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Kohle- und Ölaktien : Was ist dieser Dreck wert?

Ein Kohlekraftwerk in Grevenbroich, Nordrhein-Westfalen. Aus den Kühltürmen kommt Wasserdampf, das austretende Kohlendioxid ist unsichtbar. Bild: Westend61 RM / vario images

Mit Kohle-, Gas- und Ölaktien wollen viele Anleger nichts mehr zu tun haben. Wenn das mal kein Fehler ist. Drei Szenarien für die Zukunft der Rohstoffaktien.

          5 Min.

          Es gibt einen neuen Konsens unter Großinvestoren. Er lautet: Finger weg von Aktiengesellschaften, die mit Kohle, Öl oder Gas ihr Geld verdienen. Im Frühsommer war es zunächst der norwegische Staatsfonds, der erklärte, in Zukunft nur noch in Ausnahmefällen in solche Unternehmen zu investieren.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Pünktlich zum Beginn des Pariser Klimagipfels hat auch der Versicherungskonzern Allianz werbewirksam angekündigt, innerhalb der nächsten sechs Monate seine Anteile an allen Firmen zu verkaufen, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erzielen oder die mehr als 30 Prozent ihrer Energie mit Kohle erzeugen. Das mag im Einzelfall eine knifflige Rechenoperation sein, ändert aber nichts an dem allgemeinen Trend: Investoren mit viel Einfluss und viel Geld (allein die Allianz verwaltet Anlagegelder in Höhe von 630 Milliarden Euro) wollen von Kohle- und Ölfirmen nicht mehr viel wissen.

          Dies freut natürlich viele Umweltaktivisten, die seit Jahren gegen solche Investments wettern. Sind die Großanleger nun also zur grünen Sache übergelaufen? Sicher nicht. Lukrative Investmentchancen, davon darf man getrost ausgehen, lassen Anleger dieses Kalibers nicht einfach so aus moralischen Gründen liegen. Nein, sie handeln in aller Regel nur dann, wenn sie eine große Gefahr heraufziehen sehen: dass sie in Zukunft mit einem Investment viel Geld verlieren könnten.

          Diese Sorge ist gerade mit Blick auf Kohle- und Ölfirmen gestiegen, seit ausgehend von Großbritannien (dem Sitz vieler Ölkonzerne) eine ungewöhnliche These immer mehr an Popularität gewinnt. Im Englischen hat sich dafür der schöne Name „stranded assets“ eingebürgert, was im Deutschen wesentlich weniger elegant mit „gestrandete Vermögenswerte“ übersetzt wird.

          „Stranded assets“

          Der Grundgedanke dahinter ist spektakulär: Kohle, Gas und Öl (auch als fossile Brennstoffe bezeichnet) sind, so das Argument, gar nichts oder zumindest nur noch sehr wenig wert, weil sie sich nicht mehr zu Geld machen lassen. Was zunächst kaum glaubhaft klingt: Schließlich galten Rohstoffkonzerne aller Art an der Börse lange Zeit als sichere Wette. Doch folgt man den Anhängern der „Stranded assets“-These, ist diese Zeit unwiederbringlich vorbei. Klimawandel und Treibhauseffekt, so führen sie ihr Argument weiter, machen es unmöglich, alle Brennstoffe auch wirklich zu fördern, die in der Erde lagern – sonst geht das Weltklima daran zugrunde.

          Sollten also beispielsweise in Paris wider Erwarten harte Klimaschutzmaßnahmen beschlossen werden, würde dies einen Teil der Öl- und Kohlereserven in den Bilanzen der Rohstoffkonzerne wertlos machen. In die Sprache der Finanzmärkte übersetzt, heißt das: Trotz der teilweise drastischen Kursverluste der jüngeren Vergangenheit sind solche Unternehmen immer noch hoffnungslos überbewertet. Ergo sollte man sie so schnell wie möglich verkaufen.

