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E-Commerce : Ricardo.de-Aktie läuft gut, wird aber riskant

  • Aktualisiert am

In der Schweiz nutzt Ricardo.de seine zweite Chance Bild: FAZ.NET

Manchmal erhalten Unternehmen eine zweite Chance - zum Beispiel Ricardo.de. Einst Deutschlands bekanntestes Auktionshaus, macht das Unternehmen jetzt in der Schweiz gute Geschäfte. Doch die Bewertung läuft unerbittlich vorne weg.

          Eine spektakuläre Kursentwicklung ist eine feine Sache an der Börse. Eine steile Bergfahrt macht derzeit die Aktie von Ricardo.de. Notierte das Papier vor einem Jahr noch bei 1,45 Euro, so steht es aktuell über achtmal so hoch bei 12,60 Euro. Allein seit September hat es sich annähernd vervierfacht.

          Ricardo.de ging 1999 noch als Auktionsplattform an den Markt. Das Geschäft ließ sich zunächst nicht schlecht an. Noch im Januar 2000 war Ricardo hatte Ricardo noch einen größeren Bekanntheitsgrad in Deutschland als Ebay. Im Geschäftsjahr 1999/2000 stieg der Umsatz um das Sechseinhalbfache auf 20,85 Millionen Euro.

          Gegen Ebay verloren

          Im darauffolgenden Rumpfgeschäftsjahr von neun Monaten aber drehte sich der Wind. Der Umsatz betrug nur 10,25 Millionen Euro, der Periodenfehlbetrag wuchs gegenüber dem vorangegangen kompletten Geschäftsjahr um annähernd das Doppelte auf 69,1 Millionen Euro.

          Letztlich konnte Ricardo.de den Siegeszug von Ebay in Deutschland nicht aufhalten und geriet im Zuge der Konsolidierung des Weltmarkts für Auktionsplattformen unter die Räder. Während Ebay Konkurrenten wie Ibazar aufkaufte, andere wie Offerto aufgaben, schloß sich Ricardo schließlich mit dem britischen Online-Auktionshaus QXL zusammen, das heute rund 92 Prozent der Aktien von Ricardo.de hält.

          Am 17. November 2003 schloß Ricardo.de dann in Deutschland den Betrieb, mit der Begründung, der Betrieb eines Marktplatzes für allgemeine Auktionen erscheine in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mehr erfolgversprechend. Branchenexperten drücken es deutlicher aus: Eine Online-Auktionsplattform könne in einem Land nur der Marktführer wirtschaftlich betreiben.

          Umsatzbringer Ricardo.ch

          Daher ist die Konsolidierung im Markt auch noch nicht abgeschlossen. So gab Ricardo ursprünglich die Adresse ricardo.de an eine Tochter der niederländischen Plattform Marktplaats.nl ab. Doch die gehört mittlerweile auch schon zu Ebay.

          Die Branche teilt sich letztlich nach Landesgrenzen auf. Ebay ist vor allem in Deustchland und Amerika stark, QXL-Ricardo in Ländern wie Norwegen, Dänemark und der Schweiz. Letzteres Land ist die erfolgreiche Spielwiese der Tochter Ricardo.de, die Ricardo.ch im November 2003 von QXL-Ricardo übernahm.

          Der Umsatz auf der Plattform stieg im im März abgelaufenen Geschäftsjahr um rund das Dreifache auf 5,2 Millionen Euro, im ersten Halbjahr des laufenden Jahres um weitere 76 Prozent. Ein Teil der Umsatzerlöse stammt auch aus dem Betrieb der Preisvergleichsplattform Ricardo24.de, doch die Musik spielt im Alpenland.

          Auf der Ertragsseite hat sich die Situation gegenüber früheren Zeiten deutlich verbessert. Mit einem Halbjahresüberschuß von 649.552 Euro lag dieser um knapp ein Viertel über dem des Vorjahreszeitraums.

          Aktie hoch bewertet, aber steil im Aufwärtstrend

          Insgesamt hat Ricardo.de sozusagen eine Chance für einen Neuanfang erhalten und es sieht derzeit so aus, als ob das Unternehmen sie nutzen könnte. Ein anderes Thema ist indes die Bewertung der Aktie. Mittlerweile ist die Marktkapitalisierung auf rund 106 Millionen Euro gestiegen und entspricht damit mehr als dem Zehnfachen der für das laufende Jahr zu erwartenden Umsätze.

          Peilt man den Halbjahresüberschuß für das Gesamtjahr optimistisch über den Daumen, so kann man das Kurs-Gewinn-Verhältnis mit rund 70 veranschlagen. Somit ist die Bewertung auch bei richtig gutem Geschäftsverlauf sehr hoch.

          Zwar gibt es charttechnisch kaum etwas zu meckern. Die Aktie hat gerade erst am Dienstag ein neues Fünf-Jahres-Hoch aufgestellt. Weitere Rekorde werden aufzustellen, wird aber schwierig werden. Denn ebenso steil wie der Anstieg der vergangenen vier Monate verlief vor über fünf Jahren der Abstieg. Im März 2000 notierte das Papier mit 205 Euro noch nahe seinem Allzeithoch. Einen Monat später waren es 35 Prozent weniger. Im Monatsschnitt verlor die Aktie bis Dezember 70 Prozent. Der derzeitige Kursanstieg bringt es auf „66“ Prozent.

          Alles in allem scheint trotz der guten Entwicklung des Unternehmens schlicht die Bewertung der Aktie davonzulaufen. Das birgt die Gefahr, daß bei als enttäuschend aufgefaßten Nachrichten die Aufwärtsbewegung zusammenbricht. In diesem Fall aber ist eine erste Unterstützung erst bei rund sechs Euro zu erkennen. Das macht ein Investment riskant.

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