 10. Dezember wird sie sich im neuen Kongress mit einer klaren Mehrheit der oppositionellen Peronisten konfrontiert sehen. Für den 13. Dezember kündigten die Gewerkschaften zudem einen Generalstreik an.

          Einen Hoffnungsschimmer brachte lediglich der Schuldenswap. Vor allem inländische Gläubiger akzeptierten angesichts des drohenden Default das Angebot, ihre Schuldscheine in solche mit niedrigerer Verzinsung und längeren Laufzeiten einzutauschen, deren Bedienung durch Steuereinnahmen garantiert ist. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums wurden bislang Bonds im Wert von 50 Milliarden Dollar getauscht, was eine Zinsersparnis von mehr als drei Milliarden im kommenden Jahr bedeute. In den nächsten Wochen wird der - ungleich schwierigere - internationale Swap über die Bühne gehen.

          Größter Zahlungsausfall

          Sollte das mit 132 Millliarden Dollar verschuldete Argentinien sich für zahlungsunfähig erklären müssen, wäre dies der größte Default der Finanzgeschichte. Die Auswirkungen auf die Region dürften zwar begrenzt sein, dennoch könnte ein Zusammenbruch des einstigen neoliberalen Vorzeigemodells Argentinien dramatisch sein und den Gegnern einer wirtschaftlichen Liberalisierung weltweit Auftrieb geben.

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