          Entscheidend ist, wie die Börse den Wert ermittelt

          Doch stimmt das wirklich? So viele Unterstützer die „Stranded assets“-These auch hat: Es gibt auch ernstzunehmende Kritiker. Dieter Helm beispielsweise, Professor an der Universität Oxford, hält die These zwar für elegant formuliert, spricht ihr aber das praktische Verständnis für die Finanzmärkte ab. Im Kern streiten sich beide Seiten um eine entscheidende Frage: Wie ermittelt die Börse den Wert von Kohle-, Öl- und Gasvorkommen? Nur dann lässt sich nämlich prognostizieren, was mit den Aktienkursen von Ölkonzernen wie Shell, von Rohstoffkonzernen wie BHP Billiton, aber auch von Energieversorgern wie RWE in Zukunft geschehen wird.

          Börsenprofis gehen an solche Aufgaben üblicherweise recht pragmatisch heran – das heißt mit kühler Mathematik. Ihre Grundfrage lautet immer: Welche Erträge wird eine Firma in Zukunft erzielen, und was sind diese Erträge heute schon wert?

          Da niemand die Zukunft kennt, schätzen die Experten die zu erwartenden Gewinne umso vorsichtiger, je größer die Risiken sind. Das heißt konkret: Wer etwa glaubt, dass mit der Kohleförderung schon in 15 Jahren Schluss ist, wird einer Aktie einen deutlich geringeren Kurs zugestehen als jemand, der einen Zeitraum von 30 Jahren für realistischer hält. Da sich die Investoren in dieser Einschätzung keineswegs einig sind, lohnt es sich, verschiedene Szenarien und ihre Folgen für die Börse einmal durchzuspielen.

          Szenario eins: Alle steigen aus

          Würden alle Investoren sogleich dem Beispiel der Allianz folgen und Rohstoffaktien verkaufen wollen, würde dies die Papiere in der Tat wertlos machen – denn in einem solchen Falle stünde ja niemand mehr auf der Käuferseite. Zu einer solch heftigen Reaktion der Investoren käme es beispielsweise, wenn die Regierungen der Welt gleichzeitig und von heute auf morgen das Ende der Kohle- und Ölförderung beschließen würden.

          Theoretisch ist das möglich. Aber in der Praxis ist es nur schwer vorstellbar, wie sich anhand weniger Zahlen verdeutlichen lässt. Auch wenn die Bedeutung von fossilen Brennstoffen für die Energiegewinnung zuletzt etwas abgenommen hat, kommt die Welt noch lange nicht ohne sie aus: 75 Prozent des weltweit erzeugten Stromes wird nach wie vor aus Kohle, Öl und Gas gewonnen. Und 95 Prozent aller Fahrzeuge fahren weiterhin mit Benzin oder Diesel. All das macht dieses Szenario sehr unwahrscheinlich.

          Eintrittswahrscheinlichkeit: 5 Prozent

          Szenario zwei: Alle bleiben drin

          Fände das Vorgehen der Allianz hingegen gar keine weiteren Nachahmer, würde dies bedeuten: Alle anderen Investoren halten Rohstoff- und Energieaktien weiterhin für eine lohnende Geldanlage. In diesem Fall würden sie also den Unternehmen und ihren Brennstoffreserven auch für die Zukunft einen gewissen Wert beimessen. Für die Börsenkurse wäre dies natürlich das angenehmste Szenario. Dass die Investoren allesamt unbeeindruckt bleiben vom Vorgehen eines großen Anlagehauses, scheint aber nur schwer vorstellbar.

          Klimaschutz ist innerhalb der Gesellschaft ein wichtiges Anliegen. Allein schon aus Sorge ums eigene Image werden darum weitere Anleger nachziehen. Zudem werden die Staaten der Welt den Klimaschutz in Zukunft mit Sicherheit noch stärker beachten, was in einigen Ländern zu strengeren Vorgaben führen kann, die Investoren üblicherweise gar nicht gerne mögen. All das macht dieses Szenario darum ziemlich unwahrscheinlich.

