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Börsengang in Gefahr : Mit Hochdruck gegen die Hochfrequenzhändler

  • -Aktualisiert am

Auch in Amsterdam arbeiten Hochfrequenz-Händler: Hier bei der Firma Optiver. Bild: Pilar, Daniel

Der New Yorker Staatsanwalt Eric Schneiderman verschärft seinen Kampf gegen die „Flash Boys“. Das gefährdet auch den Börsengang von Virtu.

          3 Min.

          Der Druck auf die umstrittene Branche der Hochfrequenzhändler nimmt an der Wall Street beinahe täglich zu. In dieser Woche hat Eric Schneiderman, der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates New York, seinen Kampf gegen die Handelshäuser, die Papiere mit leistungsstarken Computern im Millisekundentakt handeln, deutlich verschärft. Schneiderman unterstellt der Branche unfaire Geschäftspraktiken und hat nun Vorladungen an mindestens sechs Hochfrequenzhändler geschickt. Er will damit herausfinden, ob die Blitzhändler geheime Vereinbarungen mit Börsen oder elektronischen Handelsplattformen eingegangen sind, die ihnen profitable Zeitvorteile einräumen.

          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Zu den Gesellschaften, die diese Zwangsvorladungen erhalten haben, zählen die in New York ansässige Tower Research Capital sowie die Chicagoer Unternehmen Jump Trading und Chopper Trading. Eines der größeren Unternehmen der Branche, Virtu Financial, hat nach Medienberichten ebenfalls ein Schreiben erhalten, in dem Schneiderman ähnliche Informationen verlangt. Sollte die Gesellschaft nicht freiwillig Auskunft geben, könnte Schneiderman die gewünschten Informationen auch per Vorladung unter Androhung von Zwangsmaßnahmen anfordern, hieß es.

          Für Virtu kommt die kontroverse Debatte um den Hochfrequenzhandel, die nach dem Erscheinen des Bestsellers „Flash Boys“ Anfang April über die Grenzen der Wall Street hinaus geschwappt ist, zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Virtu hatte in diesen Tagen eigentlich ihren Börsengang geplant. Erfolgsautor Michael Lewis, der auf seiner Buchwerbetour in vielen Fernsehtalkshows die These vertrat, die amerikanischen Finanzmärkte würden von Hochfrequenzhändlern und den Börsen, die mit ihnen Geschäfte machen, manipuliert, machte Virtu jedoch einen Strich durch die Rechnung.

          Vor zwei Wochen entschied sich die Führungsriege von Virtu zunächst dafür, den Börsengang zu verschieben. Nach dem Schreiben Schneidermans wurde die Aktienemission mit Hinweis auf die aktuelle Marktlage auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Für schon börsennotierte Hochfrequenzhändler wurde die Marktlage zuletzt immer prekärer. Der Aktienkurs des Branchenriesen KCG Holdings ist seit Erscheinen des kürzlich auch in Deutschland auf den Markt gekommenen Lewis-Buchs um 13 Prozent abgestürzt. KCG Holdings ist ein aus der Fusion von Getco und Knight Capital entstandenes Wertpapierhaus.

          Knight, eine der größten Börsenmaklerfirmen an der Wall Street, hatte schon vor anderthalb Jahren wegen einer Computerpanne an der Wall Street die Diskussion um die Gefahren des Hochfrequenzhandels weiter angefacht. Knight machte damals aufgrund eines Softwarefehlers hohe Verluste und löste an der New Yorker Börse Nyse Kursturbulenzen und ungewöhnlich hohe Umsätze aus.

          Neben Knight hatten eine Reihe weiterer Computerfehler für Aufsehen gesorgt. Unter anderem war der Handel an der zweitgrößten Aktienbörse Nasdaq und an der großen Optionsbörse CBOE einmal um jeweils mehr als drei Stunden ausgefallen. Nach Einschätzung von Kritikern waren diese Computerfehler eine Folge des technologischen Wettbewerbs unter den Handelsplätzen, die für Hochfrequenzhändler attraktiv sein müssen.

          Auf Hochfrequenzhändler entfallen nach manchen Schätzungen bis zu 70 Prozent des Handelsvolumens an den amerikanischen Börsen. Die Börsenaufsicht SEC fordert von den Börsen seit mehreren Jahre robustere Systeme. Auch Spitzenmanager der Investmentbank Goldman Sachs sorgen sich, dass die Infrastruktur der Börsen nicht mit dem technologischen Fortschritt mithält. „In den vergangenen zehn Jahren hat das Tempo der Abwicklung die Infrastruktur des Marktes überholt“, sagte der Goldman-Finanzvorstand, Harvey Schwartz am Donnerstag. Goldman betreibt eine eigene außerbörsliche Handelsplattform, Sigma X. Jüngste Gerüchte, die Bank wolle sich davon trennen, wies Schwartz zurück.

          Bei behördlichen Ermittlungen geht es nun um die Frage, ob das technologische Wettrüsten zu unfairen Vorteilen der Hochfrequenzhändler geführt hat. Mit seinen Vorladungen agiert Schneiderman offenbar schneller und aggressiver als die Bundesbehörden SEC und CFTC, die für die amerikanischen Terminbörsen zuständig ist. Die SEC prüft derzeit, ob Softwareprogramme der Börsen Aufträge von Blitzhändlern bevorzugt behandeln. Die CFTC untersucht Absprachen zwischen Hochfrequenzhändlern und den Terminbörsen CME und Intercontinental Exchange, bei denen es um Rabatte für Wertpapieraufträge geht.

          Schneiderman hatte Börsenkonzernen vor einem Monat in einer vielbeachteten Rede vorgeworfen, Hochfrequenzhändler auf Kosten von Privatanlegern zu bevorzugen. Er kritisierte, dass zahlungskräftige Blitzfirmen ihre Computer direkt in den Datenzentren der Börsen aufstellen dürfen, um die Zeit für die Datenübertragung zu minimieren. Ermittlungen von Schneiderman hatten dazu geführt, dass Informationsdienste wie Thomson Reuters zahlenden Profianlegern keinen zeitlichen Vorsprung bei der Veröffentlichung von Finanzdaten mehr einräumen.

          Auch die Bundespolizei FBI hat wegen des Verdachts auf Insiderhandel breitangelegte Ermittlungen gegen Hochfrequenzhändler begonnen. FBI-Agenten wollen herausfinden, ob Hochfrequenzhändler auf illegale Weise Informationen verwenden, die nicht allen Marktteilnehmern zu Verfügung stehen. Schneiderman tritt mit seinem aggressiven Vorgehen in die Fussstapfen von Eliot Spitzer, der dieses Amt von 1998 bis 2006 bekleidete. Spitzer hatte mit geschickt eingesetztem öffentlichem Druck erfolgreich auf Reformen bei Investmentbanken und Fondsgesellschaften gedrängt. Das Amt des Generalstaatsanwalts gilt als Sprungbrett für höhere politische Weihen.

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