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Facebook-Börsengang : Debatte um unfaire Behandlung von Kleinanlegern

  • -Aktualisiert am

Am Firmensitz von Facebook Bild: AFP

Analysten von Morgan Stanley und anderen Konsortialbanken warnten Großanleger vor dem Börsengang von Facebook vor schwächeren Umsätzen. Wertpapierrechtler fordern nun neue Regeln, um den ungleichen wenn auch legalen Informationsfluss zu stoppen.

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          Nach dem enttäuschenden Börsendebüt des großen Internetunternehmens Facebook an der Nasdaq beginnt an der Wall Street abermals eine Debatte um die faire Behandlung von Kleinanlegern. Anlass sind abgeschwächte Umsatzprognosen von Analysten der Wall-Street-Bank Morgan Stanley und anderer Konsortialbanken, die vor dem Börsengang Großanlegern entweder in persönlichen Treffen oder telefonisch mitgeteilt worden waren.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Einige Großanleger hatten danach ihre Kaufaufträge für Facebook-Aktien reduziert. Kleinanlegern waren diese Einschätzungen nicht bekannt, da sie zu diesen Investorentreffen vor dem Börsengang, der „Roadshow“, nicht eingeladen werden. Aktuelle Berichte von Analysten der Konsortialbanken können sie auch nicht lesen, da Analysten aufgrund von Börsenrichtlinien vierzig Tage vor dem ersten Handelstag keine schriftlichen Berichte über die Börsenkandidaten mehr veröffentlichen dürfen.

          Manager der elektronischen Börse Nasdaq haben unterdessen in Gesprächen mit Kunden eingeräumt, dass sie von Ausmaß der technischen Schwierigkeiten am ersten Handelstag der Facebook-Aktien überrascht worden seien. Andernfalls hätte die Börse das Debüt verschoben. Der Vorstandschef des Börsenkonzerns Nasdaq OMX, Robert Greifeld, hatte am Sonntag von Fehlfunktionen im Handelssystem gesprochen, welche die Verarbeitung stornierter Aufträge verzögert hatten. Der Handel von Millionen von Facebook-Aktien war davon betroffen. Manager der New Yorker Börse Nyse, des größeren Erzrivalen der Nasdaq, sollen Facebook inzwischen schon kontaktiert haben, um die Möglichkeit eines Wechsels an die Nyse anzuregen.

          „Verfahrensweisen stimmen mit allen geltenden Regeln überein“

          Wertpapierrechtler fordern nun neue Regeln, um den ungleichen, gleichwohl legalen, Informationsfluss zu stoppen. „Analysten sollten keine Meinungen über einen Börsengang verbreiten, wenn ihre Banken im Konsortium sind. Sie sollten bevorzugten Kunden keine Informationen geben, die nicht im Wertpapierprospekt stehen“, sagte der auf Wertpapierrecht spezialisierte Anwalt Jacob Zamansky, Gründer der Kanzlei Zamansky & Associates, dem „Wall Street Journal“.

          Das Thema kocht an der Wall Street hoch, weil der Aktienkurs des Sozialen Netzwerks Facebook nach nur geringen Aufschlägen am ersten Handelstag inzwischen deutlich unter den Ausgabepreis gefallen ist. Trotz einer leichten Erholung am Mittwoch und im frühen Handel am Donnerstag lag der Facebook-Kurs zuletzt immer noch um rund 15 Prozent unter dem Ausgabepreis. Aufsichtsbehörden untersuchen schon, ob in der Kommunikation mit Anlegern Fehler gemacht wurden. Es gibt erste Anlegerklagen, die Facebook und den Konsortialbanken vorwerfen, ihnen die Änderungen der Prognosen vorenthalten zu haben.

          Auch der amerikanische Kongress nimmt sich der Angelegenheit an. „Es ist wichtig, das Verfahren für Börsengänge umfassend und öffentlich zu prüfen“, sagte Senator Jack Reed: „Wir müssen sicherstellen, dass das System fair und ausgewogen ist.“ Morgan Stanley teilte mit, beim Börsengang von Facebook dem gleichen Prozedere gefolgt zu sein wie bei allen anderen Börsengängen: „Diese Verfahrensweisen stimmen mit allen geltenden Regeln überein.“

          Kaufauftrag reduziert

          Konkret geht es um die Reaktion der Analysten auf eine Aktualisierung des Börsenprospekts von Facebook am 9. Mai, nur wenige Tage vor dem Börsengang. Facebook hatte in einer Mitteilung an die Börsenaufsicht gewarnt, dass die Resultate des Unternehmens „negativ beeinflusst“ werden könnten, wenn Nutzer das Soziale Netzwerk weiter zunehmend auf ihren Mobiltelefonen anstatt am Computer aufriefen. Der Grund: Werbung ist die einzige Einnahmequelle von Facebook, und das Unternehmen verkauft derzeit noch keine Werbung auf seiner mobilen Plattform. Die Warnung war allen Anlegern gleichzeitig zugänglich und wurde über die Medien verbreitet.

          Nach Veröffentlichung der Umsatzwarnung rief ein Manager von Facebook persönlich die Analysten der mehr als zwanzig Konsortialbanken an, die die Aktien von Facebook bei ihren Kunden plazieren sollten. Der Facebook-Vertreter diskutierte nach Angaben des „Wall Street Journal“ die Inhalte mit den Analysten, was übliche Praxis sei. Analysten stellten weitergehende Fragen. Nachdem das Gespräch vorbei war, reduzierten die meisten ihre Umsatz- und Gewinnprognosen für Facebook. Morgan Stanley und die anderen Konsortialbanken informierten daraufhin ihre wichtigsten Kunden, große Hedgefonds, Investmentfonds und vermögende Privatanleger über die schwächer gewordenen Aussichten. Unter anderem reduzierte daraufhin die kalifornische Fondsgesellschaft Capital Research & Management ihren Kaufauftrag für Facebook-Aktien.

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