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Aktien-Hausse : Der unglaubliche Börsenboom in China

Chinesische Anleger haben derzeit gut lachen. Bild: Getty

Alle zocken mit am chinesischen Aktienmarkt. Den Indizes gehen die Nullen aus. Die Chinesen sind im Börsenfieber.

          5 Min.

          Das Herz des chinesischen Aktienmarkts schlägt hinter einer intarsienverzierten Holztür in der Xiangyang-Straße Nummer 27. Draußen strahlt die Frühlingssonne am ausnahmsweise blauen Schanghaier Himmel und taucht die von Platanen gesäumte Allee in der ehemaligen französischen Konzession Schanghais in warmes Licht. Doch zu den Menschen hinter der Holztür Nummer 27 dringt kein Strahl. Die Vorhänge vor den Fenstern sind zugezogen, damit die Börsenkurse auf den 120 Monitoren besser lesbar sind.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Auf blauen Plastikschalen wie am Busbahnhof, 40 Reihen à vier Plätze, sitzen Chinesen mit grauem oder lichtem Haar und Gesichtern, deren tiefe Falten von einem entbehrungsreichen Leben künden. Es ist 14.30 Uhr, in einer halben Stunde schließt der Schanghaier Aktienmarkt, die größte Börse Chinas, und wie in Hunderten weiteren Städten kann das Rentnerheer des Reichs der Mitte seinen Blick vom Auf und Ab der Zahlenkolonnen auf dem Kursbildschirm nicht lösen. Am stärksten steigt gerade der Kurs des Pekinger Medienkonzerns Zhongshi: 99 Punkte im Plus, angezeigt in Rot. Sind die Zahlen grün, sinkt der Kurs. Sind sie rot, steigt er. Fast der ganze Bildschirm ist rot, rot wie die Fahne der Kommunistischen Partei: willkommen in der Volksspekulantenrepublik China.

          In den Aktienmarkt investieren, das heißt auf Chinesisch: Chao Gu. „Die Aktie im Wok heiß machen.“ Und heiß ist er, der Markt in Schanghai, so wie nirgendwo sonst in der Welt: Um sagenhafte 120 Prozent stieg der Kurs des marktbreiten Hauptindex namens Shanghai Composite an Chinas größter Festlandbörse in den vergangenen zwölf Monaten - während gleichzeitig die Wirtschaft des Landes immer langsamer wächst, die Exportunternehmen im Süden gewaltige Einbrüche verzeichnen. Warum gehen die Kurse also weiter hoch? Die Antwort steht in wunderschönen Schriftzeichen an der Wand des Handelsraums in der Xiangyang Lu 27, einer Filiale des Brokers Shanghai Securities: „Nimm dein Leben selbst in die Hand und mach Investments.“ Das ist eine Referenz an die Befreiung der Arbeiterklasse durch den Großen Vorsitzenden Mao und das beliebte Propagandalied „Marschieren in die neue Zeit“: „Wir kommen, um unseres eigenen Schicksals Herr zu werden und singen ,Der Osten ist rot‘“.

          Chinas Wirtschaft und sein Immobilienmarkt sind schicksalhaft miteinander verbunden

          Der Volkswirt Giacomo Corneo von der FU Berlin hat vergangenes Jahr ein Buch über ein Experiment geschrieben, das er „Aktienmarktsozialismus“ nennt und bei dem der Staat mit 75 Prozent Eigentümer jedes börsennotierten Unternehmens ist, den Rest halten Kleinanleger. So würden die Gewinne nicht bei den Reichen verbleiben, sondern nach unten umverteilt. Ungefähr so lautet auch die Idee der Kommunistischen Partei Chinas: 80 Prozent der Marktkapitalisierung der Schanghaier Börse werden von chinesischen Privatpersonen getragen. Das ist sensationell viel. In Frankfurt sind die Besitzer von zwei Dritteln der Aktien ausländische Banken und Fonds. Unter dem Drittel, was den Deutschen verbleibt, sind die institutionellen Investoren klar in der Mehrheit. Seit die Deutschen mit der „Volksaktie“ der Telekom ihr Vermögen verloren haben, scheuen die Privatanleger die Börse. In China ist es genau andersherum.

          Im Raum mit den vielen Bildschirmen und verwitterten Computerterminals in der Schanghaier Xiangyang Lu stehen die von ihren staatlichen Arbeitgebern längst verrenteten Frauen und Männer von Börsenbeginn um 9 Uhr morgens bis Börsenschluss um 15.30 Uhr nachmittags. Und zocken, was das Zeug hält. Die Regierung tut alles, damit sie noch mehr ihres Ersparten setzen und noch mehr Leute kommen.

