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Fallende Aktienkurse : Nur ein Sommerloch?

Auf und Ab ist an der Börse normal. Im Sommer ist es oft ab. Bild: AFP

Der Kursverfall an den Aktienbörsen ist dramatisch, aber nicht selten. Denn das passiert im Sommer häufig. Entwarnung also? Nicht ganz.

          Die Kursverluste an den Aktienbörsen machen viele Anleger unruhig. Seit Mittwoch fielen der japanische Nikkei- und Hongkongs Hang-Seng-Index um knapp zehn, F.A.Z.-Index und Dax um neun und Dow Jones und S&P-50 um rund sechs Prozent. Seit Ende Juni beträgt das Minus im Dax 15 und im marktbreiten F.A.Z.-Index 12,7 Prozent; ähnlich viel ist es in Asien. Nur in Amerika sind die Verluste bisher vergleichsweise moderat.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Den vergleichsweise starken Rückgang des Dax machen die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) daran fest, dass der Index aufgrund seiner exportabhängigen Mitglieder besonders anfällig gegenüber einer Schwäche der Schwellenländer sei. Das könnte auch erst einmal so bleiben. Denn an diesem Dienstag erscheint der Ifo-Geschäftsklima-Index. Und aufgrund der China-Turbulenzen erwartet die LBBW einen Rückgang von 108 auf 107,5 Punkte, was noch etwas Öl ins Feuer gießen würde.

          Die schlechte Stimmung an den Aktienmärkten erscheine fast schon erdrückend, schreibt Marktstratege Mislav Matejka von der amerikanischen Bank JP Morgan in einer Studie. Doch die Konjunkturdaten untermauerten das negative Bild nicht unbedingt. Der Markt erscheine beinahe überverkauft. Das Ausmaß des Ausverkaufs erscheine angesichts des globalen Konjunkturumfeldes übertrieben, sagt auch Marktanalyst Angus Nicholson vom Wertpapierhändler IG. Ein Grund könnten die im August üblicherweise geringen Handels-Volumina sein, die derartige Kursbewegungen verstärkten.

          Ein starker Kursrückgang im Sommer ist auch nichts Ungewöhnliches. Blickt man auf die vergangenen 25 Jahre zurück, so fiel der Dax im Durchschnitt in jedem zweiten Jahr in den Sommermonaten meist um die 10 Prozent. Insgesamt geht es im Sommer damit weit häufiger deutlich abwärts als aufwärts. Viermal, nämlich 2011, 2002, 1998 und 1990 ging es sogar um mehr als 20 Prozent nach unten. Meist war damit dann auch die Jahresbilanz ruiniert, außer ausgerechnet 1998, dem Jahr der Russland-Krise, die mit einem durchschnittlichen Tagesverlust von 0,8 Prozent zwischen Juli und Oktober die schwerste Baisse in der Geschichte des Dax war.

          Das Sommerloch ist übrigens nicht auf den Dax beschränkt. Auch Hongkongs Hang-Seng-Index hat jeden zweiten Sommer deutlich nachgegeben und im japanischen Nikkei-Index hat es so etwas wie Tradition: Nur in sieben der vergangenen 25 Sommer fiel der Tokioter Leitindex nicht um acht Prozent oder mehr. Stabiler zeigt sich dagegen Amerika, wo nur in jedem dritten Jahr zwischen Juli und August ein Tiefdruckgebiet über die Wall Street zieht.

          Also entspannt zurücklehnen? Das nun doch wohl eher nicht. Zwar geht in einer Kurskorrektur nicht gleich die Welt unter, aber es kommt doch immer darauf an, wie der Anlagehorizont ist und je überzeugter man von seinem Portfolio ist.

          Nachhaltige Baisse nicht wahrscheinlich

          Dafür, dass sich die Börsen lediglich eine schwere Sommergrippe eingefangen haben, spricht vor allem, dass die Stimmung trotz einer gar nicht so schlechten wirtschaftlichen Entwicklung so überaus negativ ist. Und selbst die Furcht vor einer neuerlichen Asienkrise mit Blick auf die deutliche Abwertung asiatischer Währungen, allen voran des malaysischen Ringgit, muss auf Dauer nicht schrecken. Die Asienkrise 1997 ließ den Dax auch nur um 19 Prozent fallen und war bald vergessen.

          Für eine massenhaften und nachhaltigen Rückzug aus Aktien fehlen angesichts immer noch niedrigster Renditen die Voraussetzungen. Ob sich die Anleger auf Dauer mit zwei Prozent für zehnjährige amerikanische Anleihen bescheiden wollen, ist nicht ausgemacht. Auch deswegen, weil diesen das Kurspotential fehlt, da in Amerika ja eher eine Zinserhöhung erwartet wird. Bundesanleihen sind mit 0,57 Prozent Rendite nun schon gar keine Alternative.

          Eine Kaufgelegenheit?

          Wer sich allerdings von den Kursgewinnen der vergangenen vier Jahre noch in diesem Jahr oder im kommenden Frühjahr ein Auto kaufen wollte, der sollte vielleicht nicht allzu sehr darauf hoffen, dass die jüngste Korrektur bis dahin aufgeholt wurde. Eigentlich wäre er besser schon ausgestiegen.

          Jetzt in Panik zu verfallen, sei der falsche Weg, meint Daniel Schär, Leiter des Portfoliomanagements der Weberbank. Die Fokussierung der Weltwirtschaft auf die Schwellenländer im vergangenen Jahrzehnt zeige jetzt ihre Gefahren und so sollten vor allem zyklische Portfolio-Positionen unter die Lupe und gegebenenfalls aus dem Depot genommen werden. Für andere Unternehmen, die keine oder wenig Verknüpfungen zu den Schwellenländern haben, könne die derzeitige Korrekturphase sogar eine Kaufgelegenheit darstellen.

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