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Emerging Markets : Unter den Börsen der Schwellenländer drängt die zweite Reihe nach vorne

  • Aktualisiert am

Bild: Morgan Stanley

Das von günstigen Wachstumsaussichten ausgelöste starke Anlegerinteresse an Emerging Markets hat zu deutlich gestiegenen Bewertungen geführt. Noch relativ moderat bewertet sind allerdings die kleinen Pioniermärkte unter den Schwellenländern.

          Nach einer längeren Seitwärtsphase haben die Börsen der Schwellenländer zuletzt wieder etwas Fahrt aufgenommen. Der MSCI Emerging Markets Index legte zuletzt sechs Wochen in Folge zu und verbuchte somit die längste Gewinnserie seit vergangenen Mai. Einher geht diese Entwicklung mit ebenfalls wieder deutlich gestiegenen Zuflüssen in die Schwellenländerfonds. In den zwölf Monaten bis Januar sind 86,6 Milliarden Dollar in Aktienfonds für Schwellenländer geflossen, geht aus Daten der Analysegesellschaft EPFR Global hervor. Und gerade in den vergangenen Tagen waren erneut erhebliche Mittelzuflüsse zu registrieren.

          Angelockt werden die Anleger dabei vor allem von der Aussicht auf dauerhaft höheren Wachstumsraten als in den großen Industriestaaten. So winkt den Emerging Markets in diesem Jahr im Schnitt ein Wirtschaftswachstum von 5,7 Prozent, während die Zuwachsrate in Amerika nur auf 2,8 Prozent und in Kerneuropa sogar nur auf 1,4 Prozent geschätzt wird. Hinzu kommen erwarteten Wachstumsraten bei den Unternehmensgewinnen von durchschnittlich 25 Prozent in diesem und im nächsten Jahr.

          Gewichte verschieben sich zugunsten der Schwellenländer

          Als weiterer wichtiger Pluspunkt kommt noch hinzu, dass sich die Kreditqualität der staatlichen Schuldner in dieser Region angesichts der wachsenden Devisenreserven kontinuierlich verbessert hat und dieser Trend vermutlich anhalten wird. In den Industrieländern ist wegen der Finanzkrise die Verschuldung dagegen deutlich gestiegen (siehe Grafiken). Ein weiterer Vorteil der Schwellenländer ist zudem die junge Bevölkerung, während die großen Wirtschaftsnationen überaltert sind.

          Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass das starke wirtschaftliche Umfeld dazu führen wird, dass Schwellenländer künftig einen immer größeren Teil der globalen Wirtschaftsleistung ausmachen werden. Der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg lässt sich im übrigen auch an der neuen „Forbes“-Liste der reichsten Personen ablesen. Denn mit dem mexikanischen Telekommunikations-Magnaten Carlos Slim hat es erstmals ein Bürger aus einem Schwellenland auf den ersten Platz geschafft. Auch vielen anderen Reichen aus Schwellenländern gelang erstmals die Aufnahme in die berühmte Milliardärsliste. Unter den zehn reichsten Menschen finden sich nun auch zwei Milliardäre aus Indien. Aus Taiwan kommen jetzt 18 der aufgeführten Milliardäre, drei Mal so viel wie bei der vergangenen Wertung. Aus der Türkei sind es mit 28 mehr als doppelt so viele. Auch Brasilien mit 18 und Russland mit 62 Milliardären unterstreichen ihr gewachsenes ökonomisches Gewicht.

          Bewertungsaufschlag und Zinsumfeld stellen eine Bürde dar

          Allerdings sind die besseren Wachstumschancen die Schwellenländer bieten, längst kein Geheimnis mehr, sondern das entspricht inzwischen der gängigen Denkhaltung der Börsianer. Das vermehrte Anlegerinteresse bedeutet, dass einiges von diesen positiven Aussichten auch bereits in den Kursen steckt. Insgesamt ist die Idee, bei der Geldanlage auf Emerging Markets zu setzen, somit nicht mehr ganz taufrisch. Anders als früher üblich weisen die aufstrebenden Märkte inzwischen keinen Bewertungsabschlag sondern einen Aufschlag zu den Börsen der Industrienationen auf. Seit 10 Monaten weisen die Schwellenländer eine Prämie auf, während sie seit Januar 1995 im Durchschnitt einen Abschlag von 36 Prozent verzeichneten, geht aus Bloomberg-Daten hervor. Auch das Verhältnis von Kurs zu Buchwert liegt 17 Prozent über dem Wert für den MSCI World Index. Das ist der höchste Wert seit mindestens 1995.

          Das ist natürlich eine Bürde zumal das starke Wirtschaftswachstum in einigen der Schwellenländer dazu führt, dass die Notenbanken damit begonnen haben, an der Zinsschraube zu drehen. So hat beispielsweise an diesem Freitag etwas überraschend die Zentralbank in Indien die Leitzinsen erhöht. Auch die chinesische Notenbank hat den Mindestreservesatz für die größten Kreditinstitute in diesem Jahr zweimal angehoben, um das Kreditwachstum einzudämmen. Und weil steigende Zinsen oft als Belastung für die Aktienbörsen empfunden werden, dürfte dieser Trend hin zu höheren Zinsen künftig immer wieder etwas Sand ins Getriebe streuen.

          Bewertungsvergleich spricht für die kleineren Pioniermärkte

          Das geschilderte Zinsumfeld und die gestiegenen Bewertungen sind vermutlich mit die Gründe, warum der MSCI-Index für die Schwellenländer in diesem Jahr bisher hinter der Wertentwicklung des MSCI World und des Standard & Poor's 500 Index herhinken. Deutlich besser sieht es dagegen bei den Pioniermärkten aus, also jenen Ländern, die in der Regel noch kleiner und weniger entwickelt sind als die Schwellenmärkte. Der MSCI Frontier Markets Index, der Aktien aus 25 Ländern von Argentinien bis Vietnam abbildet, hat seit Jahresbeginn 7,8 Prozent zugelegt. Der MSCI Emerging Markets Index hat im selben Zeitraum nur 1,6 Prozent gewonnen.

          Und der Bewertungsvergleich spricht auch weiterhin zugunsten der Pioniermärkte. Im entsprechenden Regionen-Index von MSCI sind die Aktien derzeit gemessen an den Gewinnschätzungen mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 10,3 bewertet, und damit niedriger als der 20-Monats-Durchschnittswert von 18,4. Der Emerging Markets Index von MSCI weist derzeit ein durchschnittliches KGV von 13,1 auf.

          Wer die Pioniermärkte für aussichtsreich hält, für den gibt es inzwischen eine Reihe von entsprechenden Zertifikaten zur Auswahl. Die meisten davon zielen auf die vom Goldman Sachs Chef-Volkswirt Jim O´Neill identifizierten nächsten 11 spannenden Wachstumskandidaten unter den Schwellenländern ab. So hat auch Goldman Sachs selbst ein derartiges Zertifikat mit der Isin auf die so genannten Next-Eleven-Staaten emittiert. Dieses Zertifikat, für das eine Verwaltungsgebühr von 1,3 Prozent im Jahr verlangt wird und bei dem Dividenden gut geschrieben werden, überzeugt mit einem intakten charttechnischen Aufwärtstrend.

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