          Eintrittswahrscheinlichkeit: 10 Prozent

          Szenario drei: Einige steigen aus, einige nicht

          An der Börse gibt es eine bewährte Regel: Wenn die Mehrheit sich mit Blick auf die Entwicklung der Aktienkurse einig ist, fühlen sich immer auch Anleger aufgerufen, dagegen zu wetten – denn dies verspricht im Erfolgsfall eine höhere Rendite. So ähnlich könnte es auch bei Rohstoffaktien kommen. Zwar ist anzunehmen, dass mit der Zeit immer mehr Anleger den Glauben an diese Papiere verlieren, aber eben nicht abrupt, sondern erst nach und nach.

          Das Ende des Ölzeitalters mag aus historischer Perspektive nahe sein, doch handelt es sich dabei wohl eher um Jahrzehnte als um Jahre. Schon allein der gewaltige Energiehunger großer, schnell wachsender Staaten wie China und Indien wird sich nicht ohne weiteres durch andere Energiequellen abdecken lassen.

          Auch deswegen spricht einiges dafür, dass in Paris eine weiche Verpflichtung auf Klimaziele herauskommt, die den Staaten zwar eine Richtung weist, ihnen aber noch Spielraum lässt. Zeit genug also für nüchtern kalkulierende Investoren, um mit ausgewählten Rohstoffaktien weiter Geld zu verdienen. Dass von weiten Teilen der Gesellschaft geächtete Industrien an der Börse trotzdem gute Ergebnisse abliefern können, zeigt das Beispiel der Tabakproduzenten: In den vergangenen Jahren haben Firmen wie Philip Morris ihre Aktionäre mit kräftigen Kurszuwächsen erfreut. Dieses Szenario erscheint recht plausibel.

          Eintrittswahrscheinlichkeit: 85 Prozent

          Welche Aktien werden dann noch attraktiv sein?

          Tritt das dritte Szenario tatsächlich ein, stellt sich allerdings die Frage: Welche Aktien genau werden noch attraktiv sein? Denn längst nicht jedes Unternehmen wird unter diesen schwierigen Bedingungen gute Ergebnisse abliefern. Daniel Stelter von der Denkfabrik „Think beyond the obvious“ empfiehlt folgendes Vorgehen: „Anleger sollten sich auf die Firmen konzentrieren, die den Niedergang, den ihre Branche zwangsläufig erleben wird, am besten managen.“

          Reinen Kohleförderern traut Stelter dies nicht zu. Aber bei bestimmten Ölaktien sieht er Chancen. Die Börse ist zwar derzeit äußerst skeptisch gestimmt (siehe Grafik). Aber viele der Konzerne sind finanztechnisch betrachtet nach wie vor in keinem schlechten Zustand – mögen Aktienkurs und Ölpreis zuletzt auch stark gefallen sein. Die Ölfirma Shell beispielsweise musste zwar zuletzt einige Abschreibungen vornehmen, hat aber kaum Schulden und kann noch immer die Dividende für ihre Anleger sowie neue Investitionen locker aus dem laufenden Geschäft finanzieren.

          Hier lassen sich also, wie es im Finanzjargon so schön heißt, noch deutliche Reserven heben, um die Kosten zu senken und auch mit einem niedrigeren Ölpreis zurechtzukommen. Zumal dieser ja nicht zwangsläufig so niedrig bleiben muss wie derzeit. Wenn sich die Förderung wegen des tiefen Preises nur noch für große Anbieter lohnt, sich andere aber aus dem Markt verabschieden müssen, führt dies am Ende zu weniger Förderung und wegen des knapperen Angebots auch wieder zu einem höheren Ölpreis. Gut möglich, dass am Ende gar mancher Großinvestor noch einmal ins Grübeln gerät.

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