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Börsenausblick : Fed-Entscheid und Brexit-Angst geben die Richtung vor

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An den Aktienmärkten wird beoabachtet was sie macht: Fed-Präsidentin Janet Yellen. Bild: AP

Mit der Zinsentscheidung der amerikanischen Notenbank kündigt sich für die weltweiten Kapitalmärkte ein Großereignis an, vor dem die Anleger am deutschen Aktienmarkt weiter in Deckung bleiben dürften.

          Zunehmende Befürchtungen um einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union dürften schon zum Wochenauftakt den deutschen Aktienmarkt weiter nach unten ziehen. Damit sollte der Dax seinen steilen Sinkflug der vergangenen drei Handelstage mit einem Verlust von rund 4,5 Prozent fortsetzen.

          Ein Hauptgrund für die Risikoscheu der Anleger bleibt Börsianern zufolge die Brexit-Angst. Übers das Wochenende hatten Ökonomen, Zentralbanker und Firmenchefs eindringlich vor gravierenden Konsequenzen für ganz Europa bei einem EU-Austritt der Insel gewarnt. Die Briten sind aufgerufen, am 23. Juni darüber abzustimmen. Jüngste Umfragen deuten auf eine sehr knappe Entscheidung hin.

          Im Blickpunkt dürfte dieses Woche auch die Rendite der international richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihe stehen, die sich in großen Schritten in Richtung der Null-Prozent-Verzinsung nähert. Am Freitag war sie in kurzer Zeit von 0,042 Prozent bis auf 0,010 Prozent herunter gerauscht - es war der vierte Tag in Folge mit einem Rekordtief.

          Ebenso wird die Fed in dieser Handelswoche im Fokus stehen. Amerikas Notenbank-Präsidentin Janet Yellen hatte vor ein paar Tagen zwar erneut weitere Zinserhöhungen in Aussicht gestellt, aber keinen konkreten Zeitpunkt mehr genannt. Zwei Wochen zuvor hatte sie noch von einer Fortsetzung der Ende 2015 eingeleiteten Zinswende "in den kommenden Monaten" gesprochen. Yellens jüngste Rede folgte einem schwachen Arbeitsmarktbericht für Mai, der nicht nur aus Sicht des Analysten Patrick Franke von der Landesbank Helaba einen Zinsschritt im Juni unwahrscheinlich macht.

          Für einige Experten ist damit zwar eine Anhebung zumindest im nächsten Monat noch nicht vom Tisch - das Gros der Beobachter geht derzeit aber davon aus, dass die Fed den Zins eher zum Jahresende 2016 oder sogar erst Anfang 2017 weiter anheben wird. Wie immer werden die Anleger bei der anschließenden Pressekonferenz von Janet Yellen an den Lippen der Notenbank-Chefin hängen, um möglicherweise weitere Hinweise auf weitere Zinsschritte zu bekommen.

          Nach diesem Ereignis und der Leitzinsentscheidung der Bank of England am Donnerstag, auf der ebenfalls alles beim Alten bleiben dürfte, dürften sich die Anleger dem wohl markantesten Datum dieses Monats widmen: dem 23. Juni, an dem die Bürger Großbritanniens sich für oder gegen einen Verbleib in der EU entscheiden werden.

          Deutsche Staatsanleihen wieder gefragt

          "Das nun immer näher rückende Referendum in Großbritannien wirft inzwischen lange Schatten über die Börsen in Europa", umreißt Werner Bader, Investmentanalyst der Landesbank Baden-Württemberg, die aktuelle Gefühlslage an den Märkten. Seit Ende Mai hat der Dax nahezu kontinuierlich an Wert verloren. Die Unsicherheit der Anleger wegen des möglichen Brexit drückte nach einer kurzen Erholung das wichtigste deutsche Börsenbarometer zuletzt gar wieder unter die Marke von 10.000 Punkten - stattdessen flüchteten die Investoren in vermeintlich sichere Häfen wie etwa deutsche Staatsanleihen, deren Renditen auf Rekordtiefs fielen.

          Verständlicherweise wolle sich niemand am Aktienmarkt vor dem Briten-Referendum zu weit aus dem Fenster lehnen, um dann im schlechteren Fall auf dem falschen Fuß erwischt zu werden, erläutert Bader. Das Risiko eines Austritts Großbritanniens scheint hoch: Das ließ sich zuletzt zumindest an der Entwicklung des Pfundkurses zum Euro absehen, der vor dem Wochenende weiter unter Druck geriet. Aktuellen Umfragen zufolge liefern sich die Befürworter und Gegner eines EU-Austritts ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die britischen Buchmacher gehen hingegen von einem Verbleib aus.

          Dennoch dürfte in der neuen Woche auch der Konjunkturkalender für Beachtung sorgen. Vor allem aus Amerika steht eine wahre Datenflut ins Haus: etwa die Mai-Einzelhandelsumsätze am Dienstag und am Mittwoch die Industrieproduktion für Mai. Ebenfalls am Mittwoch steht mit dem Empire State Index ein wichtiger Frühindikator für Amerikas Wirtschaft auf der Agenda, dem am Donnerstag der ebenso wichtige Philly Fed-Index sowie die Verbraucherpreise für Mai folgen. "Die Daten sollten belegen, dass im zweiten Quartal mit einer Beschleunigung des Wachstums zu rechnen ist", ist sich Helaba-Expertin Claudia Windt sicher.

          Am Dienstag steht mit der Industrieproduktion für April auch ein wichtiger Termin für die Eurozone an. Die Daten sollten nach Einschätzung von Christoph Balz von der Commerzbank auf ein schwächeres zweites Quartal deuten. Am Donnerstag folgen dann die Verbraucherpreise für Mai.

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