          Neben dem Eingangstor von Schanghais volkseigenem Kunstbuchverlag treffen sich allmittäglich die Torwächter aus der Umgebung und genießen gemeinsam eine Tasse Tee nach dem Essen. Es gab Reis und in Tofu eingewickeltes Schweinefleisch, dazu ein Glas Schnaps. In diesen Tagen werden in China pro Tag Millionen neuer Aktiendepots eröffnet. Der Torwächter Tang, 66 Jahre alt, Monatseinkommen 2000 Yuan (300 Euro), ist dagegen ein alter Hase. Er zockt bereits seit den frühen Neunzigern an der Börse. Er spricht langsam und voller Selbstgewissheit über einen Artikel, den er an diesem Morgen in der „Volkszeitung“ gelesen hat, die ihren Namen einst von Mao höchstpersönlich erhalten hat und bis heute offizielles Sprachrohr der Regierung ist: „Hier steht, ab 4000 Punkten beginne erst an der Börse der Bullenmarkt. Es ist nichts falsch daran, auf die Regierung zu hören.“ In der Tat: Warum sollte Torwächter Tang der Zeitung nicht glauben, die in ihrem Kommentar die Chinesen auffordert, der Propaganda der Auslandspresse keinen Glauben zu schenken, in Schanghai drohe bald eine Kursblase zu platzen, weil sich Kurse und wirtschaftliche Realität immer weiter voneinander entfernten. „chinesische Aktien tragen in sich den Chinesischen Traum“, schreibt die „Volkszeitung“. „Die Gelegenheit zur Geldanlage ist gewaltig groß.“ Herr Tang hat gekauft: Aktien großer Energiekonzerne. Aktien von LED-Herstellern. „Bis zur Rente war ich Elektriker“, sagt Herr Tang: „Ich kenne mich aus.“

          China ist im Aktienfieber: Im Fahrstuhl des Apartmenthauses im Schanghaier Stadtteil Pudong unterhalten sich zwei Frauen über „Kleine Schwalbe“, „Xi?oyànzi“ auf Chinesisch, womit die Schauspielerin Zhao Wei gemeint ist, die vor 17 Jahren berühmt wurde als Prinzessin „Kleine Schwalbe“ in einer Fernsehserie über die Kaiserzeit in der Qing-Dynastie im 18. Jahrhundert. „Kleine Schwalbe“, zitieren die Damen im Fahrstuhl Zeitungsmeldungen, habe sich mit Aktien dumm und dusselig verdient.

          Im Studentendorf Songjiang, eineinhalb Zugstunden südwestlich des Schanghaier Zentrums, sitzen Hunderte Knaben und ein Dutzend Mädchen Anfang 20 im Internetcafé „Netz und Kaffee“ in tiefen Sesseln im Gitterdesign und zocken das Computerspiel „War of Warcraft“. In den Spielpausen wechseln sie auf dem Bildschirm zum Aktienmarkt und setzen das Geld, das es von Oma und Opa zum Frühlingsfest gab. In einer Untersuchung der Universität für Finanzwesen aus Chengdu von 4000 Haushalten kam heraus, das zwei Drittel der Neulinge unter den Aktionären an Chinas Börsen die Schule etwa im Alter von 15 Jahren ohne Hochschulreife verlassen haben, 30 Prozent im Alter von 12 Jahren, 6 Prozent sind Analphabeten. Ihr Einkommen ist gerade mal halb so hoch wie das Einkommen derjenigen, die schon länger Aktien handeln. Vergangenen Montag gingen der Schanghaier Börse dann die Nullen aus. Als der Umsatz mit Aktien erstmals in seiner Geschichte den Wert von einer Billion Yuan (150 Milliarden Euro) überstieg, gab das Computerprogramm namens „Show 2003“ seinen Geist auf und zeigte gar nichts mehr an, auf größere Summen war es nicht ausgelegt.

          In der nur von Bildschirmen und ein paar schwachen Lampen erhellten Dunkelkammer in der Xiangyang Lu berichtet Li Hui seine wechselhafte Anlegergeschichte, beige Stoffjacke, 60 Jahre alt und damit längst von seinem früheren Arbeitgeber, einem staatlichen Lebensmittelkonzern, in Pension geschickt. Anlagemöglichkeiten gibt es in China neben der Börse nur auf dem Wohnungsmarkt. Um die Jahrtausendwende, als der Quadratmeter in Schanghai ein paar tausend Yuan kostete, hatte Li Hui kein Geld. Heute, wo der Preis das Zehnfache dessen beträgt, hat Li Hui Geld, aber nicht genug für den Wohnungsmarkt. Außerdem sinken dort seit neun Monaten in Folge die Preise in gefährlicher Geschwindigkeit, der Vorstandschef des Immobilienkonzerns Soho hat seine Branche mit der Titanic kurz vor dem Zusammenstoß mit dem Eisberg verglichen. Deshalb treibt der Staat die Menschen in die Aktienmärkte, um Vermögen zu bilden.

          Nur sind das eine, Chinas Wirtschaft, mit dem anderen, dem Immobilienmarkt, schicksalhaft miteinander verbunden. Lässt die Regierung die ersten zahlungsunfähigen Staatsgiganten umkippen, dürften auch an der Börse die Kurse anderer Unternehmen in den Keller rauschen. In der Xiangyang Lu kauft Li Hui an diesem Tag Aktien von Chinas staatlichem Eisenbahnbauer, der den Spitznamen „Himmelszug“ trägt, weil sein Kurs in den vergangen zwölf Monaten um über 700 Prozent gestiegen ist.

          Zwei Tage später geht der Kurs um sechs Prozent runter. Und weiter zwei Tage später wieder rauf. Der Himmelszug wird zur Achterbahn. Am ersten Tag des neuen Jahres, dem Jahr der Ziege, hat Li Hui in einem Buddha-Tempel Räucherstäbchen angezündet und 500 Yuan gespendet für ein glückliches Händchen an der Börse. Hoffentlich hilft’s!

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