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TF Bank sagt IPO ab : Deutschland kann keinen Börsengang

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Der Börsengang der Ebay-Tochter Paypal war an der New Yorker Nasdaq ein RIesenereignis. In Deutschland ist der letzte große Börsengang schon länger her. Bild: Reuters

Die schwedische TF Bank hat ihren für Freitag geplanten Börsengang in Frankfurt abgesagt. Für den Herbst haben weitere Unternehmen den Gang aufs Parkett vor. Experten warnen aber schon vor einer möglichen Blase bei der Bewertung von Internet-Start-Ups.

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          Deutschland und seine Börsengänge - ein nicht gerade euphorisches Thema an den heimischen Finanzmärkten. Zwar gab es zuletzt einige Unternehmen, die den Wunsch äußerten oder die Absicht ankündigten, den Gang auf das Parkett zu wagen. Doch die meisten machten einen Rückzieher. Das Marktumfeld sei schlecht oder zu nervös, hieß es immer wieder. Der jüngste Fall der schwedischen TF-Bank zeigt es einmal mehr: Deutschland kann offenbar keinen Börsengang mehr.

          Mit dem Rückzieher der Bank ist der erste Börsengang nach der Sommerpause geplatzt. Am letzten Tag der Zeichnungsfrist wurde das Projekt storniert: Grund seien die starken Schwankungen an den Kapitalmärkten im In- und Ausland. Mit der TF-Bank selbst habe die Absage nichts zu tun. Das Institut habe keine Eile damit, die Emission im Prime Standard nachzuholen. Das skandinavische Unternehmen wollte bis zu 198 Millionen Euro mit dem Börsengang einsammeln, maximal 57 Millionen davon sollten an die Bank selbst gehen, der Rest an die Eigentümer, schwedische Familien. Die TF Bank hatte sich den finnischen  Kleinkredit-Anbieter Ferratum zum Vorbild genommen, der Anfang des Jahres ein erfolgreiches Börsendebüt in Frankfurt gefeiert hatte und inzwischen im Kleinwerteindex S-Dax gelistet ist.

          Inwieweit das Scheitern der TF-Bank ein Vorzeichen für weitere Absagen von Börsengängen ist, bleibt abzuwarten. Für den Herbst sind immerhin mehrere große Börsengänge in Frankfurt in Vorbereitung. Die Bayer-Kunststoffsparte Covestro und das Online-Kleinanzeigenportal Scout24 haben ihre Pläne bereits öffentlich gemacht. Aber auch der Baustoffhersteller Xella gilt als aussichtsreicher Kandidat, ebenso Hapag-Lloyd: Die Hamburger Containerreederei will laut einem bericht des „Hamburger Abendblatts“ bis Mitte November an der Börse notiert seien.

          Die Eigner, vor allem die chilenische CSAV, die Stadt Hamburg und der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne, hatten einen Börsengang von guten Geschäftszahlen und einem passenden Börsenklima abhängig gemacht. Die gescheiterte Emission der TF-Bank ist allerdings kein guter Klimabote.Wie das „Abendblatt“ berichtet, könnte der Schifffahrtskonzern mit rund fünf Milliarden Euro bewertet werden. Zunächst solle eine Minderheitsbeteiligung von 20 Prozent ausgegeben werden. Der Reisekonzern Tui und andere kleinere Anteilseigner hätten zudem das Vorrecht, ihre Aktien zu veräußern. Die Ankeraktionäre müssten ihre Anteile hingegen zunächst behalten.

          Experten warnen vor möglicher Bewertungsblase

          Als einer der nächsten Börsenkandidaten gilt auch der Lebensmittel-Versand „Hello Fresh“ aus der Berliner Startup-Fabrik Rocket Internet. Nach dem Einstieg des britischen Fondsanbieters Baillie Gifford wird das erst vor vier Jahren gegründete Startup-Unternehmen nun rechnerisch mit 2,6 Milliarden Euro bewertet. Damit hat sich der Firmenwert seit Februar mehr als vervierfacht. Baillie Gifford, das auch an Rocket und am Modeversender Zalando beteiligt ist, bekam für 75 Millionen Euro gerade einmal drei Prozent an Hello Fresh. Von der Wertsteigerung profitiert vor allem Rocket Internet, das  57 Prozent an Hello Fresh hält. Der Wert seiner Beteiligung schnellt auf einen Schlag auf 1,1 Milliarden von 400 Millionen Euro. Der Kurs der Rocket-Aktie schoss zeitweise um gut 15 Prozent nach oben.

          Hello Fresh zählt damit zu den sogenannten "Unicorns" (Einhörner) - im Finanzjargon sind das Start-Up-Firmen, deren Bewertung eine Milliarde Dollar übersteigt. In Europa ist dies eher selten der Fall. Die Bewertung des Unternehmens entspricht in etwa dem des im M-Dax notierten Werkzeugmaschinenbauers DMG Mori (früher Gildemeister).

          Experten warnen daher auch vor einer möglichen Blase bei der Bewertung von Internet-Start-Ups. Im vergangenen Jahr hatte Hello Fresh den Umsatz auf 70 Millionen Euro fast verfünffacht. Die beeindruckenden Wachstumsraten lassen sich aber nur auf diesem niedrigen Niveau erzielen. DMG Mori Seiki erzielte im Geschäftsjahr 2014 rund 2,2 Milliarden Euro Umsatz und damit mehr als das Dreißigfache.

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