https://www.faz.net/-gv6-73csh

Euro-Stoxx-Chemie und Euro-Stoxx-Banken : Bankaktien gegen Chemiewerte

  • -Aktualisiert am

Chemiemarken im Aufwärtstrend: Der Euro-Stoxx-Chemie erzielte mit Kursen von mehr als 645 Punkten ein Kursniveau, das er noch niemals zuvor erreicht hatte Bild: dapd

Der Abstand zwischen den beiden europäischen Aktienindizes dürfte sich noch vergrößern. Während die Bankaktien ihre Kurstiefs durchschritten haben, steigen die Chemieaktien immer weiter.

          3 Min.

          Technische Analyse ist vor allem eine visuelle. So wie ein Bild oft genug weit mehr sagt als tausend Worte, so zeugen Charts weit mehr vom Zustand eines Marktes als langatmige Abhandlungen. Diese „Bilder der Börse“ fassen alles zusammen, was war und was ist, und sie zeigen einem erfahrenen Auge auch schnell, was wahrscheinlich sein wird. Oft ist es ein einziger Blick auf einen Chart, der alles, auch den Unterschied, klarmacht. Ein gutes Beispiel dafür sind die beiden hier in einem Schaubild zusammengefassten Kursentwicklungen des Euro-Stoxx-Chemie-Index (rot) und des Euro-Stoxx-Banken-Index (blau).

          Bis ins Jahr 2007 hinein durften sich die Aktionäre von Bank- und Chemieaktien im selben Maße glücklich schätzen. Die Entwicklung beider Charts verlief parallel, gleichmäßig und stetig aufwärts. Danach ging jede Branche mehr oder weniger ihren eigenen Weg. Bankaktien haben seither ihren Wert geviertelt und Chemieaktien bis jetzt rund 30 Prozent im Kurs hinzugewonnen. Die wenigsten Investoren werden es in diesen zurückliegenden Jahren geschafft haben, konsequent auf Chemie zu setzen und genauso konsequent Banken zu meiden.

          Aber wer zumindest hin und wieder auf den abgebildeten Chart geschaut und die Grundregel der technischen Analyse beherzigt hat, immer auf den bestehenden Trend und nie auf dessen mögliche Umkehr zu setzen, dessen Depot dürfte die Banken-Baisse weitestgehend erspart geblieben sein. So unterschiedlich diese beiden Charts auch sein mögen: Im vergangenen Sommer konnten beide mit beeindruckenden technischen Signalen aufwarten. Der europäische Bankenindex überwand den Kernwiderstand bei rund 86 Punkten und zeigte damit gerade auch im Lichte der nachfolgenden, teilweise sogar stürmischen Entwicklung, dass es ihm mit einer Bodenbildung ernster denn jemals zuvor in den vergangenen Jahren ist.

          So sieht entweder eine Trendwende aus oder, wenn die Kurse der Bankenaktien die aktuellen Niveaus nicht dauerhaft bestätigen können, das finale Ende einer Branche. Ich gehe von der erstgenannten Alternative aus. Die Bankaktien haben ihre tiefsten Kurstiefs durchschritten. Fortan wird es - langfristig betrachtet - aufwärtsgehen. Ein ganz anderes Signal sieht man im Chart des Euro-Stoxx-Chemie, dem europäischen Chemieaktienindex. Mit Kursen von mehr als 645 Punkten erzielte er im September ein Kursniveau, das er noch niemals zuvor erreicht hatte. Eine bessere Bestätigung für einen Aufwärtstrend gibt es selten.

          Ein Blick auf die Autobranche

          Die Kurse der Chemieaktien werden weiter steigen. Um nur einen Anhaltspunkt zu nennen: Kurse von mehr als 700 Punkten sollten allemal drin sein. Bleibt die spannende Frage, welches Signal für eine Anlageentscheidung höher zu gewichten ist: die Bodenbildung der Banken oder die neuen Bestmarken der Chemiewerte? Auch wenn rein emotional die meisten Anleger wohl bei den Banken mehr Chancen und weniger Risiken sehen, so ist es, analytisch gesehen, genau umgekehrt. Wahrscheinlich wird sich der Abstand zwischen dem Kursgraph der europäischen Chemie- und der Bankenwerte noch mehr ausweiten.

