https://www.faz.net/-gv6-6jyhc

Deutschland 2040 : Die Gewinneraktien der Zukunft

Bild: Bengt Fosshag

Bald werden die Deutschen vor allem ein Volk der reisenden Rentner sein, die ökologisch korrekt leben. Das bringt zwar Belastungen für die Wirtschaft, doch tun sich auch neue Milliardenmärkte auf.

          Viele Atomkraftwerke sind schon abgestellt. Windkraft, Biomasse und Solarzellen haben sich zu bedeutenden Energielieferanten in Deutschland entwickelt. Die meisten neuen Autos fahren nur noch mit Strom oder Wasserstoff und teilen sich mit den älteren Benzinkutschen die Straßen.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rente gibt es jetzt erst ab 67, und trotzdem fehlen Arbeitskräfte. Denn die deutsche Bevölkerung schrumpft und die junge besonders stark. China ist Amerika als größte Wirtschaftsnation der Welt dicht auf den Fersen und an Deutschland schon lange vorbeigezogen. Genauso wie Indien. Und Brasilien drängt schon.

          Geld verdienen in der Kristallkugel

          So könnte ein Szenario für Deutschland und die Welt in 30 Jahren aussehen. Genau weiß das natürlich keiner. Aber viele beschäftigen sich damit: Zukunftsforscher wie die Baseler Prognos AG oder das Zukunftsinstitut in der Nähe von Frankfurt, Universitäten und Unternehmensberatungen, die Firmen fit für die Zukunft machen wollen.

          Selbst manch ein Fondsmanager schaut sehr weit in die Zukunft und versucht, mit den Trends der nächsten Jahrzehnte Geld zu verdienen ( vgl. auch Komprimierte Zyklen und beschleunigte Zeit). Auch Privatanleger mit langem Atem können auf diese Trends setzen. Und davon profitieren, denn jede Entwicklung birgt Chancen für Unternehmen und ihre Aktien.

          Das ist natürlich riskant, weil viele Annahmen getroffen werden müssen. Aber ein paar Trends sind sehr wahrscheinlich: Die Lebenserwartung steigt, die Deutschen werden älter und ihre Zahl kleiner. Dafür wird das Land mehr Rentner haben als bisher. Der Klimawandel wird sich verstärken und die Menschen zu ökologischerer Fortbewegung und Energieerzeugung zwingen. Und die Schwellenländer werden sich weiter entwickeln, Wohlstand aufbauen und den Abstand zu den Industrieländern verkleinern.

          Hörgeräte und Kliniken

          Schon strittiger ist, welche Branchen und vor allem welche Unternehmen von diesen Trends profitieren werden. Dazu gehört natürlich der Gesundheitssektor, der von einer alternden Gesellschaft verstärkt in Anspruch genommen wird. Hier profitieren Medizintechnikhersteller wie die Orthopädiekonzerne Synthes aus der Schweiz oder Stryker aus den Vereinigten Staaten. Oder der Hörtechnikproduzent Sonova.

          Auch Kliniken wie Rhön Klinikum, Pflegeheime und die Pharmafirmen werden begünstigt. Aber schon hier sind die Wetten nicht mehr so eindeutig: Die Kliniken geraten unter verschärften Wettbewerbsdruck, und eine Pharmafirma ist nur dann der Gewinner, wenn die Zulassung der Medikamente nicht scheitert, wie das immer wieder passiert.

          Das Leben, ein Road-Movie

          Auch die Bedeutung der Fortbildung wird weiter zunehmen. Da die Menschen in ihrem Leben länger arbeiten, müssen sie ihr Wissen häufiger auffrischen. „Das erfordern auch die immer kürzer werdenden Arbeitsverhältnisse“, betont Andreas Steinle, Geschäftsführer des privaten Zukunftsinstituts: Wer einen neuen Job bekommen will, müsse auf dem neuesten Stand sein. Bildungseinrichtungen werden davon profitieren. Nur die wenigsten von ihnen sind derzeit allerdings börsennotiert. Die zunehmende Privatisierung dürfte das allerdings künftig ändern.

          Ständig neue Jobs werden auch dazu führen, dass die Leute nicht mehr jedes Mal umziehen. „Sie pendeln häufiger. Die Gesellschaft wird mobiler“, sagt Steinle. Gut für eine dann vielleicht börsennotierte Bahn und die Autoindustrie. Die profitieren auch von der Demographie.

          Denn auch wenn ältere Menschen an sich immobiler sind, wollen die künftigen Rentner stärker reisen. Mit 67 sind sie ja noch fit und haben 20 Jahre Ruhestand vor sich. Touristikkonzerne und Kreuzfahrtanbieter wie Carnival werden das positiv spüren. Genauso wie Fluggesellschaften, Flughäfen und im Ausland auch Autobahnbetreiber wie etwa die französische Autoroutes Paris-Rhin-Rhône. Die weiter zunehmende Globalisierung hilft ihnen zusätzlich. Allerdings bleiben die steigenden Energiepreise eine Bedrohung.

          Nur Spezialisierung hält Exportindustrien am Laufen

          Und was wird aus den Vorzeigebranchen Deutschlands? „Maschinenbau, Chemie und Elektrotechnik werden weiter eine führende Rolle in der Welt spielen“, sagt Michael Böhmer von Prognos. Denn Deutschland bleibt innovationsstark und wird noch stärker zur Exportnation. „Eine Deindustrialisierung Deutschlands droht nicht.“ BASF, Siemens und die vielen mittelgroßen Maschinenbauer dürften daher interessante Aktien bleiben.

          Aber die Branchen müssen sich spezialisieren. Spezialmaschinenbau und Spezialchemie sind die Zukunft. „Die Massenproduktion wird weiter aus Deutschland in billigere Länder abwandern“, erwartet Daniel Stelter, Partner der Boston Consulting Group. Das werde auch einen Teil der deutschen Autoindustrie treffen. „Die Flucht lässt aber etwas nach, denn in Osteuropa und Asien schwinden die Kostenvorteile wegen der steigenden Löhne.“

          Die deutsche Industrie wird auch nur wettbewerbsfähig sein, wenn sie ihre Produktion weiter automatisiert. Denn zum einen werden die Arbeitskräfte wegen der Demographie und Abwanderung ins Ausland weniger, zum anderen wird die Arbeit im Vergleich zu den Schwellenländern teuer bleiben. „70 Prozent des Wirtschaftswachstums werden durch Produktivitätsfortschritte erzielt. Nur 30 Prozent sind Folge der Bevölkerungszunahme“, sagt Gunnar Friede, Fondsmanager des DWS Invest Global Equities, der seine Investments an Zukunftstrends ausrichtet.

          Und unsere üppig mit Subventionen gepäppelten Solarzellenhersteller und Windkraftbetreiber? Sie bekommen schon im Jahr 2010 Druck aus China. Auch sie werden sich spezialisieren müssen. Nur durch einen Wissensvorsprung können sie gegenüber Asien bestehen. Die Massenproduktion etwa von Solarzellen dürfte hingegen 2040 schon lange aus Deutschland abgewandert sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.