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Evonik-Börsengang : Bangen um größte Aktienemission seit 12 Jahren

Vielleicht bald Sitz einer börsennotierten AG: Evonik-Zentrale in Essen Bild: Edgar Schoepal

Die Kapitalmärkte sind instabil. Dennoch stehen mit Evonik und Talanx zwei wichtige Börsengänge bevor. Die Banken sehnen ein Ende der Flaute am deutschen Markt für Aktienneuemissionen herbei.

          Der für den 25. Juni geplante Börsengang des Spezialchemiehersteller Evonik wird immer wahrscheinlicher. Nachdem das Kuratorium der RAG-Stiftung, der 75 Prozent von Evonik gehört, am Montag den Börsenprospekt freigab, wird der Aufsichtsrat wohl am Freitag die Absicht zur Aktienemission mitteilen. Die RAG-Stiftung und die Beteiligungsgesellschaft CVC, der die übrigen 25 Prozent gehören, wollen beim Börsengang 30 Prozent der Evonik-Aktien verkaufen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit dem zwischen 3 und 5 Milliarden Euro erwarteten Verkaufspreis für das Aktienpaket wäre Evonik der viertgrößte Börsengang in Deutschland und der größte seit den Börsendebüts von Infineon und Deutsche Post im Boomjahr 2000. Neben Evonik steht mit dem Versicherer Talanx, der Anfang Juli eine Kapitalerhöhung von rund 1 Milliarde plazieren will, ein weiterer gewichtiger Börsengang in den Startlöchern. Darüber hinaus bereiten Anwälte und Investmentbanker mehrere kleinere Aktienneuemissionen vor, die noch vor der Sommerpause stattfinden sollen.

          V-Dax auf höchstem Wert seit Dezember

          Börsengänge mit mehr als einer Milliarde Euro Emissionsvolumen sind in Deutschland zuletzt im Jahr 2007 dem Motorenhersteller Tognum und dem Hamburger Hafenbetreiber HHLA gelungen. Seither überschritt das Emissionsvolumen aller Börsengänge in einem Jahr nicht mehr die Marke von 3 Milliarden Euro. Im Jahr 2011 schafften es nur zwölf neue Unternehmen in den Prime Standard der Deutschen Börse und verkauften bei diesen zwölf Börsengängen lediglich Aktien für insgesamt 1,5 Milliarden Euro.

          Die größten Börsengänge in Deutschland Bilderstrecke

          Die Banken, die beim Verkauf der Aktien behilflich sind und dafür hohe Gebühren kassieren, sehnen ein Ende der jahrelangen Flaute am Markt für Börsengänge herbei. Die wenigsten haben sich von mehreren hochbezahlten Investmentbankern getrennt. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Bank of Amerika und Credit Suisse. Die Schweizer Bank hat mit am deutlichsten auf die Flaute reagiert und sich von jedem zehnten Investmentbanker in Frankfurt getrennt, darunter der Leiter Martin Korbmacher. Der für das Aktienneuemissionsgeschäft verantwortliche Stefan Gratzer arbeitet nun für einen anderen Bereich. Die UBS dagegen hat in Frankfurt aufgebaut und sich mit Joachim von der Goltz von JP Morgan verstärkt. Die angelsächsischen Investmentbanken wie JP Morgan, Goldman Sachs und Morgan Stanley haben in ihren ohnehin kleinen Mannschaften nur vereinzelt Abgänge. Dagegen halten Marktführer Deutsche Bank und vor allem die Commerzbank große Einheiten für das Aktienneuemissionsgeschäft vor, die kaum ausgelastet sind.

          Auch wenn jetzt eine Vielzahl an Börsengängen vorbereitet wird, ist keineswegs sicher, dass die Flaute am Markt für Börsengänge und damit die Durststrecke für die Banken tatsächlich zu Ende geht. Da sich die Staatsschuldenkrise abermals zuspitzt, sind die Aktienkurse gemessen am Dax seit April um 9 Prozent gefallen. Noch gravierender für Börsengänge ist, wie stark die Kursschwankungen zugenommen haben. Der Volatilitätsindex V-Dax legte in der vergangenen Woche auf den höchsten Wert seit Dezember zu. Bis zur Parlamentswahl in Griechenland am 17. Juni halten Marktteilnehmer den Markt für instabil. Als der Dax am Dienstag wieder auf mehr als 6400 Punkte stieg, ging der V-Dax von 31 auf 26,5 Prozent zurück. Noch liegt er aber über der kritischen Schwelle von 25.

          Für Evonik ist es der dritte Versuch

          Einen V-Dax von weniger als 25 Prozent halten Investmentbanker eigentlich für erforderlich, um Aktien plazieren zu können. Denn die neuen Aktien werden vor der Plazierung zwei Wochen lang in einer festen Preisspanne zur Zeichnung angeboten. Aktienfondsmanager, die in Deutschland oft unter Mittelabflüssen leiden, vergleichen die Börsenaspiranten dann mit börsennotierten Konkurrenten. Der aktuelle Kandidat Evonik wird mit dem amerikanischen Unternehmen Dupont und Talanx mit Zurich Financial und Wiener Städtische verglichen. Fallen deren Kurse während der Angebotsfrist stark, haben es Evonik und Talanx schwer, Anleger zu finden.

          Hinter vorgehaltener Hand sind Investmentbanker besorgt um die Transaktionssicherheit. So hat Rheinmetall in der vergangenen Woche den Börsengang seiner Autozuliefersparte KSPG verlangsamt. Auch Evonik behält sich vor, den Zeitplan für seinen Börsengang noch zu ändern. Es gelte, die „nicht unerheblichen Risiken genauestens im Auge zu behalten“, warnt Stiftungsvorstand Wilhelm Bonse-Geuking. Dies ist eigentlich eine Binsenweisheit, aber die Aussage zeigt die hohe Nervosität am Kapitalmarkt. Für Evonik ist es nach zwei gescheiterten Anläufen schon der dritte Versuch, an die Börse zu gelangen.

          Sollte es diesmal klappen, wäre ein Aufstieg in den Dax wahrscheinlich. Aber ob der Markt für die neuen Evonik-Aktien jetzt aufnahmebereit ist, muss sich erst noch zeigen. Marktteilnehmer werten die Aussage, der Börsengang könne noch verschoben werden, zwar vor allem als Taktik. Die RAG-Stiftung wolle den Anlegern zeigen, dass sie keineswegs jetzt verkaufen muss, heißt es. Aber angesichts der Transaktionsunsicherheit für Börsengänge haben auch andere Aspiranten alternative Pläne, um ihr Wachstum zu finanzieren. So prüfen fast alle parallel zum Börsengang den Verkauf mit anschließender Kapitalerhöhung durch einen Konkurrenten oder einen Finanzinvestor.

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