          Ein Blick auf eine Branche, die zuletzt eine schwere Zeit hatte: Autoaktien. Die bekannten Nachrichten machten ihnen zu schaffen und führten zu nicht unerheblichen Abschlägen. Besonders enttäuschend war die Entwicklung bei Volkswagen. Die Aktie erzielte vor genau zwei Wochen zwar einen neuen historischen Höchstkurs und bestätigte damit ihren Aufwärtstrend vortrefflich. Danach fiel der Kurs allerdings wieder - so unwahrscheinlich diese Entwicklung auch war. Analytisch betrachtet, kann diese Schwächephase Volkswagen und die beiden anderen deutschen Autobauer noch eine Zeitlang begleiten.

          Das Risiko, dass daraus eine echte Krise für die jeweiligen Charts wird, ist jedoch relativ gering. Im Anschluss an die aktuelle Konsolidierung werden BMW, Daimler und Volkswagen ihre Aufwärtstrends wiederaufnehmen und dann wohl auch wieder den Bankaktien die Schau stehlen. Der Dax lieferte in den vergangenen Wochen eine durchwachsene Vorstellung. Freundlichen Tagen folgten schwache, von denen er sich aber wieder erholte. Unter dem Strich hat sich sein Niveau so gut wie nicht verändert. Solche Konsolidierungen sind in etablierten Trends absolute Klassiker.

          Sie gefährden den bestehenden Aufwärtstrend nicht, sondern bestätigen ihn sogar. Wenig verheißungsvolle Nachrichten führen schnell dazu, dass - mit einer Verneigung vorm Börsenaltmeister - die Zittrigen ihre Bestände abgeben, die dann von den starken Händen aufgenommen werden. Sobald die Nachrichtenlage sich entspannt, fehlen die Verkäufer und die Kurse steigen wieder. Konsolidierungen dieser Art sind in Maßen willkommen. Sie verhindern eine Überhitzung des Marktes und verlängern die Hausse.

          Gerade vor diesem Hintergrund wäre es bar jedweder Vernunft, jetzt an dem Kursziel von 8.000 Punkten zu rütteln. Meine Zuversicht ist unverändert groß. Der Dax wird dort in der überschaubaren Zukunft und mit ein wenig Glück sogar noch in diesem Jahr ankommen. Erst Kurse von weniger als 6.500 Punkten, dem aktuellen Niveau des mittelfristigen Aufwärtstrends seit dem Herbst 2011, könnten daran etwas ändern. Ich rechne explizit nicht damit, dass der Dax dorthin zurückfallen wird - auch wenn die nächsten beiden Wochen, wie schon die beiden zurückliegenden, wieder einen gewissen herbstlichen Charme entwickeln dürften.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unser Autor: Oliver Georgi

          F.A.Z.-Newsletter : Die Mutter aller Verschwörungsmythen

          Nach der unfassbaren Katastrophe von Beirut wird nun die Schuldfrage immer lauter. Wie gefährlich die QAnon-Bewegung ist und was am Freitag sonst noch wichtig wird, steht im Newsletter für Deutschland.
          Karl-Theodor zu Guttenberg bekam 2010 noch Applaus auf dem CDU-Parteitag.

          Rückkehr in die Politik? : Guttenberg und sein Verhältnis zu Merkel

          Karl-Theodor zu Guttenberg hat noch immer einen guten Draht zur Kanzlerin. Das wurde im Zuge der Wirecard-Affäre deutlich. Arbeitet der frühere Verteidigungsminister an seiner Rückkehr oder hat er sich endgültig die Finger verbrannt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.