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EU-Osterweiterung : Polens Börse muß noch wachgeküßt werden

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Die Polen haben dem EU-Beitritt ihres Landes zugestimmt. Börsianer hoffen nun, daß dies das Startsignal für einen Kursaufschwung ist. In den Vorjahren kam der Markt per saldo aber nicht vom Fleck.

          Seit dem Wochenende haben auch die Polen ihren Segen zum EU-Beitritt im Jahr 2004 gegeben. Klar, daß sich an diesen Termin nicht nur die Hoffnungen und Ängste der Bürger sondern auch die der Börsianer knüpfen.

          Vor allem die Aktionäre setzen darauf, daß der polnische Aktienmarkt endlich zum Leben erwacht. Denn in den vergangenen Jahren agierten die Anleger dort letztlich nach dem Motto: „Außer Spesen nichts gewesen.“

          Aktienmarkt tritt seit Jahren auf der Stelle

          Zieht man den Aktienindex PTX als Maßstab heran, dann bewegen sich die Notierungen derzeit auf dem Stand des Jahres 1995. In der Zwischenzeit gab es zwar auch Anläufe nach oben, aber diese verliefen immer wieder im Sande.

          Auch jetzt schickt sich der PTX wieder an, das Vorjahreshoch bei 738 Punkten zu überwinden. Gelingt der Sprung darüber, wäre der Weg frei bis auf knapp über 800 Punkte. Und eigentlich sprechen eine relativ vernünftige Bewertung des Marktes und die in den nächsten Jahren zufließenden Milliarden Euro-Beträge aus Brüssel für einen Kursaufschwung. „Die Wahlbeteiligung und die Unterstützung der Mehrheit der Polen für die Union ist ein sehr positives Signal für Investoren“, sagte jedenfalls ein Analyst noch am Montag.

          Politische Sorgen überdecken noch die Chancen

          Die Krux ist nur, daß Polen mit vielen Problemen zu kämpfen hat, welche die dortige Börse im Vergleich mit anderen osteuropäischen Märkten weniger lukrativ erscheinen lassen. Das endgültige Ja zum EU-Beitritt ist am Aktienmarkt jedenfalls bisher wirkungslos verpufft. Das hat auch damit zu tun, dass schon kurz nach Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses die ungelösten innenpolitischen Fragen wieder in den Mittelpunkt rückten.

          Dazu beigetragen hat auch die überraschende Ankündigung des nur noch mit einer Minderheitsregierung amtierenden polnischen Ministerpräsidenten Leszek Miller, vor dem Parlament am Mittwoch die Vertrauensfrage stellen zu wollen. Gleichzeitig schlug der Ministerpräsident noch einmal vorgezogene Wahlen vor. Dies rückt bei den Anlegern wieder die Sorge um die politische Stabilität in den Vordergrund, die seit dem Bruch der Koalition mit der gemäßigten Bauernpartei PSL im März das vorherrschende Thema ist. Hier geht die Angst um, bei den Wahlen könnten radikalere Kräfte an Einfluß gewinnen.

          Auch wirtschaftlich liegt noch einiges im Argen

          Aber es sind nicht nur politische Schwierigkeiten, welche die gut 23 Milliarden Euro schwere polnische Börse bisher an einem nachhaltigen Aufschwung hinderten. Das größte der zehn Kandidatenländer, die am 1. Mai 2004 zur EU stoßen, hat auch wirtschaftliche Probleme. So machen Polen Defizite in der Leistungsbilanz und beim Staatshaushalt zu schaffen. Die Verschuldung belief sich 2002 auf 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und das Wachtum betrug nur relativ magere 1,4 Prozent.

          Diese Werte sollen sich mit einer vom Finanzminister angestrebten Senkung der Verschuldung auf 4,9 Prozent des BIP und einem Wachstum von 2,5 Prozent zwar verbessern. Um die Anlegern von den Sitzen zu reißen, genügt das aber nicht. Zumal noch lange nicht sicher ist, ob die angedeuteten Sparanstrenungen die bevorstehenden politischen Turbulenzen überstehen werden. Im Streit um die künftige Wirtschafts-, Finanz- und Fiskalpolitik läßt sich jedenfalls noch keine abschließende Linie erkennen und das dürfte auch den Aktienmarkt nicht unbeeinflußt lassen.

          Nur begrenzte Anlagechancen

          Von der Finanzpolitik wurde zuletzt auch das Geschehen am Devisenmarkt geprägt, weshalb der polnische Zloty aus der Zustimmung im Referendum zum Eu-Beitritt im Verhältnis zum Euro auch keine nachhaltige Stärke saugen konnte. Seit dem dritten Quartal 2003 befindet sich der Zloty zum Euro bei Kursen von 4,4010 Zloty per saldo jedenfalls auf dem absteigenden Ast.

          Am stärksten positiv bemerkbar gemacht hat sich die Annäherung an die EU in den vergangenen Jahren am Rentenmarkt und in der Geldpolitik. Eine mittlerweile im April auf 0,3 Prozent gesunkene Inflationsrate hat es der Notenbank ermöglicht, den Leitzins bis auf 5,5 Prozent zu senken. Die Rendite der bis 2012 laufenden Anleihe ist dadurch alleine seit Jahresanfang von 4,7 Prozent auf rund 3,89 Prozent gesunken.

          Durch diese positive Entwicklung hat sich aber auch hier der weitere Spielraum eingeengt, denn ein Beitritt zum Euro und damit eine endgültige Angleichung an das Zinsniveau in Europa dürfte erst im Jahr 2009 zu erwarten sein. Insgesamt kann man deshalb konstatieren, daß die polnischen Finanzmärkte derzeit nur begrenzte Anlagechancen bieten.

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