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Langfristanleger : Europäische Aktien sind besser als ihr Ruf

  • -Aktualisiert am

Novartis - ein defensiver Wert aus der Schweiz. Bild: REUTERS

Langfristige Anleger sollten einen Teil ihres Geldes in die Aktien von großen europäischen Unternehmen stecken.

          3 Min.

          Es sind politische Gründe, die Investoren seit längerem als besonderen Nachteil des europäischen Aktienmarktes anführen. „Insolvenzverschleppung in Griechenland, Reformunfähigkeit in Italien und Frankreich, Kostenexplosion der Energiewende und schleichende Rückabwicklung der Agenda 2010 in Deutschland“ - um nur ein paar Punkte aus der Klageliste zu nennen. Jenseits der Politik wird hingegen anerkannt, dass die europäischen Unternehmen gut bis sehr gut aufgestellt sind und deren Bewertung an den Aktienmärkten als fair bezeichnet werden kann.

          Jetzt ist es sicher richtig, dass nicht alle politischen Handlungen wirtschaftlich sinnvoll erscheinen. Dennoch ist es für langfristige Anleger zielführend, einen relevanten Anteil ihres Geldes in europäische Aktien zu investieren. Ob Nestlé, Roche, Novartis, HSBC, BP, Vodafone oder Allianz, BASF, Bayer, Siemens und VW - die wichtigsten europäischen Unternehmen zeichnen sich in der Regel durch eine sehr internationale Ausrichtung aus. Ein beträchtlicher Teil des Umsatzes und oft auch schon wesentliche Teile der Produktion werden außerhalb ihres Heimatlandes getätigt. Spezielle Risiken durch eine vermeintlich wirtschaftsfeindliche Politik am heimischen Standort treffen daher vielleicht das Land in seiner Wettbewerbsfähigkeit, aber nicht zwangsläufig das Unternehmen. Die meisten Firmen können in ihrer Planung flexibel reagieren und ihre Kapazitäten bei Bedarf weltweit an geeigneteren Orten ausbauen. Ein extremes Beispiel stellt in diesem Zusammenhang der italienische Autobauer Fiat dar. Mehr als hundert Jahre lag der Firmensitz in Turin, jetzt wird er in die Niederlande verlegt. Im Prinzip gibt es nur wenige Branchen, wie Versorger, die nur in einem Land für ein Land produzieren und damit politischen Entscheidungen hilflos ausgeliefert sind.

          Die Suche nach der richtigen Aktie

          Als Ganzes spiegelt die europäische Wirtschaft damit in vieler Hinsicht die weltwirtschaftliche Entwicklung wider. Breit gestreut in europäische Aktien zu investieren ermöglicht es Investoren, an der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung zu partizipieren. Entschließt man sich, sein Geld in europäischen Aktien anzulegen, kann man das tun, indem man Werte auswählt, die man für besonders vielversprechend hält, und direkt in diese investiert. Das ist aber nicht unbedingt ratsam. Denn selbst wenn man sich über die Medien umfassend über diese Aktien informiert, ist zu bedenken, dass der aktuelle Kurs einer Aktie aus Sicht der Mehrheit der Marktteilnehmer den auf Basis aller verfügbaren Informationen gerade angemessenen Wert reflektiert. Man sollte für sich die Frage beantworten können, wo der persönliche Informationsvorsprung herrührt. Was konkret weiß man, was die anderen Marktteilnehmer nicht wissen? Hier wird das Eis zwangsläufig sehr dünn.

          Investiert man dagegen über Fonds, so stehen über 1100 in Deutschland zum Vertrieb zugelassene Publikumsfonds der Kategorie „Aktien Europa“ zur Verfügung. Das scheinen nicht nur viele zu sein, es sind tatsächlich absurd viele. Schließlich gibt es nur etwa 600 liquide europäische Aktien. Indexfonds (ETF) wie der Comstage Stoxx Europe 600 (WKN ETF060) mit 0,2 Prozent Kosten pro Jahr oder der DB X-Trackers MSCI Europe (WKN DBX1ME) mit 0,3 Prozent Kosten pro Jahr punkten dadurch, dass sie sehr günstig den Markt relativ vollständig abbilden. Die Zusammensetzung der Indizes ist nicht statisch, sondern ergibt sich aus der Marktkapitalisierung der Unternehmen. Je höher die Marktkapitalisierung, desto größer das Gewicht im Index.

          Es gibt Fonds-Alternativen

          Bei den aktiv gemanagten Fonds stechen diejenigen positiv hervor, die über Risikoprämien systematisch Zusatzrenditen anstreben. Sie machen sich den Umstand zunutze, dass etwa kleine Unternehmen (Small Caps) oder sehr niedrig bewertete Unternehmen (Value) langfristig Überrenditen ermöglichen. So konzentriert sich zum Beispiel der Pioneer Funds European Potential (WKN A0MJ5A) recht erfolgreich auf Small-Cap-Prämien. Besonders offensiv setzt der BSF European Opportunities Extension (WKN A0MYJN) die Strategie um, indem er mit Derivaten Risikoprämien hebelt. Investoren sollten sich hier über das besondere Risiko einer solchen Strategie im Klaren sein. Auf Value-Prämien setzt zum Beispiel der Allianz European Equity Dividend (WKN A0RF5F).

          Das hinter den Small-Cap- und Value-Prämien stehende Mehrfaktorenmodell wurde von Eugene Fama und Kenneth French entwickelt. Nach seiner ersten Beschreibung im Jahr 1993 hat es zahlreiche Forschungsaktivitäten ausgelöst, die im Wesentlichen in zwei Richtungen zielten: Zum einen wurde gezeigt, dass das Modell über verschiedene Regionen und Zeiträume erstaunlich robust ist. Zum anderen wurde nach möglichen weiteren Faktoren gesucht, die eine systematische Überrendite im Vergleich zum Gesamtmarkt generieren können. Sehr interessant sind dabei Forschungsarbeiten, die eine Momentum-Prämie oder eine Low-Volatility-Prämie postulieren. Zum letzteren Faktor gibt es mit dem Robeco European Conservative Equities (WKN A0MXTY) einen hochwertigen Fonds. Ob alle derzeit postulierten Faktoren langfristig ihre Gültigkeit unter Beweis stellen können, darf aber in Frage gestellt werden. Irgendwann gibt es so viele Faktoren, dass alle zusammen genommen doch wieder den Gesamtmarkt darstellen.

          Der Verfasser ist Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau in München.

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