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Die Deutschen kaufen keine Aktien : Dax-Rekord, und keiner geht hin

Am 25. Oktober überspringt der Dax erstmals in seiner Geschichte die Marke von 9000 Punkten. Ein Grund dafür ist die sehr lockere Geldpolitik der Notenbanken Bild: AP

Die Börsenkurse steigen und steigen, doch die Deutschen haben davon nichts: Aktien fassen sie nicht an. Das hat seine Gründe.

          Mitgezählt hat am Ende niemand mehr. Zu oft gab es in diesen Tagen neue Bestwerte, zu häufig hieß es „Rekord, Rekord“. Nahezu täglich schwingt sich der deutsche Aktienindex derzeit zu neuen Höchstständen auf – die noch zu Jahresanfang als unerreichbar geltende Barriere von 9000 Punkten hat der Dax mit Leichtigkeit übersprungen, nun nehmen die ersten bereits die nächste Marke in den Blick: 10.000 Punkte.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Alles scheint möglich in diesen Wochen, in denen sich Deutschlands wichtigster Aktienindex so stark präsentiert wie nie zuvor. In Zahlen sieht die Erfolgsgeschichte so aus: Zugewinn seit Jahresanfang: 18 Prozent. Zugewinn im vergangenen Jahr: 29 Prozent. Macht zusammen: eine der größten Aktienrallys in der deutschen Geschichte.

          Es sind Unternehmen wie der Autobauer BMW oder der Chemiekonzern BASF, deren Kurse derzeit nach oben schießen – Firmen, die fast jeder Deutsche kennt. Und doch ist hierzulande nichts zu spüren von einer Begeisterung für deren Aktien, im Gegenteil: Zu einem Zeitpunkt, zu dem viele deutsche Unternehmen ihr bestes Börsenjahr aller Zeiten hinlegen, wenden sich die Deutschen von der Börse ab. Gerade einmal 9,4 Millionen Bundesbürger besitzen Aktien oder Aktienfonds, das sind weniger als im Jahr 2012. Die Zahl der direkten Aktionäre ist noch niedriger – sie liegt mit 4,9 Millionen Menschen bei gerade einmal 7,5 Prozent der Bevölkerung. Kurz gesagt: Die Börse boomt – und die Deutschen sind nicht dabei. Es kaufen stattdessen die anderen. Gut zwei Drittel der Anteile an allen Dax-Konzernen halten Ausländer, darunter viele amerikanische Investmenthäuser. Sie sind es vor allem, die von Deutschlands Aktienaufschwung profitieren.

          Den Deutschen sind Aktien zu kostspielig

          Sind wir ein Volk von Angsthasen? Mögen die Gründe für das Investieren in Aktien noch so überzeugend sein, mag man uns noch so häufig vorrechnen, dass angesichts der aktuellen Niedrigzinsen nur Aktien ausreichende Renditen einbringen – am Ende bleibt der Unterschied zu anderen Nationen frappierend: Mehr als die Hälfte aller Amerikaner besitzt Aktien, gut ein Drittel der Niederländer und immerhin rund ein Fünftel der Schweden. Das kann nicht einfach daran liegen, dass die Deutschen schlechtere Nerven haben. Oder etwa doch?

          Wer sich auf die Suche nach den Gründen für die Aktienphobie der Bundesbürger macht, hört zumindest das Argument immer wieder: Die Deutschen seien eben von Natur aus besonders risikoscheu. Ein großer Blödsinn sei das, findet Andreas Hackethal, Finanzprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität. Hackethal hat die deutsche Aktienunlust in mehreren Studien untersucht – und ist dabei zu einem klaren Ergebnis gekommen: Wenn sich Menschen auf etwas nicht einlassen, kann es aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht nur einen Grund dafür geben – die Sache ist ihnen zu teuer. Mit anderen Worten: Den Deutschen sind Aktien schlicht zu kostspielig.

          Aber kann das stimmen? Schließlich kann jeder heutzutage ohne Schwierigkeiten ein kostengünstiges Online-Depot eröffnen, schließlich ist das Handeln von Aktien auch für Privatanleger ohne hohe Gebühren möglich. Es müssen also andere Kosten sein, um die es sich handelt – in der Ökonomie hören sie auf einen umständlichen Namen: Informationskosten. Damit ist gemeint: Es erscheint vielen Deutschen schlicht zu aufwendig, ihre Zeit in das Verstehen des Aktienmarktes zu investieren. Dies hat vor allem damit zu tun, dass es jahrzehntelang eine vermeintlich bequemere Form der Vorsorge gab, bei der man selbst gar nichts machen musste – die gesetzliche Rentenversicherung.

          Deutsche Unternehmen bevorzugten Bankkredite

          Die ist zwar im Detail auch nicht immer leicht zu begreifen. Doch lange Zeit vertrauten die Deutschen ohne größere Sorgen auf deren Umlageverfahren: Jede Generation zahlte die Rente ihrer Eltern und konnte sich sicher sein, dass ihre Kinder dies auch eines Tages tun würden. Davon ließ sich im Ruhestand einigermaßen leben, warum also sich um so etwas Komplexes wie die Geldanlage in Aktien kümmern? Allerdings: Gänzlich darauf verlassen haben sich die Deutschen dann doch nie. Schon immer gehörten sie zu den Sparweltmeistern, zahlten beachtliche Summen auf ihre Sparbücher ein. Aber auch das war ein einfacherer und bequemerer Weg als ein Aktieninvestment.

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