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Deutsche Börse : Scale soll der bessere „Neue Markt“ werden

Christine Bortenlänger (Mitte) und Hauke Stars (rechts) läuten die Eröffnungsglocke. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Deutsche Börse nimmt einen neuen Anlauf, kleine und mittelständische Unternehmen für den Kapitalmarkt zu begeistern. Ein Déjà-vu für ältere Börsianer. Welche Änderungen gibt es diesmal?

          4 Min.

          Fast auf den Tag genau 20 Jahre ist es her, da schuf die Deutsche Börse den Neuen Markt. Zur Eröffnung des neuen Börsensegments Scale könnten wir den damals zum Neuen Markt erschienen Artikel fast unverändert wieder ins Blatt heben. Die Ankündigungen gleichen sich aufs Wort. Wachstumsorientierten, jungen Unternehmen soll ein besserer Zugang zu Eigenkapital geschaffen werden, hieß es damals vom Börsenvorstand Reto Francioni und Wirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP) und heute von den Nachfolgern Carsten Kengeter und Brigitte Zypries (SPD). Die Äußerungen waren damals wie heute richtig. Die Probleme bestehen bis heute.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          An die Geschehnisse, die sich im Neuen Markt von 1997 bis 2003 ereigneten, will die Börse heute natürlich nicht mehr erinnert werden. Ausschließen kann sie eine Wiederholung aber natürlich auch mit Scale nicht. Ursprüngliche Vorstöße aus dem Bundeswirtschaftsministerium für einen Neuen Markt 2.0 wurden daher auch zunächst von der Börse zurückgewiesen. Doch die Idee wurde weiterverfolgt und lebt nun in Scale wieder auf. „Die Qualitätsmerkmale werden sich schnell bekanntmachen“, sagt Kengeter am Mittwoch auf dem Börsenparkett zur Scale-Eröffnung. „Wir bauen ein Ökosystem für Wachstum, damit aus guten Ideen Wohlstand und Arbeitsplätze entstehen.“ Kengeter wirkt dabei fast wie befreit von der Last der Börsenfusion. „Wir bedauern die Entscheidung der London Stock Exchange, aber wir sind auch so für die Zukunft gut gerüstet und hervorragend aufgestellt.“ Das könne an den sehr, sehr guten Geschäftszahlen abgelesen werden. „Stehenbleiben ist keine Option, unser Blick geht nach vorne“, sagt Kengeter. Ein beachtlich schneller Schwenk vom geplanten globalen Börsenchampion in die Niederungen der Zulassungsvoraussetzungen zu Börsensegmenten.

          Scale umfasst zu Beginn 37 Aktiengesellschaften. Manche sind Pennystocks wie die MIC AG mit knapp 14 Millionen Euro Börsenwert. Andere waren früher schon im Neuen Markt wie Mensch und Maschine und Beta Systems. Mit dabei ist aber auch ein milliardenschweres Unternehmen wie die Immobiliengesellschaft Grand City Properties. Branchenschwerpunkte gibt es nicht. Auch sind die Unternehmen nicht alle jung oder besonders wachstumsstark. Ihnen allen ist aber gemeinsam, dass sie die Zulassungsvoraussetzungen erfüllt haben: mindestens zehn Millionen Euro Umsatz, Ausweis eines Jahresüberschusses und eines positiven Eigenkapitals und die Beschäftigung von wenigstens 20 Mitarbeitern. Drei dieser vier Kriterien müssen erfüllt sein. Solche unternehmensspezifischen Kennziffern waren beim Neuen Markt nicht gefordert. Zudem müssen die Unternehmen wenigstens zwei Jahre bestehen und einige weitere Kriterien erfüllen.

          Die Börse versucht ihnen mit dem neuen Segment Scale eine erhöhte Aufmerksamkeit zu verschaffen. Demnächst soll dazu auch ein Index eingeführt werden. Die Unternehmen müssen dafür höhere Gebühren zahlen als vorher im Entry Standard: 5000 Euro im Quartal statt vorher im Jahr und für die Aufnahme einmalig je nach Größe 20.000 bis 89.000 Euro statt 1500 Euro. Dafür bezahlt die Börse aber auch die Analyse, die von den Häusern Morningstar und Edison verpflichtend zu allen Unternehmen angefertigt werden müssen.

