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Vertrauen in Aktienkurse : Wo die Deutschen irren

  • -Aktualisiert am

Viele sehen die Börse als Ort der reinen Spekulation. Dabei ist sie realwirtschaftlich fundiert. Bild: Wolfgang Eilmes

Aktien sind langfristig immer gestiegen. Warum vertrauen so wenige den Unternehmen? Vielen fehlt es an Vorstellungskraft und Mut. Dabei werden die langfristigen Anleger bisher belohnt.

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          Manche Zahlen machen selbst Börsianer ein wenig schwindelig. Ein Kursplus von 5200 Prozent zum Beispiel. Diese Veränderung schaffte der Dax-Wert Infineon seit dem Finanzkrisen-Tief vor acht Jahren. Der Wert des Unternehmens hat sich an der Börse seither also mehr als verfünfzigfacht. ProSieben Sat1 kommt auf den Faktor von 38, Continental von 16. Und auch der Dax selbst hat sich seither um den Faktor 3,6 auf nun fast 13000 Punkte erhöht. Höchste Zeit also für eine Korrektur? Gar für einen Crash an der Börse?

          Rückschläge werden ohne Zweifel kommen. Aber ist es sinnvoll, ängstlich darauf zu warten, gar darauf zu spekulieren? Auf einen glücklichen Zeitpunkt zu warten war noch nie ein guter Ratschlag am Aktienmarkt. Denn seit es Aktien gibt, sind sie im Trend stets gestiegen. Sonst befänden sie sich nicht auf Rekordhochs.

          Deutsche unterschätzen Innovationskraft

          Trotzdem kauft hierzulande kaum jemand Aktien. Selbst die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank hat nicht zu einem Umdenken geführt. Eine Ursache für das mangelnde Zutrauen in Aktien ist die begrenzte Vorstellungskraft der Menschen. Sie können sich zwar sehr gut vorstellen, was alles einmal nicht mehr sein wird. Dafür kennen sie genug Beispiele aus der Vergangenheit.

          Der F.A.Z.-Aktienindex war früher zum Beispiel geprägt von Bergbauunternehmen. Schwierigkeiten macht es den Menschen indes, sich vorzustellen, was einmal künftig kommen könnte. Dadurch unterschätzten sie chronisch die Innovationskraft der Unternehmen – und damit ihre Fähigkeit, Gewinne zu erwirtschaften und damit die Basis für eine gute Aktienkursentwicklung zu legen. Wer hätte zum Beispiel vor zehn Jahren gedacht, dass die wertvollsten Unternehmen der Welt heute Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook sein würden?

          Eine Frage der Lebenseinstellung

          Zwar ist ein Kursplus von 5200 Prozent für Infineon außerordentlich. Doch die Gewinne des Unternehmens sind ähnlich stark gestiegen. Das Verhältnis von Aktienkurs zu Gewinn (KGV) beträgt rund 20. Das ist für ein Technologieunternehmen kein abenteuerlicher Wert. Auch die anderen Dax-Unternehmen sind moderat bewertet. Für den Index selbst beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Gewinnschätzungen für das laufende Jahr 14 und liegt damit im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Die Innovationskraft und Gewinnstärke der Unternehmen haben den Aktienaufschwung der vergangenen Jahre also solide unterfüttert.

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          Die entscheidende Frage für ein Engagement in Aktien ist damit: Traue ich den Unternehmen und ihren Mitarbeitern technologische Neuerungen zu, mit denen sie im Wettbewerb nicht nur bestehen, sondern am besten an der Spitze liegen sollten? Das lässt sich im Detail natürlich kaum beantworten und das muss es auch gar nicht. Es ist vielmehr eine Frage der Lebenseinstellung. Daher ist es kein Wunder, dass die oft skeptischen Deutschen nur zu 7 Prozent Aktien besitzen. Diese Skepsis teilt die deutsche Politik. Hätte sie mehr Zutrauen in die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft, würde sie sich leichter tun, den demographischen Herausforderungen des Rentensystems auch mit Hilfe des Kapitalmarkts zu begegnen und den zweifelnden Menschen einen kleinen Schubs in Richtung Aktien zu geben. In optimistischeren Ländern sind Beteiligungen an Unternehmen weit stärker verbreitet und wichtiger Baustein der Altersvorsorge.

          Börse ist realwirtschaftlich fundiert

          Wenn aber der Blick nach vorn die meisten Menschen zweifeln lässt, so sollten sie doch wenigstens aus dem Blick zurück Mut schöpfen. Fast alle Dax-Aktien liegen seit Gründung des Index vor 30 Jahren satt im Plus. Der deutsche Aktienmarkt hat in den vergangenen 70 Jahren durchschnittliche jährliche Renditen von mehr als 8 Prozent erbracht. Die Historie des amerikanischen Aktienmarktes reicht deutlich weiter zurück und zeigt seit 200 Jahren hohe Renditen.

          Natürlich steckt in Aktienkursen immer eine Spekulation über mögliche Entwicklungen in der Zukunft. Und da die Zukunft ungewiss ist, sind Aktienkurse Schwankungen unterworfen. Die Börse ist aber keine Spekulationsblase, wie viele meinen, sondern realwirtschaftlich fundiert. Das zeigen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse im Dax, aber auch die positiven Einschätzungen der Unternehmen zur aktuellen Lage und zu den Geschäftsaussichten, wie sie im Ifo-Index zum Ausdruck kommen.

          Jahrzehntelanges Vertrauen wird belohnt

          Es mag hier und da Übertreibungen geben, aber einen generellen Exzess am Aktienmarkt gibt es derzeit nicht. Börsengänge bleiben rar, weil die Investoren nicht blind alles kaufen, was man ihnen anbietet, sondern genau auf die Preise achten und streng selektieren. Das ist ein gutes Zeichen für den Aktienmarkt und die Stabilität seines Aufschwungs.

          Es ist ein Irrtum der Deutschen, wenn sie Horrorgeschichten über ruinöse Kursverluste für den Regelfall halten. Vielleicht stehen ihnen zu selten Gegenbeispiele gegenüber. Da geht es um Leute, die 1980 für wenige tausend Mark Aktien gekauft haben und heute allein mit den Dividenden ihre Rente im Monat um mehrere hundert Euro aufbessern können. Das sind keine Zocker. Sie wurden einfach nur für ihr jahrzehntelanges Vertrauen in die deutsche Wirtschaft und die Innovationskraft der Mitarbeiter in den Unternehmen belohnt.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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