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Börsencrash : Deutschland ist nicht in Schanghai

Frische Luft brauchen chinesische Anleger derzeit jedenfalls. Bild: AFP

Deutsche Anleger fürchten, die unruhigen Zeiten an Chinas Börse könnten auch die Kurse deutscher Aktien belasten. Zu Unrecht - oder zumindest nicht so, wie es Untergangspropheten landläufig verkünden.

          2 Min.

          Die Börsen in China haben am Montag einen starken Kursrutsch verzeichnet. Seit Anfang Juni ist der CSI 300 , der gemeinsame Index der Börsen in Schanghai und Shenzhen um fast 30 Prozent gefallen. Das beunruhigt viele Anleger. Obwohl es das nicht müsste. Dazu genügt erst einmal der kurze Blick nach Hongkong. Der dortige Hang-Seng-Index ist im selben Zeitraum lediglich um 11,5 Prozent gefallen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch wenn im vergangenen Herbst Ausländern der Zugang zur Börse in Schanghai eröffnet wurde, so beschränkt sich deren Engagement im wesentlichen auf die Börse in Hongkong. „Schanghai ist eine riesige Manipulation“, bringt es der Leiter der Aktienabteilung einer großen Investmentgesellschaft auf den Punkt. „Die Regierung glaubt, sie könne alles kontrollieren. Die Prämie auf die gleichen Aktien in Schanghai gegenüber Hongkong ist irrsinnig hoch.“

          Das, was gemeinhin allen Börsen unterstellt wird, gilt für die Börse in Schanghai tatsächlich. Sie ist eine Zockerbörse, an der Dinge möglich sind, die anderenorts längst der Vergangenheit angehören. Dazu beigetragen hat die Regierung, die einen Börsenboom künstlich anheizen wollte, um den Konsum zu beflügeln, der das schwächelnde Wirtschaftswachstum antreiben sollte.

          So hatte sie erst im Dezember zugelassen, dass Aktien auf Pump gekauft werden dürfen. Das hatte die Rally erst möglich gemacht. Jetzt werden diese Bestimmungen hastig wieder rückgängig gemacht. Das schreckt ausländische Investoren erst richtig ab.

          Damit ist die Börse in Schanghai in den weltweiten Aktienhandel nicht integriert und die Kursverluste dort sind sozusagen ein Einzelschicksal. Zumal die Manipulationen jetzt eben in die andere Richtung laufen. Verkaufsverbote, Handelsaussetzungen – die dortige Börse und die Regulierungspolitik hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Aus diesem Grund greifen ihre Stabilisierungsmaßnahmen nur dort, wo sie direkte Verbote beinhalten. Das Kaufinteresse dämpft die Politik eher. Weil die Börse aber politisch manipuliert ist, sind Kursbewegungen wie das nur leichte Minus von 0,2 Prozent am Dienstag letztlich Nicht-Meldungen.

          Wenn es um China geht, so muss der Blick ein anderer sein. Auch dieser kann sorgenvoll sein, die Börsenturbulenzen haben aber nur bedingt damit zu tun. Laut den Analysten der australischen ANZ Bank seien die Auswirkungen auf die Banken beherrschbar. Wertpapierkredite machten nur 6 Prozent der Kredite aus. Der Einfluss auf die Bankbilanzen durch niedrigere Bewertungen mache nur 2 Prozent der Bilanzsummen aus.

          Auswirkungen auf Konsum denkbar

          Die fallenden Aktienkurse könnten indes auf die Nachfrage nach dauerhaften Konsumgütern übergreifen. Der Finanzmarkt habe im ersten Halbjahr rund 1,6 Prozentpunkte zum Wachstum von 7 Prozent beigetragen. Insofern hat es den beabsichtigten Wachstumsimpuls zwar gegeben – doch dieser könnte sich als teures Strohfeuer herausstellen.

          Die Nationalbank erklärte am Dienstag, sie werde verschiedene geldpolitische Instrumente nutzen, um im zweiten Halbjahr für ausreichend Liquidität zu sorgen. Die Analysten der ANZ hatten schon am Vortag prognostiziert die People’s Bank of China werde bis Jahresende die Zinsen um weitere 25 Basispunkte und die Mindestreservesätze um 100 Basispunkte senken.

          Ruhig Blut

          Michael Kerley, Geschäftsführer im Bereich Asiatische Aktien bei Henderson Global Investors, macht die Volatilität an Chinas Börsen zwar Sorge, hofft aber darauf, dass die
          richtigen geld- und ordnungspolitische Maßnahmen für Beruhigung sorgen werden und sich somit interessante Gelegenheiten zuzukaufen ergeben. Man bleibe optimistisch in Bezug auf die Bewertungen und Gewinne der chinesischen Unternehmen. Zudem gebe es Verbesserungen der Qualität des Wachstums, auch wenn die Quantität aktuell unter Druck stehe.

          Insofern geht von den Turbulenzen an den chinesischen Börsen keine unmittelbare Gefahr einer Finanzkrise oder eins weltweiten Börsencrashs aus. Das sieht man auch nicht zuletzt daran, dass sich etwa der Dax am Dienstag wieder erholt. Die amerikanische Börse sorgte sich gar nicht erst so sehr, sondern befasst sich mehr mit dermöglich bald bevorstehenden Zinserhöhung.

          Zwar könnte der Kursverfall in Schanghai zu einer Eintrübung der Weltwirtschaft beitragen, doch ist sein Einfluss begrenzt. Manchmal muss man einfach durch, wenn nicht alles eitel Freude und Sonnenschein ist.

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