          Deutsches Aktieninstitut ist erfreut

          Das Deutsche Aktieninstitut freut sich über Scale. „Wir haben das gemeinsame Ziel, die Aktienkultur zu fördern“, sagt Christine Bortenlänger, geschäftsführender Vorstand des Aktieninstituts, in ihrer Eröffnungsrede. „In den Vereinigten Staaten läuft der Wachstumsmotor Börse erfolgreich, diesen Motor müssen wir auch in Europa ankurbeln.“ Mehr Börsengänge in Deutschland zu generieren ist daher das eigentliche große Ziel von Scale. Die Börse hat dazu vor eineinhalb Jahren das Deutsche Börse Venture Network geschaffen, über das noch nicht börsennotierte Unternehmen mit Investoren in Kontakt kommen können. Mit Va-Q-Tec gelang bisher einem Unternehmen aus dem Netzwerk ein Börsengang.

          „Jeder sozialwissenschaftliche Unterricht sollte sich mit Scale beschäftigen“, fordert Alfred Platow, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Ökoworld AG, einer Fondsgesellschaft mit rund 900 Millionen Euro Anlagesumme ausschließlich in Aktien. „Wir unterstützen es sehr, das Thema Aktien zu fördern und dabei den Mittelstand in den Fokus zu stellen.“ Ökoworld gehört nicht zu den Startmitgliedern von Scale, eine Aufnahme steht aber kurz bevor. „Wir müssen für die Akzeptanz unternehmerischen Tuns etwas leisten“, sagt Platow. Er ist stolz darauf, im vorvergangenen Jahr 770.000 Euro Gewerbesteuer an seine Stadt Hilden gezahlt zu haben und 60 Mitarbeiter zu beschäftigen. „Die Unternehmen müssen sich gerne und sichtbar an der Sozialpartnerschaft dieses Landes beteiligen.“ Vom nächsten Schuljahr an wird Platow den Unterricht am Helmholtz-Gymnasium in Hilden im Fach Steuern, Finanzen, Recht finanzieren. „Wir machen da keine Werbung und stellen kein Unterrichtsmaterial, aber es gibt mehr als Sinn, die Bildung der jungen Menschen in diesen Themen zu erhöhen.“ Das Konzept von Scale schätzt Platow sehr. „Die Börse hat hochwertige Kriterien gewählt, das ist sehr gut. Die Allgemeinheit soll erfahren: Was ist das für eine Firma?“, sagt Platow. Auch das Konzept mit den neutralen Analysehäusern Morningstar und Edison findet er gut. „Ich habe lange mit den Vertretern von Edison telefoniert, die haben ein interessantes Konzept und sind selbst Investmentfondsmanager mit viel Verständnis für die Börse.“

          Wie der Entry Standard für Aktien wird auch das bisherige Mittelstandssegment der Deutschen Börse für Anleihen abgeschafft, und die Unternehmen können auf Antrag in Scale wechseln. Neun Anleihen von sieben Unternehmen sind zum Start dabei. Das Analysehaus Scope lobt den „vertrauensbildenden Filter“ durch die Aufnahmekriterien. Extrem hohe Ausfallquoten, wie sie bisher bei Mittelstandsanleihen auftraten, könnten so von vorneherein vermieden werden. Die Ausrichtung von Scale gehe in die „absolut richtige Richtung“ und könne dazu führen, dass die Investoren sehr viel stärker aus dem Bereich der institutionellen Anleger kommen könnten als bisher. Der Beratungsgesellschaft Capmarcon geht dies aber nicht weit genug. Private und semi-institutionelle Anleger sollten von Scale ausgeschlossen werden, fordert sie. Die Börse habe es versäumt, ein grundsätzlich interessantes Finanzmarktsegment, in dem es den bislang beteiligten Akteuren an Qualität, Kompetenz und Expertise mangelt, aus reichend zu professionalisieren und so eine neue Emissionskultur zu schaffen.

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