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Aktien-Hausse : Der unglaubliche Börsenboom in China

Neben dem Eingangstor von Schanghais volkseigenem Kunstbuchverlag treffen sich allmittäglich die Torwächter aus der Umgebung und genießen gemeinsam eine Tasse Tee nach dem Essen. Es gab Reis und in Tofu eingewickeltes Schweinefleisch, dazu ein Glas Schnaps. In diesen Tagen werden in China pro Tag Millionen neuer Aktiendepots eröffnet. Der Torwächter Tang, 66 Jahre alt, Monatseinkommen 2000 Yuan (300 Euro), ist dagegen ein alter Hase. Er zockt bereits seit den frühen Neunzigern an der Börse. Er spricht langsam und voller Selbstgewissheit über einen Artikel, den er an diesem Morgen in der „Volkszeitung“ gelesen hat, die ihren Namen einst von Mao höchstpersönlich erhalten hat und bis heute offizielles Sprachrohr der Regierung ist: „Hier steht, ab 4000 Punkten beginne erst an der Börse der Bullenmarkt. Es ist nichts falsch daran, auf die Regierung zu hören.“ In der Tat: Warum sollte Torwächter Tang der Zeitung nicht glauben, die in ihrem Kommentar die Chinesen auffordert, der Propaganda der Auslandspresse keinen Glauben zu schenken, in Schanghai drohe bald eine Kursblase zu platzen, weil sich Kurse und wirtschaftliche Realität immer weiter voneinander entfernten. „chinesische Aktien tragen in sich den Chinesischen Traum“, schreibt die „Volkszeitung“. „Die Gelegenheit zur Geldanlage ist gewaltig groß.“ Herr Tang hat gekauft: Aktien großer Energiekonzerne. Aktien von LED-Herstellern. „Bis zur Rente war ich Elektriker“, sagt Herr Tang: „Ich kenne mich aus.“

China ist im Aktienfieber: Im Fahrstuhl des Apartmenthauses im Schanghaier Stadtteil Pudong unterhalten sich zwei Frauen über „Kleine Schwalbe“, „Xi?oyànzi“ auf Chinesisch, womit die Schauspielerin Zhao Wei gemeint ist, die vor 17 Jahren berühmt wurde als Prinzessin „Kleine Schwalbe“ in einer Fernsehserie über die Kaiserzeit in der Qing-Dynastie im 18. Jahrhundert. „Kleine Schwalbe“, zitieren die Damen im Fahrstuhl Zeitungsmeldungen, habe sich mit Aktien dumm und dusselig verdient.

Im Studentendorf Songjiang, eineinhalb Zugstunden südwestlich des Schanghaier Zentrums, sitzen Hunderte Knaben und ein Dutzend Mädchen Anfang 20 im Internetcafé „Netz und Kaffee“ in tiefen Sesseln im Gitterdesign und zocken das Computerspiel „War of Warcraft“. In den Spielpausen wechseln sie auf dem Bildschirm zum Aktienmarkt und setzen das Geld, das es von Oma und Opa zum Frühlingsfest gab. In einer Untersuchung der Universität für Finanzwesen aus Chengdu von 4000 Haushalten kam heraus, das zwei Drittel der Neulinge unter den Aktionären an Chinas Börsen die Schule etwa im Alter von 15 Jahren ohne Hochschulreife verlassen haben, 30 Prozent im Alter von 12 Jahren, 6 Prozent sind Analphabeten. Ihr Einkommen ist gerade mal halb so hoch wie das Einkommen derjenigen, die schon länger Aktien handeln. Vergangenen Montag gingen der Schanghaier Börse dann die Nullen aus. Als der Umsatz mit Aktien erstmals in seiner Geschichte den Wert von einer Billion Yuan (150 Milliarden Euro) überstieg, gab das Computerprogramm namens „Show 2003“ seinen Geist auf und zeigte gar nichts mehr an, auf größere Summen war es nicht ausgelegt.

In der nur von Bildschirmen und ein paar schwachen Lampen erhellten Dunkelkammer in der Xiangyang Lu berichtet Li Hui seine wechselhafte Anlegergeschichte, beige Stoffjacke, 60 Jahre alt und damit längst von seinem früheren Arbeitgeber, einem staatlichen Lebensmittelkonzern, in Pension geschickt. Anlagemöglichkeiten gibt es in China neben der Börse nur auf dem Wohnungsmarkt. Um die Jahrtausendwende, als der Quadratmeter in Schanghai ein paar tausend Yuan kostete, hatte Li Hui kein Geld. Heute, wo der Preis das Zehnfache dessen beträgt, hat Li Hui Geld, aber nicht genug für den Wohnungsmarkt. Außerdem sinken dort seit neun Monaten in Folge die Preise in gefährlicher Geschwindigkeit, der Vorstandschef des Immobilienkonzerns Soho hat seine Branche mit der Titanic kurz vor dem Zusammenstoß mit dem Eisberg verglichen. Deshalb treibt der Staat die Menschen in die Aktienmärkte, um Vermögen zu bilden.

Nur sind das eine, Chinas Wirtschaft, mit dem anderen, dem Immobilienmarkt, schicksalhaft miteinander verbunden. Lässt die Regierung die ersten zahlungsunfähigen Staatsgiganten umkippen, dürften auch an der Börse die Kurse anderer Unternehmen in den Keller rauschen. In der Xiangyang Lu kauft Li Hui an diesem Tag Aktien von Chinas staatlichem Eisenbahnbauer, der den Spitznamen „Himmelszug“ trägt, weil sein Kurs in den vergangen zwölf Monaten um über 700 Prozent gestiegen ist.

Zwei Tage später geht der Kurs um sechs Prozent runter. Und weiter zwei Tage später wieder rauf. Der Himmelszug wird zur Achterbahn. Am ersten Tag des neuen Jahres, dem Jahr der Ziege, hat Li Hui in einem Buddha-Tempel Räucherstäbchen angezündet und 500 Yuan gespendet für ein glückliches Händchen an der Börse. Hoffentlich hilft’s!

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