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Erklär mir die Welt (79) : Warum steigt nach Entlassungen der Aktienkurs?

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Wenn ein Unternehmen Personal entlässt, steigt der Aktienkurs. Und Börsen sind schuld an der Arbeitslosigkeit. So lauten die gängigen Klischees. In letzter Konsequenz kann das nicht stimmen. Was sagt die Wissenschaft?

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          Am 3. Februar 2005 unterlief Josef Ackermann sein bisher zweitgrößter Fehler nach den gespreizten Fingern im Mannesmann-Prozess. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank meldete mit gewissem Stolz einen Gewinn von 2,5 Milliarden Euro und verkündete im selben Atemzug die Entlassung von 6500 Beschäftigten. Der Aktienkurs stieg am nächsten Tag von fast 67 Euro auf 68,55 Euro.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Öffentlicher Missmut kübelte auf Ackermann herab, als er sich gerade in seinem Erfolg sonnen wollte. Der Schweizer stieg endgültig auf zur Symbolfigur des bösen Börsen-Kapitalismus, dessen Prinzip lautet: Feuern, damit der Aktienkurs steigt. Spätestens seit dieser Episode ist es Sektempfang-Allgemeingut: Entlassungen sind das Beste für den Aktienkurs. Börsen sind schuld an der Arbeitslosigkeit.

          In letzter Konsequenz kann das nicht stimmen. Es deutet alles darauf hin, dass Unternehmen ohne Belegschaft gar keinen Umsatz machen, geschweige denn Gewinn - selbst wenn sie börsennotiert sind. Empirisch abgesichert ist, dass Unternehmen ohne Gewinn nicht auf ein Kursfeuerwerk rechnen dürfen.

          Was ist schon eingepreist?

          Aber wie ist das nach der Ankündigung von „Schrumpfkuren“ oder „Restrukturierungen“, wie es etwas harmloser heißt? Mit Entlassungen reagieren Unternehmen entweder auf geringere Nachfrage oder billigere Produktionsalternativen oder beides.

          Und wie stimmen die Anleger ab? Das ist ganz unterschiedlich. Die Reaktion der Aktionäre hängt in diesen Fällen von ihrem Kenntnisstand und ihren Erwartungen ab: Wenn sie von der Nachfrageschwäche oder den Kostenproblemen wussten, dann sind diese Kenntnisse längst in ihre Entscheidung für die Aktie eingeflossen. Die Probleme sind eingepreist. Die Lösungen dieser Probleme werden dann honoriert an der Börse; zumindest dann, wenn sie überzeugen und etwas überraschend zu jenem Zeitpunkt kommen. Die Aktienkurse steigen dann nach der Meldung von Entlassungen in die Höhe.

          Der zweite Fall: Die Aktionäre trifft die Verkündung eines Restrukturierungsprogramms aus heiterem Himmel. Dann sehen sie in der Regel zu, das Papier flink an optimistischere, ahnungslose oder dumme Zeitgenossen loszuschlagen. Die Kurse sinken. Das erleben wir zurzeit beim hochgejubelten Photovoltaik-Unternehmen Conergy, dessen Kurs einbricht, obwohl ein Fünftel der Belegschaft den Job verlieren soll oder gerade deshalb.

          Empirische Untersuchungen

          Die größte Studie über den Zusammenhang zwischen Entlassungsankündigungen und Börsenkurs stammt von amerikanischen Wissenschaftlern. Sie haben die Kurse von sämtlichen im Zeitraum von 1970 bis 1997 im Fortune 500 notierten Unternehmen in den Zusammenhang gebracht. Sie sammelten dabei die Angaben von 3878 Restrukturierungs-Ankündigungen.

          Die Kernaussage dieser Untersuchung: Der Aktienkurs sank im Schnitt über die fast 30 Jahre nach jeder Ankündigung um 0,4 Prozent. Die zweite Erkenntnis: In den siebziger Jahren sanken die Kurse tiefer als in späteren Jahren, nämlich um 0,65 Prozentpunkte. Manchmal belohnten die Anleger auch Entlassungen. Besonders wenn Entlassungen im Zusammenhang mit Produktionsverlagerungen standen.

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