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Rezension : „Die Abzocker“

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Die Abzocker, Till Freiberg Bild: DVA

Wer bei „unabhängiger Finanzberatung“ an Objektivität denkt, der täuscht sich schwer. Till Freiberg blickt hinter die Kulissen des Metiers.

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          Wer hat sie noch nicht gelesen, die Anzeigen in den Wochenendausgaben der Tageszeitungen: „20.000 Euro im Monat verdienen - kein Problem. Seriöse Beratungstätigkeit mit unbegrenzten Einkommensmöglichkeiten“.

          Solange sie im Kleinanzeigenteil erscheinen, kann sich beinahe jeder denken, was dahinter steckt. In der Regel eher unseriöse, manchmal vielleicht sogar kriminelle Angebote.

          Ganz anders der Eindruck, wenn eine entsprechende Offerte im Stellenmarkt einer überregionalen Zeitung mit beachtlicher Grösse prominent platziert ist. Finanzplaner, Financial Consultants oder schlicht Unternehmensberater gesucht, heisst es da manchmal so schön. Bei Eignung winkt eine adäquate lukrative Bezahlung. Gesucht werden bevorzugt Akademiker, die an einer selbständigen Tätigkeit interessiert sind und frei über ihren Arbeitseinsatz - und damit ihr Einkommen - entscheiden möchten. Der Traum vieler normaler Arbeitnehmer und ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

          Mythos "Unabhängige Finanzberatung"

          Die Mehrheit der Bevölkerung kennt sich in Fragen der Finanzplanung, der Geldanlage und dem Vermögensaufbau nicht so sonderlich aus. Auf das Thema angesprochen kommt Unsicherheit, teilweise sogar Zukunftsangst auf. Nichts scheint verlockender, als sich "unabhängig" beraten zu lassen. Beinahe jede(r) Versicherung, Bank, Vermögensberater, Wirtschaftsdienst, Finanzvertrieb oder Sparkasse hat sich - zumindest offiziell - genau das auf die Fahne geschrieben.

          Aber was soll man von diesem Versprechen halten? - Nichts! Zumindest wenn es nach Till Freiberg geht, der unter diesem Pseudonym in seinem Buch "Die Abzocker" seine gesammelten Erfahrungen als Finanzberater wiedergibt und dabei einen tiefen, erleuchtenden Einblick in dieses ansonsten sehr undurchsichtige Gewerbe gibt.

          „Hauen sie rein oder hauen sie ab“

          Mit dem Versprechen wirtschaftlicher Vorteile machen Heerscharen von „Beratern“ Jagd auf Anleger und kassieren bei der Vermittlung ihrer Produkte jährlich etwa zwei Milliarden Euro Provisionen ab. „Wir kriegen sie alle“, lautet einer der Schlachtrufe des Metiers, für die „Berater“ selbst heißt das „Hauen sie rein und bringen Kunden bei oder hauen sie ab“.

          Dabei sieht die Realität alles andere als glänzend aus. So dient das „Auswahlverfahren“ vor der Einstellung weniger dazu, Intelligenz oder gar Fachwissen zu testen. Sondern es ist in erster Linie dazu da, das soziale Umfeld des Bewerbers zu durchleuchten. Genommen wird nicht, wer für einen Job dieser Art geeignet wäre, sondern der, der auf Grund seines großen Bekanntenkreises möglichst viel potenzielle Neukunden verspricht.

          Die eigentliche „Beratungstätigkeit“ besteht dann vor allem in der Erhebung vertraulicher Daten und neben dem Verkauf von in der Regel hauseigengen Produkten - denn die versprechen die höchste Provision - zur Anwerbung von neuen Mitarbeitern. Diese werden dann wiederum angehalten, den möglichst großen Verwandten- und Bekanntenkreis abzugrasen.

          Die „Großen“ kassieren - die „Kleinen“ vegetieren

          Das mag unglaublich klingen, aber genau das ist das Prinzip vieler der sogenannten unabhängigen Finanzdienstleister: Möglichst viele Mitarbeiter anzuwerben, die nach dem Verkauf der Produkte an dessen Umfeld wieder fallen gelassen werden wie heiße Kartoffeln. Ist das Unternehmen strukturell aufgebaut wie eine Pyramide, so ist jeder Vertriebler bemüht, durch Gewinnung eigener Mitarbeiter möglichst viel Umsatz zu generieren. Wer dabei gut ist, rückt nach oben und wird an den Umsätzen der darunter liegenden Hierarcheistufen beteiligt. Dabei bleiben „oben“ erkleckliche“ Summen hängen, während die Arbeitsbienen der untersten Stufe in der Regel am Rande des Existenzminimums arbeiten und nicht selten hoch verschuldet sind. Denn repräsentative Klamotten und Autos müssen sein, werden aber keinesfalls von der Firma bezahlt.

          Mit vielen anderen Details und den dabei selbst erlebten Emotionen erzählt Freiberg seine Erfahrungen bei Strukturvertrieben wie AWD, Tecis, Deutscher Vermögensberatung, MLP oder wie immer sie auch heißen mögen. Dass er dabei diese Namen nicht offen angibt und unter Pseudonym schreibt deutet auf die „Härte“ des Metiers hin, erhöht aber damit die Spannung. Prädikat: lesenswert.

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